
„Weil du das Neue liebst, bist du dazu verurteilt, auf dem Kopf zu gehen“, spricht der Blog. Seine Form führt zu einer vertauschten Anordnung der Dinge. Grundlage dessen, was hier verhandelt wird, ist das „Potenzialistische Manifest“. Du kannst seine Lektüre vorziehen oder gleich hier oben anfangen zu lesen – wie du magst.
Was die zwei nachfolgenen Beiträge tun, ist ausloten, welche Kellergelasse sich im Haus des humanum auftun komplementär zu den Kuppelgewölben, mit denen das menschliche Potenzial verbildlicht sein mag. Der erste Text ist ein maßvoll auftobiografischer Essay, der zweite ein Kommentar zu einer Romanlektüre.
Ichvergiftung
Ich werde gerade meine besten Freunde los.
Einer wurde im letzten Jahr dement, Jahrzehnte vor der statistischen Erwartung. Im Frühjahr verlangsamten sich unsere Gespräche beim Warten auf seine Erinnerung. Im Sommer trank er keinen Alkohol mehr – bis dahin eine tägliche Übung. Die Demenz sah aus wie ein Resultat, das keine weitere Anstrengung erforderte. Im Herbst war er Nichtraucher. Die Wand aus gestapelten Zigarettenpäckchen sah vorwurfvoll auf ihn herab, ohne dass er den Vorwurf noch verstand. Im Winter ging er verloren, kam von einer Reise nicht wieder. Tagelange Recherchen führten in eine psychiatrische Klinik drei Bundesländer entfernt. Als ich ihn da besuchte, hatte er mit der Ärztin noch kein Wort gesprochen. Wir umarmten uns, hörten zwei Stunden meinen Reden zu, lachten einmal zusammen über einen Witz. Dann fuhr ich mit dem traurigsten Glück meines bisherigen Lebens zurück in unsere Wahlheimatstadt. Sie fragt mich jeden Tag, wo er und sein Lieben geblieben sind.
Und jetzt der zweite?
Wie mit dem anderen, verbindet mich auch mit ihm der Alkohol. Unsere Freundschaft begann vor einigen Jahren mit Momenten der Schwerelosigkeit, die nur der Alkohol erzeugen kann. Wir sitzen in einem italienischen Hafen, dessen Becken von Leonardo da Vinci entworfen wurden. Den toskanischen Stumpen, der meinem Freund ausgeht, drehe ich um, knipse die Asche ab, rauche ihn genüsslich zu Ende. Den Geschmack habe ich heute noch auf der Zunge, verbunden mit dem Tiefblau des Nachthimmels. Wein fließt durch uns, dessen Bouquet ich vergessen habe. Wir erzählen uns Blödsinn und wissen: Das ist schlauer, als unsere zwei Schlauheiten einander abtasten zu lassen und die Kanten als Umrisse zweier Persönlichkeiten auszugeben, die wir sind. Die Persönlichkeiten sind da, wir fühlen sie durch den Stoff von etwas Neuem, das wir erzeugen, während wir uns vergessen.
Und nun das. Ich bin bei Andi (so heißt mein Freund) eingeladen, zusammen mit drei anderen Freunden, Jürgen, Matthias und Sebastian. Wir trinken zuerst Cardenal Mendoza, dann Botucal, gucken Champions League und kommen immer weiter vom Spielgeschehen ab, das mich, wie es scheint, als Einzigen interessiert. Wie immer halte ich zu einer der beiden Mannschaften, ohne das kann ich keinem Fußballspiel länger folgen. Und genauso wie immer will Andi nur den Ausgang richtig tippen und die anderen drei, sofern sie das Ganze überhaupt wahrnehmen, wollen das auch, weil sie bei Andi gucken und es da immer so halten. Während mich Aktionen meiner Mannschaft elektrisieren auch noch, als sie schon hoffnungslos zurückliegt, haben die anderen ihren Tipp sicher und reden über die Türkeiwahl. Wie man Erdogan wählen könne, diesen Diktator, diesen Frauenfeind. Ich gehe mit: Das versteht keiner von uns. Wie die Türken in Deutschland noch mehr Erdogan wählen könnten als die Türken in der Türkei. Was das für Leute seien. Die würden hier diskriminiert, sage ich, und deshalb Erdogan wählen, weil sie Deutschland damit ärgern und sich als Türken dabei stark fühlen könnten. Ein Sturm der Entrüstung. Kein Türke werde in Deutschland diskriminiert. Aber es gebe Studien darüber, behaupte ich. Studien gebe es über alles und mit jedem Ergebnis, heißt es. Aber was war das dann in Hanau? frage ich. Das sei ein Verrückter gewesen und ja, Verrückte gebe es noch mehr. Aber das sei nicht Deutschland. Jürgen spricht darüber, wie er als Kind bosnischer Eltern (die ihn tatsächlich Jürgen genannt haben!) Deutschland erlebt habe, resümiert nach langen fünf Minuten, Deutschland sei für Migranten wie sie das Ideal schlechthin, weil sie hier niemals irgendwelche Diskriminierung erlebt hätten.
Die Diskussion entgleist. Ich rege mich auf über Immigranten, die vor lauter Anpassung denen, die in ihrem Land was verändern wollen, ins Kreuz treten, die der Regierung huldigen, anstatt nach den Leuten zu fragen und wie es denen in dem Land geht. Was ich überhaupt wolle, heißt es, ich würde Deutschland schlechtmachen, es würde sich nach einer Verschwörungstheorie anhören, weil es so negativ klinge. Scheißdeutschland ist von da an mein drittes Wort, nacheinander kriegen Andi und jeder seiner Freunde von mir den Kopf gewaschen, worauf sie mir zu viert meinen zurückwaschen und verstrubbeln, bis alles in einer Schweigeminute abtropft und keiner mehr auf Wiederholungen seiner schon mehrfach geäußerten Meinung Bock hat.
Was folgt, ist eine allgemeine Beteuerung des Leidtuns, der Unerklärlichkeit des Geschehenen nebst eindringlicher Versicherung, wie sehr man den anderen wertschätze. Ich tue mich dabei vor allen hervor. Denn ich bin allein. Die anderen sind sich einig und ich habe ihre Einigkeit gestört. Für mich geht es ums weiter Dabeibleiben dürfen. Deshalb mache ich den Vorschlag, dass man alles noch mal mit nüchternem Kopf besprechen solle.
Nur ist diese Runde nie nüchtern. Ich war schon sehr oft und bis heute immer gern mit den Leuten zusammen. Da ich wusste, dass ich wesentliche ihrer Überzeugungen nicht teile, habe ich Diskussionen wie die von heute immer vermieden. Was ich vorgeschlagen habe, ist jedoch ein Format, von dem jeder Anwesende weiß, dass es nie stattfinden wird. Daraus resultiert eine Peinlichkeit, die nur der Alkohol erzeugen kann und von der gezeichnet die Runde sich gegen Mitternacht auflöst.
Kindheitserinnerung: Ich spüre noch, wie ich mich fühlte, wenn mein Vater mir eine runtergehauen hatte. Wie mein Kopf, mein Gesicht sich anfühlten. Wie etwas, das ich so wenig mehr mochte wie mein Vater. Dumm zuallererst. Schwach. Und verlogen. Wahrscheinlich habe ich gelächelt und das Lächeln war gelogen, weil mir gerade der Mensch, dessen Liebe ich mir am meisten wünschte, mitgeteilt hatte, dass ich seiner Liebe unwürdig war.
Drehen wir das Bild mal um. Wo waren wir gerade? Bei einem Mann, der vier Freunde in sein Haus eingeladen hat, mit ihnen trinken und Fußball gucken will. Wobei der Fußball an sich egal ist, der Gastgeber ist kein Fan, tippt gelegentlich Sportwetten in sein Handy, unterhält sich ansonsten aber über anderes, die Familie, die Welt, Sachen, die ihm Spaß machen. Frauen sind keine dabei, die sind irgendwo anders, machen was anderes.
Vier von fünf Männern machen das, was der Gastgeber für den Abend geplant hat. Und der fünfte bricht ansatzlos einen Streit vom Zaun, beleidigt nacheinander sämtliche Anwesenden, äußert radikale politische Ansichten und versenkt den Abend gründlicher als vier Frauen zusammen es hinkriegen würden.
Will man mit so einem noch befreundet sein?
Die Wahrheit ist noch einfacher: Ich bin eifersüchtig auf Andis Freunde. Damit bin ich das Gegenteil von dem geworden, was mich angezogen hat in den besonderen Momenten, die Andi und ich zusammen erlebt haben: eine Großzügigkeit, die von einem unerklärlichen Reichtum herrührt, den man teilt, so wie man das Leben teilt: mit allen Lebewesen des Universums.
I‘m, only saying I want you to be happy. I hate your being unhappy. I don’t mind anything you do that makes you happy.
You just want an excuse. If I sleep with somebody else, you feel you can do the same – any time.
That’s neither here nor there. I want you to be happy, that’s all.
You’d make my bed for me?
Perhaps.
Sarah und Maurice in: Graham Greene, The End of the Affair
Ich muss dazusagen, dass ich kaum Schriftsteller zu meinen Freunden zähle. Mit denen könnte mir eine Szene wie der geschilderte Champions League-Absturz nicht passieren. Dafür würde auch sonst nichts passieren von dem, was ich von einer Freundschaft will.
Aber was ist das eigentlich?

Ich will unbeschwert sein. Nicht weil ich mich von etwas belastet fühlen würde, das ich loswerden müsste, nein. Vielmehr weil ich in schwerelosen Momenten etwas fühle, das mich mit einem anderen Menschen stärker verbindet, als der Alltag und die Anhaftungen des gewohnten Lebens es können. Schreiben ist nun mal, was ich jeden Tag tue. Mit anderen darüber verbunden sein ist schön und wichtig, aber nie schwerelos und auch nur selten unberechenbar wie das, was in Gesprächen zwischen meinen Freunden und mir passiert. Da ist dieses unerklärliche Leben, das wir führen, und jeder will wissen, wie es geht. Jeder weiß, dass es nichts Besseres gibt als das, was dieses Leben in bestimmten Momenten für ihn schon gewesen ist, aber jeder spürt, dass er noch weit entfernt ist davon, das Leben so zu nehmen und so zu verstehen, dass er nicht länger ein Fremdling darin ist, ein Immigrant. Der Alkohol hilft uns eine Offenheit zu erreichen, die der Alltag immer verhindern wird, weil er sonst nicht länger der Alltag wäre, das Grundgesetz, das vorschreibt, was passieren darf. Wobei der Alkohol natürlich die Ausnahme bleiben muss. Feiern ist ein Ausnahmezustand oder es ist kein Feiern, sondern die Verlegenheitslösung für unverstandene Probleme.
Vielleicht sind wir auch über die Jahre in diese Falle gegangen, Andi und ich. Wir arbeiten beide, ohne zu trinken. Insofern ist der Alkohol für uns die Ausnahme. Aber wenn wir nicht arbeiten und wenn wir uns treffen, dann trinken wir immer. Dann ist das in unserem gemeinsamen Leben zur Regel geworden und bestimmt alles. Dann ist das Alltag.
Kindheitserinnerung: In der Grundschule hatte ich nur einen richtigen Freund, obwohl ich beliebt war (vor allem bei Mädchen). Ich erinnere mich, als hätten die anderen Jungs in meiner Umgebung meinen Ansprüchen nicht genügt. Sie waren beim Kämpfen zu brutal, hielten die Regeln nicht ein, wirkten damit roh und unbeherrscht auf mich. Nach zwei Jahren kam ein Junge in unsere Klasse, den vom ersten Tag an jeder einzelne Junge in der Klasse zum besten Freund haben wollte. Auch mein einziger Freund. Auch ich. Dieser Junge war stiller als wir alle. Mehr wussten wir eigentlich nicht von ihm oder zumindest zielte unser Verlangen, ihn zum Freund zu haben, auf nichts als die geheimnisvolle Ruhe, die er ausstrahlte. Ich erinnere mich, wie ich mich selbst nach der Begegnung mit dem Jungen anders wahrnahm als vorher. Ich hatte mich immer für ruhig, für besonnen und nachdenklich gehalten alias wurde von den Erwachsenen so eingeschätzt. Auf einmal fand ich mich oberflächlich, flatterhaft und gefallsüchtig. Mit etwas mehr Sinn für Drama hätte ich mich als ein Verdurstender gefühlt, der einen tiefen und unerschöpflich freigiebigen Brunnen entdeckt hat.
Sehen wir es noch mal anders. Andi hat seit Kurzem ein Haus mit schönem Garten in ruhiger Lage. Darin wohnt er mit seiner kleinen Familie. Jürgen und Matthias haben auch Häuser. Der eine bewohnt seins mit der Freundin, der andere allein. Und dann ist da noch Sebastian. Der baut beruflich Häuser, ist Architekt und gönnt sich den Luxus, mit seiner Familie in einer großzügigen Stadtwohnung zu leben. Die umfasst das oberste Stockwerk eines Mietshauses aus der Gründerzeit, von dem der Gründerzeitanteil ungefähr so groß ist wie der Barockanteil des Humboldtforums. Das Mietshaus gehört Sebastian.
Ich bin der einzige, der mit seiner kleinen Familie zur Miete wohnt. Hätte sich unsere Miete, seit wir eingezogen sind, auch nur einmal erhöht, wüsste ich nicht, wo wir überhaupt noch wohnen würden.
Mit Jürgen fährt Andi immer Motorrad. Groß und schwer ist das, was sie verbindet. Matthias ist Junggeselle und gefühlt jeden Tag bei Andi. Das beneidenswerte Leben von Andi und seiner Familie schlingt ein Möbiusband zu dem Neid von Matthias auf dieses Leben und zurück. Sebastian und Andi gehen zusammen Alkohol einkaufen. Beide sind Kenner und in der Lage, ihre Kenntnisse in Besitz umzuwandeln.
Und ich? Früher habe ich mit Andi viel diskutiert, wir sind ins Theater gegangen oder in Konzerte. Mittlerweile sitzt Andi lieber im Garten oder in einem geräumigen Wohnzimmer. Immer sind Menschen um ihn, oft viele. Meist hat Andi sie eingeladen, manchmal ein Freund von Andi. Nie ich.
Die Schwerelosigkeit zwischen Andi und mir ist weg, oder das stimmt eigentlich nicht – sie ist eine liebe Erinnerung geworden, die wir alle paar Wochen haben. Etwas fremd wirkt sie zwischen den sonstigen Zuständen, in denen wir uns befinden, zwischen den leichter erreichbaren Schwerelosigkeiten zwischen Andi und anderen Menschen, zwischen mir und anderen Menschen. Sie wurde eingefangen von den Leben, die wir führen, um nicht etwa von etwas anderem geführt zu werden, und damit korrigiere ich mich: Die Schwerelosigkeit zwischen uns ist tatsächlich weg.
Auch Erdogan wohnt seit zwei Jahren in einem großen Haus. Es hat eintausend Zimmer. Gern trifft er sich mit Freunden, oft vielen, manchmal Millionen. (Die bleiben freilich draußen auf der Straße.)
Angefangen hat Erdogan anders. Egal ob man mit einem Politiker wie ihm etwas Positives verbinden will oder kann, Investitionen im Osten der Türkei und die Bereitschaft, den Krieg gegen die Kurden zu beenden, standen am Anfang der AKP-Herrschaft. Eine Brücke, die die Türkei und den gesamten Orient hätte verändern können, spannte sich über das Land, als die AKP 2015 die absolute Mehrheit verlor. Mit der kurdischen HDP zu koalieren, hätte Erdogan eine unerschütterliche Mehrheit verschafft. Die Brücke blieb unbetreten, wie wir wissen. Erdogan entschied sich für die extreme Rechte als Partner, nahm ihr zuliebe den Krieg gegen die Kurden wieder auf, ruinierte die türkische Wirtschaft. Dann schrieb er eine quasi diktatorische Verfassung, setzte sie per Abstimmungsbetrug durch, riss die Medien an sich, verwandelte das Land in ein politisches Gefängnis und führt seit Jahren Krieg mit NATO-Waffen gegen seine demokratischen Nachbarn in Nordsyrien.
Zusammengefasst wird Erdogans neues Programm von einer Szene aus der letzten Wahlnacht. Er singt ein Liebeslied auf sich selbst, das irgendwelche Anhänger gedichtet und angestimmt haben. Mit dem Mikrofon in der Hand ist nur er selbst zu hören. Alles stimmt jetzt in seinen Augen: die Atmo auf seiner Party, die türkische Dichtung, das TV-Programm seines Landes.
Ich hätte das auch genommen. Wäre Andi gegen seine Freunde mit mir einer Meinung gewesen und hätte mir vor ihnen seine Liebe erklärt, ich hätte nicht länger wissen wollen, welche Meinung es war, die wir teilten, nicht länger eine Meinung gehabt überhaupt, sondern mitgesungen bei seinem Ständchen auf mich und lauter als er und noch lange, nachdem er fertig gewesen wäre damit.
Nur als ich Franz liebte, habe ich die Welt verstanden und war froh. Wer liebt, betet. Alles war klar. Ich wollte gut sein. Ich glaube, man fängt an, alles richtig zu machen, wenn man gut sein will. Und ich glaube, ich mache alles falsch, wenn ich immer nur will, daß andere gut sein sollen zu mir. Ich will geliebt werden, alle wollen geliebt werden, auf tausend Menschen, die geliebt werden wollen, kommt vielleicht einer, der lieben will. Vater unser … mein Herz ist ein Klumpen Trauer.
Irmgard Keun, Nach Mitternacht
Andi und ich in Istrien. Nachts unter Sternen in einer Bar. Meine Frau kommt, das bedeutet: Jemand muss sie bei den Kindern ablösen. Keiner will. Ich gehe. Gucke fern in unserem Bungalow und höre nebenbei die Kinder, wie sie draußen spielen, schreien, Spaß haben. Ab und zu gucke ich nach ihnen. Alles gut so weit. Bis Andi kommt und mich ohne Vorwarnung anschreit. Ein Nachbar ist, statt bei mir zu klopfen, vor in die Bar gelaufen und hat sich bei Andi über den nächtlichen Kinderlärm beschwert. Andi – Rekonstruktion: – ist widerwillig aufgestanden, mitgegangen, auf dem Weg sauer geworden, dass er aufstehen und mitgehen musste. Er fragt nicht, was passiert ist, brüllt sofort los und ich bin sprachlos, weil ich das ungerecht finde, was er macht. Wäre er halt zu den Kindern gegangen. Groß was anderes als ich hätte er auch nicht gemacht. Ich widerspreche, mehr um es getan zu haben. Irgendwann ist Andi weg. Ich liege wach bis zum Morgen.
Kurz muss ich geschlafen habe. Als ich aufwache, habe ich einen Tinnitus. Schon meinen dritten. Die ersten zwei bin ich durch sofortige Medikation wieder losgeworden, den zweiten, nachdem ich mich von der Straße weg in eine Klinik habe aufnehmen lassen. Hier ist keine Klinik. Und kein Ginkgobaumpräparat (denke ich). Also ziehe ich die Badehose an, springe ins Meer und mache ungefähr eine Dreiviertelstunde lang unorthodoxe Bewegungen im Wasser, um die Durchblutung anzuregen und insbesondere den Nacken- und Halsbereich zu dehnen, damit die dort verlaufenden Arterien sich weiten und wieder genügend Blut in das geschädigte Ohr pumpen. Als ich rauskomme, merke ich schon den Erfolg. Später fahre ich nach Poreč und kaufe in einer Apotheke ein kroatisches Ginkgomedikament, das ein Fünftel so viel kostet wie in Deutschland und höher dosiert ist. Über die Woche, die wir noch da sind, verliert sich das Ohrgeräusch vollständig. Ich habe meinen dritten Tinnitus überstanden. Rückstandlos.
Über den Vorfall geredet habe ich mit Andi nie. Auch wenn das für manche ein Indiz sein dürfte, dass ich nicht mal elementare Voraussetzungen zu einer Freundschaft erfülle, gebe ich es zu. Ich bin nicht stolz auf meine Feigheit und nehme mir vor, Andi auch Jahre nach der Sache noch mal darauf anzusprechen. Ebenfalls nehme ich mir vor, andere Modi von Selbstöffnung und Entgrenzung, die ich kenne, als Alkohol und Drogen demnächst auszuprobieren mit Andi, ihm das vorzuschlagen und damit auch unser gemeinsames Problem mit dem Alkohol anzusprechen.
Und ich will nicht mehr eifersüchtig sein. Generell nicht mehr.
Die Wahrheit erleuchtet die Seele gemäß ihrer Reinheit, und nicht irgendeiner Art von Menge entsprechend. Nicht die Menge des Metalls spielt eine Rolle, sondern der Grad der Legierung. Auf diesem Gebiet hat ein wenig reines Gold denselben Wert wie viel reines Gold. Ein bisschen reine Wahrheit hat denselben Wert wie viel reine Wahrheit. Ebenso: Eine vollkommene griechische Statue enthält ebenso viel Schönheit wie zwei vollkommene griechische Statuen.
Simone Weil
Wirkliche Freundschaft tut gut, weil sie wirklich ist und nicht, weil sie exklusiv wäre. Nicht die Zahl von Menschen, die sie ausschließt, spielt eine Rolle, sondern die Intensität, mit der die Freunde von ihr umschlossen werden. Ein Freund mit vielen Freunden ist genauso gut wie ein Freund, der nur mich zum Freund hat. Sich einmal im Jahr sehen und Freunde sein ist genauso viel wert wie zusammenwohnen und Freunde sein. Ein wirklicher Freund macht das Leben genauso wertvoll wie ein Partysaal voll mit wirklichen Freunden.
Ist es in der Liebe genauso? Das ist zwar ein anderes Thema, aber ich glaube schon. Zwischen den Standpunkten von Sarah und Maurice in „The End of the Affair“ von Graham Greene entscheide ich mich für Sarahs. Ich will, dass es der Frau, die ich liebe, gutgeht und wenn etwas ihr guttut, will ich nicht, dass sie meinetwegen darauf verzichten muss. Umgekehrt genieße ich, was sie für mich empfindet, bedeutet, tut und verändert. Warum soll ich niemandem anders gönnen, das Gleiche von ihr geschenkt zu bekommen und damit glücklich zu sein? Immer vorausgesetzt, meine Frau liebt mich wirklich, wird sie mich nicht weniger lieben deswegen, weil sie jemanden anders auch liebt.
Ich sollte einiges in meinem Leben ändern. Und auch in meinem mind set. Freuds Instanzenmodell zum Beispiel generalüberhole ich. In meiner Freundschaft zu Andi sehe ich mich bedroht nicht von einem Über-Ich, sondern von meinem Ich. Was der Freund und ich zusammen haben, ist mehr, als was ich habe und was er hat. Weswegen mein Ich und sein Ich uns das nicht gönnen. Unsere Ichs schließen eine schmutzige Allianz miteinander und mit unseren Esses, mit den Trieben und niederen Beweggründen, die uns leiten, damit wir das größere Ganze und Gemeinsame möglichst nie erfahren oder, wenn das unvermeidlich war, es schnell wieder vergessen und gegen das beschauliche Ich-Glück eintauschen, das uns zuverlässig voneinander trennt. Auf meiner Seite als Unterstützer steht in Sachen Freundschaft nur das Über-Ich, das seinen Namen, wie ich bemerke, von meinem Ich erhalten hat, einen höchst manipulativen, abwertenden Namen. Ich taufe es um in „Ich-Berater“. Dem höre ich zu, wenn er mich warnt, mich ermutigt oder Informationen mit mir teilt. Dank erfüllt mich für das, was ich von ihm bekomme.
Kindheitserinnerung: Ich habe irgendwas Dummes gemacht oder gesagt und meine Mutter steht vor mir, Gesichtszüge angespannt, Blick fest auf mich geheftet, presst aus schmalen Lippen den Vorwurf, den ich so gut kenne, weil ich ihn beständig auf mich ziehe: „Immer nur ich, ich, ich. Du sollst doch nicht immer nur an dich denken. Denk doch mal an andere, das ist wichtiger.“ Im Augenblick wirkt sie nicht glücklich, aber das liegt an dem Kind und den Dummheiten, die es wieder tut oder sagt, der Verantwortung, die sie als Mutter trägt dafür, dass das Kind mittelfristig schlauer wird. Vielleicht ist meine Mutter auch nicht oft glücklich. Aber eins ist sie: Glücks fähig. Das weiß ich, das erlebe ich mit. Und wenn ich sie in einem solchen Moment angucke, weiß ich: Ihr Glück hat mit dieser Fähigkeit zu tun, nicht immer und ausschließlich an sich selbst, sondern auch mal beziehungsweise in diesem konkreten Moment an andere zu denken und deren Zufriedenheit, deren Glück zu teilen.
Mal sehen, ob und wie es weitergeht mit Andi und mir. In den nächsten Tagen fahre ich erst mal zu dem Freund, der dement geworden ist. Wir werden beieinandersitzen und es genießen. Was uns verbindet, braucht keine Gespräche oder andere Manifestationen unserer doppelten Einzelbedeutsamkeit. Die hinter uns zu lassen war schon das Ergebnis unserer Gespräche, solange wir sie führen konnten. Wie einfach ist das jetzt erst geworden.
Free Fall
In dem gleichnamigen Roman behandelt William Golding die Frage, an welchem Punkt der Vergangenheit sein Protagonist Sammy den freien Willen verloren hat. An dessen Vorhandensein in der Kindheit erinnert Sammy sich so genau wie an „the taste of potatoes“. Mit der potenzialistischen Grundfrage, warum und auf welchem Weg Menschen den Zugang zu ihrem Potenzial verlieren, hat das insofern zu tun, als Sammy den unfreien Status, in dem er sich befindet, als Deprivation erlebt, die Suche hingegen, die er mit dem Roman erinnernd aufnimmt, als eine Wiederbegegnung mit Fähigkeiten und Facetten seiner selbst, die er vergessen hatte.
Eine Schlüsselszene des Romans spielt in einem deutschen Kriegsgefangenenlager, wo Sammy als britischer Offizier des Zweiten Weltkriegs den Verhör- und Foltertechniken eines versierten Gestapomanns ausgesetzt ist. Während eine vorbereitende Szene das Verhör und Sammys Verhalten während desselben schildert, zeigt die wenig später eingeschaltete Schlüsselszene Sammy allein in einem komplett abgedunkelten Raum. Das Gespräch mit dem Folterer, obwohl gewaltlos und äußerlich respektvoll geführt, hat ihn darauf vorbereitet, dass schreckliche Dinge ihn erwarten. Der dunkle Raum, dessen Beschaffenheit nur die Hände und der Rücken ansatzweise ertasten können, birgt infolgedessen ein Unbekanntes, das Sammy in hypertrophen, außer Kontrolle geratenden Vorstellungen imaginiert, deren Schrecken vom Tastsinn und dessen updates fortwährend exponenziell vergößert wird. Gegen Ende der Szene bestätigt sich, was der Gestapomann in dem Verhör zu ihm gesagt hat: „We are the experts. We do not torture you. We let you torture yourself.“
Was die Szene meiner Meinung nach demonstriert, ist zum Einen die unbegrenzte Angstfähigkeit des Menschen, zum anderen aber – als deren Äquivalent – seine ebenso wenig festzulegende Schöpfungskraft und Erfindungsgabe. Mögen die Sinne ursprünglich allen Inhalt geliefert haben, mit dem der Geist seine Vorstellungen ausfüllen kann, ist doch der tätige Geist um ein Vielfaches und bis zur Unabhängigkeit überlegen als Verwerter und Gestalter jeglichen Inhalts. Interessant finde ich besonders den Romankontext der Szene und damit ihre Interpretierbarkeit als Exempel von re-impowerment. So frei das Kind Sammy noch auswählen konnte aus den sich ihm bietenden Möglichkeiten, so frei kann der gefangene Kriegsteilnehmer plötzlich das gesamte Setting an Möglichkeiten erschaffen und tut es, auch wenn keine dieser Möglichkeiten ihm die Freiheit im Sinne seiner Freilassung verspricht. Golding zieht aus seiner Szene andere Schlussfolgerungen als ich und ich empfehle diese zu verfolgen, i.e. den Roman zu lesen. Wo seine und meine Interpretation sich treffen, ist die Anerkenntnis des Schmerzes, der Misshandlung als eines möglichen Zugangs zu dem eigenen verschütteten Potenzial.
Potenzialistisches Manifest
Wir können mehr.
Wir wollen mehr.
Wir sind mehr.
ERSTENS: WIR KÖNNEN MEHR
Was heißt „wir“? Wen meine ich damit? *
Ich meine alle. Ich erlaube mir, die drei oben stehenden Sätze auf „uns“ alle anzuwenden. Die Freiheit nehme ich mir deshalb, weil ich „uns“ dabei nicht definiere, sondern im Gegenteil behaupte, dass „wir“ das, was täglich über „uns“ behauptet wird, NICHT SIND.
Es gibt einen prominenten Feuilletonisten in Deutschland, der praktisch jeden Artikel in der „Wir“-Form schreibt. Was er damit tut, ist zu behaupten, dass er die Menschen kennt und weiß, dass alle so denken wir er. In Wirklichkeit fürchtet er natürlich, dass das kein Einziger tut. Das ist auch so, und er müsste noch nicht mal traurig sein darüber.
Jeder Mensch denkt etwas anders als die anderen. Kein Wunder, er hat ja Informationen, von denen nicht wenige exklusiv sind. Keine/r sonst hat sie. Trotzdem werden wir täglich für irgendwelche Denkweisen vereinnahmt – von dem genannten Feuilletonisten, von Politiker*innen, vom Arzt, von der Nachbarin, von Popsongs …
Die Folge davon ist, dass ich nicht mehr weiß, wie ich selber denke. Ich spreche so vieles im Chor der Vereinnahmungen mit, dass ich meine Stimme verliere. Die eigene Stimme ist leise. Ich höre sie erst, wenn ich die Tür zu den Vereinnahmungen schließe.
Dann merke ich aber: Da ist mehr in mir als das, worauf mich die Vereinnahmung festlegen und reduzieren will. Es regen sich Kräfte, die mitsprechen wollen, wenn ich spreche. Und sie wollen anderes, nicht nur sprechen. Lebenskräfte werden wach, die ich in Kindertagen zuerst verleugnet und dann vergessen habe. Ich merke: Ich kann Sachen, die mir niemand beigebracht hat, die ich nie geübt habe. Ich kann sie jetzt üben. Ich kann Dinge dazulernen, mit deren Hilfe die Kräfte unbändig und regsam werden.
An der Stelle überleg bitte mal, dass die Vereinnahmung nicht gestern, nicht letztes Jahr, auch nicht erst in deiner Kindheit oder überhaupt zu deiner Lebenszeit angefangen hat. Seit Jahrhunderten und Jahrtausenden geschieht sie. Ihre Gesamtmenge heißt Geschichte. Der Teil der Geschichte, den die Menschen nicht aktiv gestaltet, nicht mit Bedacht entwickelt und umgearbeitet haben, ist Vereinnahmung. Ein Turm aus Definitionen erhebt sich über jeder und jedem einzelnen, aus Zuschreibungen, die über uns gemacht wurden. Und das Bild ist noch schief, weil es den Turm nach außen verlegt. In Wirklichkeit steht er innen – über dem kleinen Rest dessen, was Kant unsere „Persönlichkeit“ nennt.
„Der Tod ist alles, was du nicht abweisen, wozu du nicht nein sagen kannst“, schreibt Olga Tokarczuk. Ich stimme ihr nicht zu, aber ich lerne von ihr, die freie Entscheidung als den Kern meiner Lebendigkeit zu begreifen. Ein sehr kleiner Kern ist das. Die moderne Neurobiologie leugnet ihn. Die postmoderne Philosophie tut es ihr nach. Meine Erfahrung sagt: Beide irren sich. Der Kern bekommt Risse, damit aus ihm der Trieb des Lebens wachsen kann. Ein Baum ist nicht der Beweis für die Nichtexistenz des Samenkorns, aus dem er entstanden ist. Er ist das Potenzial, das der Same in sich trug.
Beide zusammen sind, in Goethes paradoxer Formulierung, „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“.
ZWEITENS: WIR WOLLEN MEHR
Das bisher Gesagte mag klingen, als sei jede/r potenziell der Mittelpunkt des Universums. Füge ich noch hinzu, dass unsere Wünsche ebenfalls auf mehr zielen als das, was die Wirklichkeit enthält, scheint es, als würde ich Nietzsches Konzept vom Übermenschen vertreten, einen Maximalismus des Anspruchs. Aber Nietzsches Denken fußt auf einer Negation alles Vorgefundenen, auch des Natürlichen.** Was er als Natur, Leben, Energie bezeichnet, sind mehr oder weniger verzweifelte Setzungen aus seinem Geist, der keinen Wert neben sich akzeptieren will. An der Stelle ein Nachtrag: Vereinnahmung ist nichts, was von außen kommt. Ich selbst muss wollen, dass etwas Bestimmtes über mich und über das Universum gelte. Nietzsche wollte Übermensch sein. Die breite Masse akzeptiert, dass Eliten sie für unbedeutend erklären. Zuschreibungen dieser Art werde ich immer nur aus einem Grund wollen beziehungsweise akzeptieren: dass ich nicht weiß, wer ich bin und in was für einem Universum ich mich befinde.
Ich dagegen glaube, dass wir beides rausfinden können. Und dass wir, je näher wir der doppelten Erkenntnis kommen, desto weniger Mittelpunkt von etwas sein wollen und desto bereitwilliger und beeindruckter die Vollkommenheit anerkennen, die große Teile des Universums aufweisen.
Ich will nicht mehr haben als meine Schwestern und Brüder. Betrachte ich die ungleiche Welt, heißt das: Ich will weniger haben. Denn nicht alles an Westeuropas „imperialer Lebensweise“ (Brand/Wissen) wäre in einer gleich verteilenden Welt noch sinnvoll. Zwei Autos pro Haushalt mal sicher nicht. Autoverkehr als Normalität auch nicht.
Aber ich will eine gleich verteilende Welt. Sie wäre etwas viel Besseres und Größeres, als es je gab. Und sie ist möglich.
Ich will das gleichberechtigte Zusammenleben aller Menschen, was auch heißt: die gleichzeitige Entwicklung aller menschlichen Potenziale. Das wäre ein unvorstellbarer Reichtum an Glück und Inspiration, an Schönheit und Tiefe aller Beziehungen.
Bei allen individuellen Unterschieden, die Menschen einander von Herzen gönnen: Grundlegend wollen alle Menschen dasselbe. Die neun Bedürfnisse nach Manfred Max-Neefs decken neunzig Prozent dessen ab, was Menschen brauchen, was sie dementsprechend auch wollen.
Oder mit Marshall B. Rosenberg: „Wir sind alle ein Teil der göttlichen Energie, wir sind alle Eins.“
DRITTENS: WIR SIND MEHR
Je mehr wir sind, desto eher tun wir, was wir wollen.
In dem Maß, in dem wir unsere Gemeinsamkeit realisieren, werden wir mehr, als wir individuell sein können.
Außer der Weisheit der vielen gibt es also die Gerechtigkeit der vielen.
In der westlichen Welt sind Demokratie, Anarchismus und (freiwilliger) Kommunismus die Bewegungen, bei denen wir politisch ansetzen können. Wohl gemerkt ansetzen, also das, was sich historisch schon in die Richtung gleichberechtigtes und freies Zusammenleben bewegt hat, weiter entwickeln in dieselbe Richtung.
Konservativ ist im Westen nur noch ein Synonym für das totalitäre Kapital. Liberal ist inhaltsgleich. Daneben vereinnahmen uns rückwärts gewandte Konzepte für Dinge wie „Nation“, „Rasse“, „Tradition“, „Führer“, „Religion“ – aus Angst vor dem menschheitlichen Erwachsen werden.
Was andere Weltgegenden Nützliches an politischen Bewegungen entwickelt haben, kann ich mangels genauer Kenntnis nicht beurteilen. Da die drei westlichen Konzepte, die ich nenne, ihre universellen Anwendbarkeiten haben, gehe ich aber davon aus, dass umgekehrt die Palaver-Kultur afrikanischer Völker, das entwickelte Glücksbewusstsein asiatischer Gesellschaften und Anderes auch im Westen anwendbar sind.
Noch in einer anderen Hinsicht sind wir MEHR ALS GEDACHT.
Vor knapp vierhundert Jahren sah Descartes in eine brennende Kerze und fragte sich, was angesichts des vor seinen Augen zu nichts werdenden Objekts als objektiv wirklich gelten könne. Nachdem er die unterschiedlichsten Gedanken verworfen und allgemein hinter den Gedanken eine teuflische Täuschung für möglich erklärt hatte, kam sein Geistesblitz. Die kartesianische Wende im westlichen Denken. COGITO ERGO SUM.
Was die europäische Philosophie auf Descartes Einsicht aufbaute, war eine radikale Bereitschaft zur Kritik im Sinne von Plausibilitätsprüfung. Für mehrere Jahrhunderte hielt diese Entdeckung sie allerdings nicht davon ab, philosophische Systeme zu entwickeln, für die die Menschen erst philosophisch, bald darauf auch politisch und am Ende total vereinnahmt wurden. Angeblich waren diese Systeme, weil der radikale Zweifel an ihrem Anfang gestanden hatte, „Wissenschaft“ im Unterschied zu den Systemen der kirchlichen Scholastik. Mit der Folge, dass Widerspruch weniger leicht möglich war als im Mittelalter.
Mein erster Einwand gegen diese Philosophie: Die Einzelheiten werden dem Allgemeinen geopfert. „Wer keine Einzelheiten sieht, der weiß nichts. Und wer nichts weiß, der wird über kurz oder lang grausam.“ (Olga Tokarczuk)
Mein zweiter Einwand: Descartes Entdeckung wurde nur zur Hälfte verstanden.
Die Möglichkeit, dass unser Denken sich täuscht, ist immer gegeben, sagt Descartes. Dafür allein gebührt ihm der Rang eines Patriarchen. Das Denken wird überdies aufgewertet, weil es Fähigkeiten zeigt dazu, sich aus einer Täuschung heraus zu arbeiten.
Aber das ist nicht alles. Die Feststellung, die Descartes vor der sich auflösenden Kerze in Wahrheit machte, war sogar eine andere. Nicht der Inhalt des Denkens erwies sich als unhintergehbare Tatsache, sondern der Modus des denkenden Subjekts und damit die Quelle des Denkens oder zumindest der Initiator von dessen Bewegung: das Ich.
Nach drei Jahrhunderten des Systemdenkens und seiner Katastrophen kehrte die Philosophie im Existenzialismus an diesen Punkt zurück. Bezeichnete das voraussetzungslose Ich als den Punkt, von dem allein gesicherte Erkenntnis ausgehen könne.
Und verstand Descartes immer noch halb.
Das Ich des Existenzialismus ist Bestandteil dessen, was es tut: des Denkens. Das Ich Descartes war und ist eine dunkle Eminenz hinter den Gedanken, die die Gedanken formt, richtet, bewegt und sich kraft dieser Tätigkeit als über den Zweifel erhaben erweist, dem die Gedanken für sich genommen weiter unterliegen.
Deswegen Potenzialismus.
Nicht das Ich als Teil des Denkens (postmodern: der Sprache), sondern das Ich als Beweger der Gedanken (Gestalter der Texte) bin ich und will ich werden.
Beziehungsweise: das Wir. Alle Philosophie mit Wahrheitshoffnung spricht in der ersten Person plural. Hofft auf Aussagen, die das globale „Wir“ nachvollzieht.
Mit der Frage, ob es den Geist gibt, halte ich mich persönlich nicht auf, schon deshalb, weil es unzählige kulturelle Zugänge zu seiner Wirklichkeit gibt. Ich nenne bloß Zen, Meditation, Exerzitium, Gebet, Träume, Schamanismus, Magie, Spiritismus, Mysterienkult, Poesie (ja, auch die).
Persönlich glaube ich an Jesus Christus, an Gottvater, an den heiligen Geist, dessen Realität für mich fester steht als die Luft, die ich atme.
Hier geht es mir aber vorrangig um Dinge, die alle Menschen teilen können. Das ist bei Bekenntnissen so eine Sache, da kann mein Verstand deinen Verstand schnell missverstehen und umgekehrt. Die Liebe ist zwar auch nicht frei von Möglichkeiten des Missverständnisses, aber sie braucht sich bei jedem Missverständnis nur einmal umzudrehen und sieht schon wieder klar, sieht den anderen Menschen, wie er ist.
Das heißt: wie er werden kann und werden will.
Ewart Reder
* Vgl. zu dem Wort ein Gedicht aus meinem neuen Band Die hinteren Kapitel der Berührung (erscheint Frühjahr 2021 im Pop-Verlag, Ludwigsburg):
Was machen eigentlich wir?
Terrortote fluten das Interesse Ruhm der Poptoten verebbt
der Tod zappt durch den Tag. Heute mehr Angst oder mehr
Art-zu-leben-Kanonisierung? CSU oder CDU?
Keiner weiß was die Stimmen die fehlen mit ihrem Klang
nach unstillbarem Durst nach Freiheit sich selbst zu bestimmen
was die statt der öffentlichen Sache von der unsere Tage schweigen
heute zu irgendwem privat vielleicht sagen Alltägliches
mit Freundlichkeit oder mit täuschendem Gleichmut für ungebraucht
unterwegs verlorenen Mut. Trotzdem hören das zwei oder drei
mit dem Effekt dass sie sich noch nicht aufgeben wegen der Stimme
der Selbstbestimmung die solange sie einen Körper hat immer hält.
Vielleicht ist das mit dem Körper auch schwierig geworden über den
selbst nicht zu bestimmen ist der soll nun dieser Stimme Halt
geben diese Festigkeit die nichts Gewolltes hat nichts aus
Unsicherheit und Angeberei Zusammengesetztes wie das Geschrei
das anzuhören unser Alltag geworden ist. Der Talkdrüsentalg.
Der rein stolpernde Mob toppt die ihn raus drängelnde Staatsmacht.
Gezeiten sind an einem Meer das Zuverlässige sogar unterhaltsam
wären sie hätte man den Vorschwapp nur immer zuverlässig
vergessen beim Zurückschwapp. So ist das Ganze
nur ein Spiel mit unserem Leben das wir nicht leben
wollen sonst würden wir unsere Stimme erheben nur eben
bis zur Hörbarkeit. Würden zuständig miteinander
sprechen zwanglos. Mit dem verlorenen Mut der Vormünder.
** Nietzsche negiert auch und besonders das Mögliche, wie der Arzt Emmerich Kondor in Stefan Zweigs Roman „Ungeduld des Herzens“ ausführt:


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