Potenzialismus

Potenzialistisches Manifest


Wir können mehr.

Wir wollen mehr.

Wir sind mehr.

ERSTENS: WIR KÖNNEN MEHR

Was heißt „wir“? Wen meine ich damit? *

Ich meine alle. Ich erlaube mir, die drei oben stehenden Sätze auf „uns“ alle anzuwenden. Die Freiheit nehme ich mir deshalb, weil ich „uns“ dabei nicht definiere, sondern im Gegenteil behaupte, dass „wir“ das, was täglich über „uns“ behauptet wird, NICHT SIND.

Es gibt einen prominenten Feuilletonisten in Deutschland, der praktisch jeden Artikel in der „Wir“-Form schreibt. Was er damit tut, ist zu behaupten, dass er die Menschen kennt und weiß, dass alle so denken wir er. In Wirklichkeit fürchtet er natürlich, dass das kein Einziger tut. Das ist auch so, und er müsste noch nicht mal traurig sein darüber.

Jeder Mensch denkt etwas anders als die anderen. Kein Wunder, er hat ja Informationen, von denen nicht wenige exklusiv sind. Keine/r sonst hat sie. Trotzdem werden wir täglich für irgendwelche Denkweisen vereinnahmt – von dem genannten Feuilletonisten, von Politiker*innen, vom Arzt, von der Nachbarin, von Popsongs …

Die Folge davon ist, dass ich nicht mehr weiß, wie ich selber denke. Ich spreche so vieles im Chor der Vereinnahmungen mit, dass ich meine Stimme verliere. Die eigene Stimme ist leise. Ich höre sie erst, wenn ich die Tür zu den Vereinnahmungen schließe.

Dann merke ich aber: Da ist mehr in mir als das, worauf mich die Vereinnahmung festlegen und reduzieren will. Es regen sich Kräfte, die mitsprechen wollen, wenn ich spreche. Und sie wollen anderes, nicht nur sprechen. Lebenskräfte werden wach, die ich in Kindertagen zuerst verleugnet und dann vergessen habe. Ich merke: Ich kann Sachen, die mir niemand beigebracht hat, die ich nie geübt habe. Ich kann sie jetzt üben. Ich kann Dinge dazulernen, mit deren Hilfe die Kräfte unbändig und regsam werden.

An der Stelle überleg bitte mal, dass die Vereinnahmung nicht gestern, nicht letztes Jahr, auch nicht erst in deiner Kindheit oder überhaupt zu deiner Lebenszeit angefangen hat. Seit Jahrhunderten und Jahrtausenden geschieht sie. Ihre Gesamtmenge heißt Geschichte. Der Teil der Geschichte, den die Menschen nicht aktiv gestaltet, nicht mit Bedacht entwickelt und umgearbeitet haben, ist Vereinnahmung. Ein Turm aus Definitionen erhebt sich über jeder und jedem einzelnen, aus Zuschreibungen, die über uns gemacht wurden. Und das Bild ist noch schief, weil es den Turm nach außen verlegt. In Wirklichkeit steht er innen – über dem kleinen Rest dessen, was Kant unsere „Persönlichkeit“ nennt.

„Der Tod ist alles, was du nicht abweisen, wozu du nicht nein sagen kannst“, schreibt Olga Tokarczuk. Ich stimme ihr nicht zu, aber ich lerne von ihr, die freie Entscheidung als den Kern meiner Lebendigkeit zu begreifen. Ein sehr kleiner Kern ist das. Die moderne Neurobiologie leugnet ihn. Die postmoderne Philosophie tut es ihr nach. Meine Erfahrung sagt: Beide irren sich. Der Kern bekommt Risse, damit aus ihm der Trieb des Lebens wachsen kann. Ein Baum ist nicht der Beweis für die Nichtexistenz des Samenkorns, aus dem er entstanden ist. Er ist das Potenzial, das der Same in sich trug.

Beide zusammen sind, in Goethes paradoxer Formulierung, „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“.

ZWEITENS: WIR WOLLEN MEHR

Das bisher Gesagte mag klingen, als sei jede/r potenziell der Mittelpunkt des Universums. Füge ich noch hinzu, dass unsere Wünsche ebenfalls auf mehr zielen als das, was die Wirklichkeit enthält, scheint es, als würde ich Nietzsches Konzept vom Übermenschen vertreten, einen Maximalismus des Anspruchs. Aber Nietzsches Denken fußt auf einer Negation alles Vorgefundenen, auch des Natürlichen.** Was er als Natur, Leben, Energie bezeichnet, sind mehr oder weniger verzweifelte Setzungen aus seinem Geist, der keinen Wert neben sich akzeptieren will. An der Stelle ein Nachtrag: Vereinnahmung ist nichts, was von außen kommt. Ich selbst muss wollen, dass etwas Bestimmtes über mich und über das Universum gelte. Nietzsche wollte Übermensch sein. Die breite Masse akzeptiert, dass Eliten sie für unbedeutend erklären. Zuschreibungen dieser Art werde ich immer nur aus einem Grund wollen beziehungsweise akzeptieren: dass ich nicht weiß, wer ich bin und in was für einem Universum ich mich befinde.

Ich dagegen glaube, dass wir beides rausfinden können. Und dass wir, je näher wir der doppelten Erkenntnis kommen, desto weniger Mittelpunkt von etwas sein wollen und desto bereitwilliger und beeindruckter die Vollkommenheit anerkennen, die große Teile des Universums aufweisen.

Ich will nicht mehr haben als meine Schwestern und Brüder. Betrachte ich die ungleiche Welt, heißt das: Ich will weniger haben. Denn nicht alles an Westeuropas „imperialer Lebensweise“ (Brand/Wissen) wäre in einer gleich verteilenden Welt noch sinnvoll. Zwei Autos pro Haushalt mal sicher nicht. Autoverkehr als Normalität auch nicht.

Aber ich will eine gleich verteilende Welt. Sie wäre etwas viel Besseres und Größeres, als es je gab. Und sie ist möglich.

Ich will das gleichberechtigte Zusammenleben aller Menschen, was auch heißt: die gleichzeitige Entwicklung aller menschlichen Potenziale. Das wäre ein unvorstellbarer Reichtum an Glück und Inspiration, an Schönheit und Tiefe aller Beziehungen.

Bei allen individuellen Unterschieden, die Menschen einander von Herzen gönnen: Grundlegend wollen alle Menschen dasselbe. Die neun Bedürfnisse nach Manfred Max-Neefs decken neunzig Prozent dessen ab, was Menschen brauchen, was sie dementsprechend auch wollen.

Oder mit Marshall B. Rosenberg: „Wir sind alle ein Teil der göttlichen Energie, wir sind alle Eins.“

DRITTENS: WIR SIND MEHR

Je mehr wir sind, desto eher tun wir, was wir wollen.

In dem Maß, in dem wir unsere Gemeinsamkeit realisieren, werden wir mehr, als wir individuell sein können.

Außer der Weisheit der vielen gibt es also die Gerechtigkeit der vielen.

In der westlichen Welt sind Demokratie, Anarchismus und (freiwilliger) Kommunismus die Bewegungen, bei denen wir politisch ansetzen können. Wohl gemerkt ansetzen, also das, was sich historisch schon in die Richtung gleichberechtigtes und freies Zusammenleben bewegt hat, weiter entwickeln in dieselbe Richtung.

Konservativ ist im Westen nur noch ein Synonym für das totalitäre Kapital. Liberal ist inhaltsgleich. Daneben vereinnahmen uns rückwärts gewandte Konzepte für Dinge wie „Nation“, „Rasse“, „Tradition“, „Führer“, „Religion“ – aus Angst vor dem menschheitlichen Erwachsen werden.

Was andere Weltgegenden Nützliches an politischen Bewegungen entwickelt haben, kann ich mangels genauer Kenntnis nicht beurteilen. Da die drei westlichen Konzepte, die ich nenne, ihre universellen Anwendbarkeiten haben, gehe ich aber davon aus, dass umgekehrt die Palaver-Kultur afrikanischer Völker, das entwickelte Glücksbewusstsein asiatischer Gesellschaften und Anderes auch im Westen anwendbar sind.

Noch in einer anderen Hinsicht sind wir MEHR ALS GEDACHT.

Vor knapp vierhundert Jahren sah Descartes in eine brennende Kerze und fragte sich, was angesichts des vor seinen Augen zu nichts werdenden Objekts als objektiv wirklich gelten könne. Nachdem er die unterschiedlichsten Gedanken verworfen und allgemein hinter den Gedanken eine teuflische Täuschung für möglich erklärt hatte, kam sein Geistesblitz. Die kartesianische Wende im westlichen Denken. COGITO ERGO SUM.

Was die europäische Philosophie auf Descartes Einsicht aufbaute, war eine radikale Bereitschaft zur Kritik im Sinne von Plausibilitätsprüfung. Für mehrere Jahrhunderte hielt diese Entdeckung sie allerdings nicht davon ab, philosophische Systeme zu entwickeln, für die die Menschen erst philosophisch, bald darauf auch politisch und am Ende total vereinnahmt wurden. Angeblich waren diese Systeme, weil der radikale Zweifel an ihrem Anfang gestanden hatte, „Wissenschaft“ im Unterschied zu den Systemen der kirchlichen Scholastik. Mit der Folge, dass Widerspruch weniger leicht möglich war als im Mittelalter.

Mein erster Einwand gegen diese Philosophie: Die Einzelheiten werden dem Allgemeinen geopfert. „Wer keine Einzelheiten sieht, der weiß nichts. Und wer nichts weiß, der wird über kurz oder lang grausam.“ (Olga Tokarczuk)

Mein zweiter Einwand: Descartes Entdeckung wurde nur zur Hälfte verstanden.

Die Möglichkeit, dass unser Denken sich täuscht, ist immer gegeben, sagt Descartes. Dafür allein gebührt ihm der Rang eines Patriarchen. Das Denken wird überdies aufgewertet, weil es Fähigkeiten zeigt dazu, sich aus einer Täuschung heraus zu arbeiten.

Aber das ist nicht alles. Die Feststellung, die Descartes vor der sich auflösenden Kerze in Wahrheit machte, war sogar eine andere. Nicht der Inhalt des Denkens erwies sich als unhintergehbare Tatsache, sondern der Modus des denkenden Subjekts und damit die Quelle des Denkens oder zumindest der Initiator von dessen Bewegung: das Ich.

Nach drei Jahrhunderten des Systemdenkens und seiner Katastrophen kehrte die Philosophie im Existenzialismus an diesen Punkt zurück. Bezeichnete das voraussetzungslose Ich als den Punkt, von dem allein gesicherte Erkenntnis ausgehen könne.

Und verstand Descartes immer noch halb.

Das Ich des Existenzialismus ist Bestandteil dessen, was es tut: des Denkens. Das Ich Descartes war und ist eine dunkle Eminenz hinter den Gedanken, die die Gedanken formt, richtet, bewegt und sich kraft dieser Tätigkeit als über den Zweifel erhaben erweist, dem die Gedanken für sich genommen weiter unterliegen.

Deswegen Potenzialismus.

Nicht das Ich als Teil des Denkens (postmodern: der Sprache), sondern das Ich als Beweger der Gedanken (Gestalter der Texte) bin ich und will ich werden.

Beziehungsweise: das Wir. Alle Philosophie mit Wahrheitshoffnung spricht in der ersten Person plural. Hofft auf Aussagen, die das globale „Wir“ nachvollzieht.

Mit der Frage, ob es den Geist gibt, halte ich mich persönlich nicht auf, schon deshalb, weil es unzählige kulturelle Zugänge zu seiner Wirklichkeit gibt. Ich nenne bloß Zen, Meditation, Exerzitium, Gebet, Träume, Schamanismus, Magie, Spiritismus, Mysterienkult, Poesie (ja, auch die).

Persönlich glaube ich an Jesus Christus, an Gottvater, an den heiligen Geist, dessen Realität für mich fester steht als die Luft, die ich atme.

Hier geht es mir aber vorrangig um Dinge, die alle Menschen teilen können. Das ist bei Bekenntnissen so eine Sache, da kann mein Verstand deinen Verstand schnell missverstehen und umgekehrt. Die Liebe ist zwar auch nicht frei von Möglichkeiten des Missverständnisses, aber sie braucht sich bei jedem Missverständnis nur einmal umzudrehen und sieht schon wieder klar, sieht den anderen Menschen, wie er ist.

Das heißt: wie er werden kann und werden will.

Ewart Reder

* Vgl. zu dem Wort ein Gedicht aus meinem neuen Band Die hinteren Kapitel der Berührung (erscheint Frühjahr 2021 im Pop-Verlag, Ludwigsburg):

Was machen eigentlich wir?

Terrortote fluten das Interesse Ruhm der Poptoten verebbt

der Tod zappt durch den Tag. Heute mehr Angst oder mehr

Art-zu-leben-Kanonisierung? CSU oder CDU?

Keiner weiß was die Stimmen die fehlen mit ihrem Klang

nach unstillbarem Durst nach Freiheit sich selbst zu bestimmen

was die statt der öffentlichen Sache von der unsere Tage schweigen

heute zu irgendwem privat vielleicht sagen Alltägliches

mit Freundlichkeit oder mit täuschendem Gleichmut für ungebraucht

unterwegs verlorenen Mut. Trotzdem hören das zwei oder drei

mit dem Effekt dass sie sich noch nicht aufgeben wegen der Stimme

der Selbstbestimmung die solange sie einen Körper hat immer hält.

Vielleicht ist das mit dem Körper auch schwierig geworden über den

selbst nicht zu bestimmen ist der soll nun dieser Stimme Halt

geben diese Festigkeit die nichts Gewolltes hat nichts aus

Unsicherheit und Angeberei Zusammengesetztes wie das Geschrei

das anzuhören unser Alltag geworden ist. Der Talkdrüsentalg.

Der rein stolpernde Mob toppt die ihn raus drängelnde Staatsmacht.

Gezeiten sind an einem Meer das Zuverlässige sogar unterhaltsam

wären sie hätte man den Vorschwapp nur immer zuverlässig

vergessen beim Zurückschwapp. So ist das Ganze

nur ein Spiel mit unserem Leben das wir nicht leben

wollen sonst würden wir unsere Stimme erheben nur eben

bis zur Hörbarkeit. Würden zuständig miteinander

sprechen zwanglos. Mit dem verlorenen Mut der Vormünder.

** Nietzsche negiert auch und besonders das Mögliche, wie der Arzt Emmerich Kondor in Stefan Zweigs Roman „Ungeduld des Herzens“ ausführt:

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