Lesestoff

Ewart Reder proudly presents: Tanja Dückers, Axel Dielmann, Vanessa Verzay, Muepu Muamba, Danica Schäfer, Joachim Durrang, Cornelia Kube-Druener, Ewart Reder u. ? ? ? schreiben und gestalten für dich. Scroll over our scripture roll!

Freude des Orients

© Ewart Reder

Naye Ausschnitte

Fotorezension der „Ernst Wilhelm Nay Retrospektive“ im Museum Wiesbaden 2022/23 – als solche (wie auch die Einzelbilder) künstlerische Eigenleistung von Ewart Reder. Das Museum Wiesbaden soll sich freuen. Wem die Bilder gefallen, geht sofort in die Ausstellung.

Die sechs letzten Nächte

A: Was sind wir?
B: Nichts dergleichen, was sie kennen.
A: In wie vielen Mündern nahmen diese Worte bereits Platz?
B: Wir sind verstörend, treffen wir aufeinander.
A: Du weißt das. Ich auch. Können wir nicht einfach sein?
B: Ich möchte mich an dir erledigen, auf kunstvolle Weise, in einer Welt, in der sie Kunst nicht bemerken, wenn sie direkt vor Augen liegt. Bluten, in einer Welt, in der sie das rote Gold nicht schätzen, nur Schmerzen damit verbinden.
A: Schmerz wirkt tröstend auf uns, aber es ist alles, außer möglich.
B: Spürst du es nicht. Ich will so vieles.
A: Spürst du es?

Vanessa Verzay

Bedeutung

A: Alles kann das Ende sein, aber nimmermehr der Anfang.
B: Was soll’s.
A: Mich bringt’s um den Verstand.
B: Um welchen? Hast du ihn nicht bereits zig Mal verloren?
A: Verlieren ist finden, weißt du das nicht? Die Augen sind nur dann offen, wenn sie geschlossen sind.
B: Immer ist 1 bei dir alles, nur nicht 1. Kann 1 nicht einfach 1 sein?
A: Beschreibe mir, was 1 ist. Benötigst du dafür nicht Worte, die über die 1 hinausgehen.
B: 1 ist 1.
A: 1 was? 1 ist nur der Pfeil. Die Anzahl. Von irgendwas.
B: Schreib doch eine 1 auf ein Papier und zeig, was anderes sie ist, außer einer verdammten 1.
A: Eine An-Zahl, ein Gebilde, ein Symbol, ein Zeichen. Es steckt so viel dahinter.
B: Aber sie ist keine 2.
A: Sie ist dennoch mehr als bloß „1“.

Vanessa Verzay

NR 5

NESPRESSO
STARBUCKS
MOBILISATION
JACK&JONES
WETRANSLATION – englische Aussprache -
METRANSPLANTATION – englische Aussprache -
PUTINEXPLORATION – dt.A.
BIDENCONTRADIKTION - dt.A.

NR 6

Schnee von gestern!

Auf den Straßen.

Mir machst du nicht vor!

Das Wetter regiert die Welt.

Alle Wetter! 

NR 8

ASIATISCH

Sympathisch?
Land
an und
für sich
authentisch
und modern
im Kern.
Lebendig
und wendig.
Großmächtig,
als Goliath
ein aufgehender Stern?

Cornelia Kube-Druener, aus: „AUTOKORREKTUR 2022“

Es fliesst I

© Ewart Reder

Es fliesst II

© Ewart Reder

Es fliesst III

© Ewart Reder

Türsteher

Zwei tiefengebräunte Herren im endgültigen Jugendalter nehmen am Nebentisch des Cafés Platz und beginnen zu frühstücken. Markanter als die Gesichter sind die Tattoos auf allen vier Oberarmen. Deren Maximalumfang ist auf jeden Fall das Markanteste. Das Gespräch dreht sich um Berufliches, das mit Gewaltanwendung und deren unterschiedlicher Effizienz zu tun hat. Am besten von allen im Verlauf des Gesprächs erwähnten und beurteilten Berufskollegen macht es ein Tarik, denn der schlägt so gut wie nie zu. Warum? Weil jeder weiß, was aus denjenigen später wurde, bei denen Tarik vor Jahren eine Ausnahme machte und, als er zuschlug, zunächst den Oberkiefer und anschließend noch so dies und das zerbrach. In der Folge muss Tarik nur noch wenig sagen, was seinem Begabungsprofil auch entgegenkommt, vor allem, dass er Tarik sei und dann wissen die Gegenüber Bescheid und benehmen sich so, wie Tarik es will. Auch ich, der diese Nachricht nur wegen seiner ausgeprägten Hörbegabung empfängt, bin schlagartig bereit mich so zu verhalten, wie Tarik, falls anwesend, es sich von mir wünschen würde, und keinesfalls anders oder gar daneben. Was Tarik anderenfalls alles mit mir machen könnte und zuverlässig würde, kann ich nur erahnen, da die zwei Männer, nachdem das Wichtige gesagt ist, ihre Stimmen rücksichtsvoller Weise so weit senken, dass außer dem auf jeden Fall gesetzwidrigen und höchstwahrscheinlich mörderischen Charakter der Ausführungen nichts nach draußen dringt, jedenfalls nicht zu mir. Folgerichtig entfaltet das zirka halbstündige Gespräch der zwei Männer seine Hauptwirkung durch die kontinuierlich abnehmende, nach zehn Minuten kaum noch messbare Lautstärke, flankiert von flackernden Seitenblicken, ob auch bestimmt keiner lauscht. Die Botschaft ist ja klar: Gewalt ist für die beiden reserviert, sichert sie ab insofern, als andere als gewaltsame Mittel es immer schwer haben werden gegen eine entschlossene und rücksichtslose Gewaltanwendung. Womit ganz nebenbei der unumschränkte Herrschaftsanspruch zweiter Männer über alle Umsitzenden und potenziell sich Einmischenden proklamiert ist und wenn die zwei für Momente so etwas wie Freude oder doch Zufriedenheit ausdrücken, dann darüber, dass alles ihrer Herrschaft unterliegt, wodurch es vor allem eins ihnen nicht mehr bereiten kann, das wohl in ihrem bisherigen Leben noch nicht so gut klappte, wobei man nie nie sagen soll – Kopfzerbrechen (von innen).

Was passieren würde, wenn die zwei Gewalthaber sich veruneinigen und ihre Gewalten wechselseitig gegeneinander richten würden, ist das einzige Rätsel, das sie mir aufgeben. Das ihnen so allein und von jedem Nachbargeheimnis unbegleitet auch nicht wirklich gut steht.

Ewart Reder

‚Tot‘

Verdauung ist ein älteres
System als ich
in mir ist der fünfte
Schöpfungstag
auch wie noch nicht vergangen
anderes Leben
andere Musik
andere Videos
rollende Sonnenflecken
unter Wasser
auf einem langen ‚toten‘ Ast.

Ewart Reder

„Ich fühle mich…“, setze ich an, angelehnt an die Wand, die Hand wild umhergestikulierend. Verstumme. Bevor der Rest des Satzes schwingend durch den Raum gleitet, weiche ich zurück, wild, schreckhaft. Ängstlich. Ertappt. Die Summe aller Fehlschläge entfaltet ihre Kraft. Gedacht, es wäre machbar dieses eine Mal den Hahn zugedreht zu lassen. Keine Ängste, die durch meine Rohre fließen und im Abflussrohr die Anläufe hin zum Mut verblassen lassen wie Wasser ein Blatt Papier. Auf dem steht geschrieben „ich brauche ein bisschen mehr Liebe“.

Nur grade. Nach dieser Phase. Ein bisschen mehr Schutz und Sicherheit. „Schenk mir Sonne. Schenk mir Wärme. Schenk mir Licht.“ „Gib mir einfach nur ’n bisschen Halt

Und wieg mich einfach nur in Sicherheit.“

Kalt ist es gerade häufig und das Geseufze am Esstisch oder am Telefon macht es nicht besser. Ich erkenne, dass das nicht an dir oder an mir liegt, ich erkenne so vieles, aber erkennen beendet den Krieg nicht. Nicht allein. Sitzend daheim reimen sich die Dinge, die zu sagen wäre, nur schwerlich erreichen sie das zu Erreichende.

Vanessa Verzay

…Und langsam meinen die Stimmen „hör einfach auf“. Gerne würden die Stimmlippen schwingen und stimmhaft Botschaften überbringen. Stimmlippen ist das wissenschaftliche Wort für Stimmbänder. Du erkennst das. Der random Fakt. Aus dem Nichts vor die Füße geknallt. So leicht, denn der Widerhall ist nicht so stark, wenn es was ist, dessen Lautstärke nicht alles überragt, dessen Wurzel nicht tief in mir liegt und nach Wasser fleht. Noch ist es nicht zu spät, aber irgendwann und hoffentlich habe ich bis dann erwähnt, was mich so quält. In der Hoffnung, dass man es nicht in der Luft zerschlägt.

Vanessa Verzay

Ob ich das bedacht habe, fragst du mich und lehnst deine Augenbraue gegen deine faltenreiche Stirn im Gesicht.  Ich sinniere darüber, woher die Falten kommen, denn nach viel grübeln siehst du definitiv nicht aus. „Aus die Maus“, unterbreche ich den Gedankengang, ist doch ein jemand immer mehr als der Oberflächenangespanntheit anzuerkennen oder „abzuverlangen“. Trägheit setzt sich in die Poren meiner Haut, schleicht unermüdlich müde, bis das Gegenüber begreift, dass es soweit sei, seine Frage zu relativieren. Ob ich die Möglichkeit denn gehabt hätte es anders zu gestalten, so lautet die versucht nettere Variante. Ich schwanke zwischen lachen und verprügeln, aber lächle nur müde. Natürlich und nicht du Idiot. Das ist es, was ich, so zeigt mein rotes Gesicht, gerne vermischt mit Tritten hinklatschen würde, doch ich habe gelernt die Würde am Schwanz zu packen. Nochmal entwischt sie mir nicht, diese Ratte. Pass auf, schmeiße ich in den Raum, man weiß genau es gäbe Art und Weisen auf andere Weise zu verscheißen oder eben was zu reißen, denn rein objektiv betrachtet, gibt es grenzenlose Reisen, geht man in Gedanken rein hypothetisch theoretisch alle Fälle durch. Mein overthinker-Hirn bediente sich ein paar der Wege, drehte sich und flog und sank und nahm mir den Verstand. Zehntausend Szenarien später hab ich dann, pass gut auf, erkannt, dass es anders auch Hand und Fuß hätte. Aber nicht meine. 

Du sagst

Die Patschehändchen halten noch

Zusammenkleben geht noch immer

Ich steh‘ da und seh den Haufen

Seh die Scherben, hör’s Gewitter

Du liegst nebenan,

Ich liege in diesem Zimmer

Du weinst stille Tränen, aber ich, ich höre doch Gewimmer

Niemand schafft’s zu trösten, doch ich brauche doch deine Arme

Lege meinen Kopf auf deine Brust zum Schlafen 

Vanessa Verzay

aus „Autokorrektur 2022“

Das Auge
sucht Sehstücke,
balanciert senkrecht
und waagerecht,
notiert Eindrücke.
„Ich habe gesehen,
also bin ich!“
…es klickt,
wird rundgeschickt.
DAS LACHEN
kehrt ein,
guter Hausgeist!
DAS LACHEN
kehrt aus,
ein Besen!
So, sauber gefegt,
so, lustig geregt,
lässt es sich leben!
WÖRTER -
gerne einfach benutzt,
verwebt im Gehirn
mit Garn und Faden,
Wolle und Zwirn.

WÖRTER -
an schnellen
Ideen zerschellt,
von wirren
Gedanken umstellt.

Cornelia Kube-Druener

Thematisch bin ich schlagbar mit den immergleichen Dramen

Aber Worte die sich wandeln und die Erde neu besamen

Drehst du dich um den gleichen Punkt mit den rund immergleichen Sätzen

Wird dich kaum noch jemand schätzen ohne artikulare Wahnsinnsschätze

Texte die sich beißen mit den immergleichen Reizen sind im Endeffekt dann doch nichts anderes als immergleiche Scheiße

Anders sein lauten Devisen, als gäbe es die Möglichkeit

Leg dich unter deine Fliesen, wenn du dir mit dem Versuch die Zeit vertreibst

Weil: das wurde alles schon gesagt, ungefähr zig mal in diese Welt getragen mit allen Farben, allen Fahnen

Nuancen sind die einzigen noch nicht so oft gesehenen Sachen bei der Sache
Vanessa Verzay

Die Plappermaschine

Die Plappermaschine redet
entwirft Laute
streicht Konsonanten durch
widerspricht äußert ein Argument
Es kratzt über den Boden
ergreift den Schrubber
putzt eine Stunde lang die Tür
wankt ins Bad
und erbricht sich
Joachim Durrang

Idyll

Aus dem Schornstein
quillt eine Wolke
setzt einen Sonnenhut
aufs Haar
pfeift ein Lied
die Amsel bewegt Beine und Flügel
durch eine Feder streicht
ein Lichtstrahl
Joachim Durrang

Die Nachahmung

Erst war der Vogelgesang
da ahmte Adam
Zwitschertöne nach
in die sich Gedanken mischten
zum Tanz von Tönen
entfaltete sich der Sinn
Joachim Durrang

Das Friedenstelefon

© Ewart Reder
Das Liebesnest ruft an:
Wo bleibt ihr?
Die Sterne flüchten:
unbegleitete Kinder.
Die Blumen verweinen 
letzte Zehncentstücke.
Verschlafen räkelt sich der Fluss
im Aufwachkabel:
verflossen die munteren
Sprechmöglichkeiten.
Die Hunde gucken zu
und denken:
Die können es nicht
wir dürfen es nicht.
Immer noch besser
ihr würdet Männer
rät die Hure.
In Achills Keller
magert das Trockengemöse.
Die Amsel 
nimmt sich trotzdem Zeit
für Komplimente
und Zuhören.
Das Wichtige.

Ist es das was euch fehlt?

Ihr seid uralte Männer. Jede/r auf der Welt versteht euch.

Liebe gute Welt, entspann dich. Bitte.

Wozu bin ich hübsch?

Mittwoch, 2. Februar von 15 – 16 Uhr 

Montag, 7. Februar von 16 – 17 Uhr (Wdh.)

WortWellen


Verlorene Fragen treiben auf der trüben Suppe. Aber sie kann trotzdem schmecken und wer will verlorenen Bildern nachtrauern nach einer tiefer unter der Schürze genossenen Wärme? Aber was wird aus mir? Bange Fragen bilden sich neu, steigen an abkühlende Oberflächen. Und was machen sie außer bange? 
Die Pandemie hat junge Menschen besonders tief getroffen, verwundet. Sich schützen ist okay, einen anderen Menschen schützen kann das schönste Beginnen sein. Aber was wird aus einem Leben, das noch nichts erfahren hat außer schützenden Aufschub? Das Schönste kann daraus immer noch werden. Sagen zwei Poetinnen, denen ihr heute zuhört, deren Bücher unter eurer Schürze schlagen wollen wie zwei Schwesterherzen: Marica Bodrožić: Pantherzeit (Essay), Safiye Can: Poesie und Pandemie (Gedichte)

© Ewart Reder

Neujahr

Ich fand eine Biene
in unserer Christrose.
Obwohl sie stolperte
vor Kälte
flog sie unermüdlich
alle Blüten ab
tat 
alles was das Leben sagte.

Ich machte ein Gedicht.
Es sagte mir
was ich gesehen hatte.
Ich wollte
es fortsetzen mit Vorsätzen
die mir einfielen
aus Liebe
aus Unausgefülltsein.

Aber die Hand
schreibt nicht.

Ich stelle meine Verse
unter Naturschutz.
Ich will nichts mehr 
verbessern
was angekommen ist
bei mir.
Ewart Reder

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