
Ewart Reder proudly presents: Tanja Dückers, Axel Dielmann, B.B., Vanessa Verzay, Muepu Muamba, Danica Schäfer, Joachim Durrang, Cornelia Kube-Druener, Jörg Simon, Ewart Reder u. ? ? ? schreiben und gestalten für dich. Scroll over our scripture roll!
Der Langschläfer
Ich höre die Tür, ein lautes Geschrei, Geschimpfe und ein dumpfes Geräusch vom Besenstiel, welcher wiederholte Male, aber nicht wirklich schmerzhaft, den Bereich der Decke anvisiert, unter welchem sich mein Gesäß befindet. Es ist meine Mutter, sie schreit wiederholte Male, weshalb ich noch im Bett liege und schlafe. Ich bin still und gebe keine Antwort, aber auch in meinem Kopf finde ich keine rationale Antwort, möglicherweise, weil ich es will, oder bin ich einfach nur faul, wie es mir öfter nachgeworfen wird? Es ist schon knapp neun Uhr und ihre Reaktion liegt wohl daran, dass ich nicht auf der Arbeit bin und stattdessen schlafe. Ich sage ihr, dass es heute später anfängt, und sie verlässt mein Zimmer mit einer grimmigen Miene. Ich denke, sie hat immer noch nicht verstanden, dass meine Arbeitszeiten flexibel sind. Ich kann innerhalb eines Zeitfensters entscheiden, wann ich erscheine. Das ist wohl das, was die Menschen heute unter Freiheit verstehen. Man gibt uns den Freiraum etwas im Laufe des Tages zu tun, wann wir wollen, aber etwas, was wir gar nicht machen wollen. Ich weiß nicht, ob ich für alle sprechen kann, manchen scheint die Arbeit wohl zu gefallen, wie dem Hanswurst. Ich könnte auch eine andere Arbeit machen, aber Arbeit ohne entsprechende Qualifikation ist Malochen; mit Qualifikation ist es einfach nur vierzig Jahre lange Qual, bis man Däumchen drehend den ganzen Tag sitzt und mit dem Existenzminimum auskommen muss. Bestenfalls muss man keine Flaschen sammeln.
Die Arbeit ist wohl das Letzte, wonach ich mich sehne, ich hasse diese Arbeit, die Menschen dort. Das alles bescherte mir nur der Abschluss, den ich gemacht habe. Ich hatte zwar die Entscheidung, was ich studieren möchte, aber hat man denn wirklich die Entscheidung zwischen all den Menschen, die alles besser wissen, die denken, dass man eine Spielfigur in ihrer Welt ist, zwischen all dem Einfluss von der Außenwelt. Es klingt salopp, alles auf den Kapitalismus zu schieben, manchmal muss man es tun, doch dann ist man sofort Kommunist. Es wäre in Ordnung, wenn die Menschen überhaupt wissen würden, was der Kommunismus ist, jedoch ist ein Buch in deren Hand seltener zu sehen als ein Eisvogel in der Natur, wenn man wirklich einen sehen will; ist wohl meine Perspektive von Seltenheit. Brotlose Kunst oder ertragreiche Banalität, das ist die Frage, die ich mir damals stellen musste, bevor ich mir mein Studium aussuchte, kurzgefasst ich studierte Schwachsinn. Ich rede wieder zu viel mit mir selbst.
Mutter sitzt auf dem Sofa und schaut ihre Lieblingssendung, sie ist eigentlich eine friedlich Person, nur leicht impulsiv und wenn ich es leider sagen muss, etwas unanpassbar. Das heißt, ihr Umfeld muss so sein, wie sie es will und wenn es nicht passt, wechselt sie nicht ihr Umfeld, passt sich auch nicht an, sondern versucht ihr Umfeld so zu biegen, dass es ihr passt. Aber wer bin ich denn, dass ich urteile, sie hat mich großgezogen. Wir sind alles nur Menschen und das ist unser erstes Leben, sei es ihres, meins oder das meines Vaters, oder was einst sein Leben war.
An meinem Arbeitsplatz liegt ein Stapel loser Blätter, leere Ordner und Trennblätter. Super Einstieg in den Arbeitstag, da sortieren mir mehr Spaß macht, als zehn Stunden mit einer giftgrünen Software rumzumachen. Hanswurst denkt, dass er mir mit solchen Aufgaben eins auswischen kann, das sind eher die harmlosen Possen seinerseits. Beschweren kann man sich nicht, da der Chef ein Roboter ist, den man vielleicht alle paar Tage mal aus seinem Büro rauskriechen sieht, wenn er überhaupt noch lebt, daher muss man bei Angelegenheiten zum Hanswurst. Was bringt das aber, wenn er das Übel ist? Ein freundlicher Gruß meiner Arbeitskollegin, die mit mir im Büro sitzt, und schon fängt die Arbeit an. Das Beste hier ist vielleicht die teure Kaffeemaschine.
Der Chef ruft mich in sein Zimmer. Der Tag beginnt stressig, geht stressig weiter, der Höhepunkt ist stressig und alles andere, was folgt, auch, was mach ich hier überhaupt? Wieso fühle ich mich gezwungen, das zu machen, was ich gar nicht machen will? Jetzt darf ich mir eine Standpauke anhören von dem erfolgreichen Chef, der unter zwanzig anderen Chefs in der Nahrungskette steht, dass ich zu wenig Aufgaben erledige in der Zeit, in der ich arbeite. Effizienz sei das Schlagwort. Ein Mensch, welcher nicht in der Verfassung ist, effizient zu arbeiten, wird abgestoßen, so einfach ist das. Es wird eher ein neues Fahrrad gekauft, statt das alte zu reparieren.
Ich höre Geschrei, bevor ich überhaupt die Haustür öffnen kann. Es sind die Nachbarn, die sich jeden Abend ihr Zuhause in Trümmer schreien, wegen was weiß ich nicht, obwohl es schon seit Jahren so ist. Ich öffne meine Haustür, doch meine Mama ruft meinen Namen nicht wie immer, komisch. Sie liegt da, friedlich schlafend, sie war wohl müde und ist früher schlafen gegangen.
Die Sicht vom Dach ist schön, man sieht die Natur. Vielleicht hält das mich davon ab, endlich mal zu springen. Wie oft hatte ich es versucht. Das Leben fühlt sich nicht so an, als würde ich leben. Ich lebe nur, um andere glücklich zu machen. Ich mache mich selbst unglücklich, damit andere glücklich sind. Das ist mein Leben.
B.B.
WortWellen: Anwalt der verbrannten Dichter
Mittwoch, 5. Februar 2025, 15 – 16 Uhr
Die WortWellen sind fünfundzwanzig! Am 3.1.2001 lief unsere Ursendung „Anwalt der verbrannten Dichter“, ein Porträt des Aschaffenburger Rezitators Arnim Reinert, der die von den Nazis verfolgte und verbrannte Literatur landauf, landab in Schulen, Stadtbibliotheken, Buchhandlungen und Theatern vorlas und kommentierte. Vor Kurzem, am 17. Januar wäre er hundert geworden. Nachdem die politische Entwicklung ihn zuletzt immer mehr an seine Jugendzeit erinnerte, ist der gebürtige Berliner am 9.7.2024 im Alter von achtundneunzig Jahren verstorben. Unzählige Hörer:innen haben noch im Ohr, wie er Kurt Tucholsky, Irmgard Keun, Walter Mehring, Joseph Roth, Gertrud Kolmar und vielen anderen seine Stimme lieh und damit ihre Stimme wiedergab. Stolz präsentieren wir die Sendung noch einmal, in der Vernunft und Menschlichkeit sich aus dem Rauch der von Goebbels & Co. entzündeten Scheiterhaufen zurückmelden. Prosit, Arnim!

VENEZUELA GANA

Stehenlassen
Stehenlassen hat mich einer
der an mich glaubte
so fing es an
was ich erzählen kann
mit Glauben
an ein Produkt
wie jede success story
stehen gelassen wurde ich noch von vielen
die glaubten sie können das machen
was mich noch stärker machte als der
den sie nicht bei sich haben wollten
unbeaufsichtigt
wie alles was nicht sein soll auf Bahnhöfen
wenn man den Durchsagen Glauben schenkt
an Bahnsteigen wo ich stand
weil mich ein Zug stehenließ.
Da merkt man erst was man hat
Arme die hoch und runter gehen
können wie an einem Hampelmann
ohne dass der geht Wörter
die hin und her fahren durch die Welt
ohne mit etwas zusammenzuhängen
ich merkte das nicht
aber heute weiß ich es
meine Geschichte brachte es mir bei
als die Wörter sich auf ihr niederließen
wie ein Möwenschwarm
da bevölkerte sich die Welt mit mir
und ließ die Fahrgäste ziehen
in ihre Kriege. Ich lebte
von der Gleichgültigkeit sie ließ
mich wahr werden wie alles
was nicht mehr gebraucht wird
befreundete mich mit Fremden
die auch keinen hatten der sie beaufsichtigte
ließ alles gelten. Viel oder wenig
spielte keine Rolle mehr
im Kielwasser der Gültigkeit
für das Zurückgelassene
wir sahen das Schiff bald nur noch
als eine Zeile unter anderen
in den Kriegsberichten der Möwen
zum Strich werden unleserlich
wie der Horizont.
Die Welt hebt und senkt sich
und das tut auch die Brust
wer da nicht aufwacht
ist längst nicht mehr da
was schade ist
und von seiner Geschichte bedauert wird
die auf dem Wasser geht wie Wörter
und Schauplätze bedeckt wie das Meer
aber beides nicht mehr zusammenbringt
so lang sie auch tut was sie kann
nämlich dauern und ihren flüchtigen Helden
bedauern der aufhörte wie ein Satz.
Ewart Reder
Singer & Song

Drei Töchter hat Ada

Joachim lebt
Ist da irgendwas schiefgelaufen? Jetzt, wo er nicht mehr da ist, kommen seine Gedichte den Main runter geschwommen. Ist ja auch Karneval. Aber Häuser, die auf dem Dach schwimmen und denen es egal ist, dass sie Schiffe geworden sind, weil die Bewohner nach Holland fahren wollen oder in die Bretagne? In meiner Jugend waren Holland und China die besten Länder, weil da alle Fahrrad gefahren sind. Das Autofieber war bei den einen schon abgeklungen und die anderen hatten es noch nicht. Den Leuten in den schwimmenden Häusern waren irgendwann Beine gewachsen, etwas, von dem social media sagte, dass es das früher mal gegeben habe am Menschen. Den Leuten gefielen ihre Beine so gut, dass sie losrannten und, als sie erschöpft waren, auf Fahrräder stiegen und losstrampelten und, als sie sich später zu einer Beratung trafen, beschlossen nach Holland zu fahren. Diese Leute wurden Seeleute, fuhren in die Welt hinaus und erfuhren so von dem berühmten Seemann Joachim Durrang. Der hatte alle noch fehlenden Kontinente entdeckt, sich aber dann in ein Stück Würfelzucker zurückgezogen, um seinen Lebensabend zu genießen. Dieses Stück Zucker hatte eine nichtsahnende Dame in ihren Kaffee getan, wodurch Joachim sich auflöste und nach einiger Zeit und einigen natürlichen Vorgängen wie essen, trinken, scheißen, recyceln, wieder essen und trinken usw. zum weltweit größten sozialen Netz neben der katholischen Kirche wurde, weil alle oder fast alle ein Stück von ihm in sich aufgenommen hatten. Und so kam es, dass seine Gedichte plötzlich die Welt waren und die bisherige Welt nur noch eine Sache für Spezialisten, ein Gerücht, das hoffte, irgendwann in einem Gedicht zu stehen und damit real zu werden.
Ewart Reder


Ada Waldkönigin

Chanukka Trauer

Red Dog

In memoriam: Joachim Durrang
Mittwoch, 3. Dezember, 15 – 16 Uhr
WortWellen – Radio X – Hier nachhören:
Im nächsten Januar werden die WortWellen fünfundzwanzig. Seit knapp fünfundzwanzig Jahren stellen wir Autor:innen und ihre Texte vor, dokumentieren Veranstaltungen, produzieren literarische Ursendungen, bringen Essays, Reportagen und Berichte zur Literatur. Zuletzt haben wir unseren Fokus erweitert auf Vorträge und wortstarke Musik. Heute schließt sich, aus traurigem Anlass, ein Kreis zu unseren Anfängen. Der WortWellen-Mitgründer Joachim Durrang, Dichter und Maler aus Frankfurt am Main, ist am 7. August 2025 verstorben. Wir erinnern an ihn mit einer Sendung, die 2014 zuerst ausgestrahlt wurde, anlässlich einer seiner wichtigsten Veröffentlichungen. Ihr hört Gedichte aus dem Band „Der tätowierte Himmel“ (Razamba-Verlag) und erlebt noch einmal, was diese Stimme zu sagen hatte. Was sie für immer sagen wird. It’s the poetry stupid!
