Lesestoff

Berührungen

Die Fliege irrt über das Gesicht
des Mannes
Seine Pupillen folgen dem Krabbeln
sehen das Tier
über Hautebenen tanzen
die dünnen Beine
tasten nach links nach rechts

Joachim Durrang

Daumenkino

Im Daumenkino zieht sich die Sonne
hinter einen Wolkenberg zurück
schaukelt mit den Beinen
Der Baum gähnt reißt das Maul auf
Eine Katze springt von einem Stein
auf den anderen
Durch den Wald irrt ein Hund
die Nase am Boden
spürt Wanderern nach

Joachim Durrang

Nachrichten

Nachrichten schieben eine Gardine
vor das Fenster
Minister gestehen Kokainmissbrauch
In Nepal stürzt ein Sack Mehl um
Zur gleichen Zeit verschlingt
ein Erdbeben eine Fliege

Joachim Durrang

Die Schmerzen

Das Rückgrat wird zersägt
Im Nacken reißen Sehnen
Füße versinken im Erdreich
Der Vogel im Kopf
reißt den Schnabel auf
Masken starren
aus der Hautoberfläche

Joachim Durrang

Der sprühende Brunnen

Die Fliege mit der weißen Maske zieht
von Norden nach Süden
Aus der Orgel rauscht
Johann Sebastians Atemzug
Fliegenbeine tasten
über sein Gesicht aus Stein
Ein Jungbrunnen sprüht
Zwischen Tropfen taumeln
ewige Schmetterlinge

Joachim Durrang

Weißer Himmel

Auf dem weißen Himmel
bewegt sich der Kugelschreiber
beschriftet den weißen Mond
der sich in Wolkentücher hüllt
Textilien baumeln über Hausdächer
Das Schreibgerät zeichnet auf Stoff
wasserfarbene Schriftlinien

Joachim Durrang

Reise zum Mond und zurück

Szenen aus meiner Kindheit
flimmern über die Zimmerwand
da springe ich von Stein zu Stein
fliege zum Mond
grabe aus dem Mondsand Sätze
lade sie in die Rakete
reise nach Hause

Joachim Durrang

Teegeflüster

© Ewart Reder

Ostpark Novembersonne

© Ewart Reder

Yellow Dog

© Ewart Reder

Ostseemorgen

© Ewart Reder

Rothschildpark

© Ewart Reder

Jemand ist unterwegs zu dir

© Ewart Reder

Fördestrand

© Ewart Reder

Die Luftgeborenen

Wind mag ich an sich noch weniger als Regen. Ich bin Fahrradfahrer. Gegen Regen gibt es Kleidung, gegen Wind nicht. Meine Windjacke hält zwar den Wind von der Haut fern, die merkt gar nichts von dem Wind. Aber die Beine haben doppelte Arbeit, das ist Physik, dagegen gibt es keine Kleidung. Ich hasse den Wind so, wie ich den Tod hasse: Gegen beide bin ich machtlos.

In Kiel allerdings lerne ich um. Die norddeutsche Luft ist eindeutig die beste Deutschlands. Schon an der Ostsee enthält sie keinerlei Chemie. Sie ist Wind, angereichert mit Feuchtigkeit und natürlichen Aromen. Und an der Nordsee drückt sie sich verdichtet in die Lunge wie mit dem Turboeinspritzer. Mehr von der Meerluft ist noch besser.

Ich habe mein Fahrrad nicht mit, merke ich an. Ich beurteile alles aus der ungesicherten Perspektive des Fußgängers.

Dann erlebe ich eine Nacht in der „Schaubude im Hof“, einem angesagten Club. Bis zum Morgen stampft die heißeste Schwarze Musik. Ich kann meine aus der Luft aufgenommene Energie an den Tanzboden abgeben. Den Blick darf ich dorthin allerdings nicht richten, weil die Decke so niedrig hängt, dass ich mir mit meinen zwei Metern den Kopf anstoßen würde. Das Studium der Kabel, Verteilerstationen und Leuchten an der Decke ist interessant. Es hält mich davon ab, die schönen Frauen, von denen ich umgeben bin, zu lange oder zu genussvoll anzustarren.

Und ich stehe im Wind! Überall sind Ventilatoren auf die Tanzfläche gerichtet, alle von oben. Hätte ich Haare, wären sie zerzaust. Nie ist es mehr als ein Schritt für mich, bis ein Ventilator so dicht vor mir hängt, dass ich meine Stirn an seinem Gitter kühlen könnte. Muss ich allerdings nicht. Einen kühlen Kopf habe ich schon, hier immer. Und ich mag es, komischerweise. Wie in der Holtenauer Straße fühle ich mich, oder wie am Schönberger Strand oder, wenn ich die Nase ins Ventilatorgitter stecke, fast wie auf dem Husumer Deich. Ja klar, Chemie enthält der Wind hier schon – kosmetische. Aber er ist kühl und stark. Und hier regnet es nicht!

„Die Luft brauchen wir“, erklärt Nick, frisch ausgelernter Zimmermannsgeselle aus Eckernförde. Er war kürzlich in Düsseldorf auf Montage. Das Gesicht verzieht sich, während er für seine Erfahrung nach Worten sucht. „Purer Dreck, was die atmen! Ich hab die Tage gezählt, bis ich wieder hier oben war. Nee, die Luft gibts sonst nirgends.“ Unser Gespräch bleibt Fragment, weil Nick die ganze Nacht das Raucherabteil des Clubs nicht verlässt. Zwei große Schachteln pro Tag rauche er. Ich finde, das unterstreicht seine Worte über die gute Luft noch.

Patriotismus habe ich in Kiel neu sehen gelernt. Umgedreht quasi. Die Patrioten, die ich kenne, reden immer von Heimaterde. Hier wurzelt die Heimatliebe in der Luft und treibt Schlingpflanzenblüten.

Ewart Reder

Stephanie Comilang Reduction

© Ewart Reder

Attractions

© Ewart Reder

WortWellen: In memoriam: Sabine Ocker

Mittwoch, 1. Oktober 2025, 15 – 16 Uhr

Live hören bei Radio X

Im nächsten Januar werden die WortWellen fünfundzwanzig. Seit knapp fünfundzwanzig Jahren stellen wir Autor:innen und ihre Texte vor, dokumentieren Veranstaltungen, produzieren literarische Ursendungen, bringen Essays, Reportagen und Berichte zur Literatur. Zuletzt haben wir unseren Fokus erweitert auf Vorträge und wortstarke Musik. Heute schließt sich, aus traurigem Anlass, ein Kreis zu unseren Anfängen, in denen wir mehrfach über die Frankfurter Schriftstellerin und bildende Künstlerin Sabine Ocker berichtet haben. Verspielte Neugier und versponnene Kreativität mischen sich in Ihrem Oeuvre mit dem scharfen Blick auf einen engherzigen Kulturbetrieb, der behauptet zu wissen, wo’s prickelt. Er hat diese Künstlerin nie zur Kenntnis genommen. Sie führte ein schweres Leben, lange Zeit in bedrückender Armut. Am 29.7.2025 ist Sabine Ocker in Frankfurt verstorben. Wir erinnern an sie mit einer Sendung aus dem WortWellen-Anfangsjahr 2001.

Sabine Ocker

* 10.09.1947 – + 29.07.2025

Licht & Liebe für Tagediebe

Triebe um Triebe
durch Siebe & Siebe
der Träume Wiege
liege verbiege versiege
verliere nicht Licht & Liebe verbliebe
für Triebe der Liebe & Tagediebe

Träume & Schäume & Bäume für Pfläume
säume die Träume
zäume die Bäume
ernte die Pfläume
von Licht & Liebe
vergebe dem Triebe
es bliebe die Fliege die Fliege Vernunft
die Zunft der Diebe des Tages
triebe ein Spiel
mit der Ziege
der Zage der Frage
ob Plage sind Licht & Liebe
für Diebe der Nacht & des Tags
und Triebe der Liebe
gut für Hiebe ?
es bliebe bliebe
die Flucht aus der Schlucht
der Sucht nach Licht
des Vergißmeinnicht
es bricht die Pflicht
die Suche nach Wärme
& Lauen & Motten & Rotten
den Tod zu erschauen
der Kälte der Schelte der bösen Zelte
des Zauderns und Klagens
des Liebezerschlagens
des Rötens des Tötens der Wangen der Liebe
des Triebezerschellens und Hundeverbellens
zur Gunst der Stunde
in aller Munde
es blieben die Siege der Liebe für Triebe der Diebe

kein Wicht mit Gicht für Tagediebe !

nur Licht & Liebe & güldene Ziege
& Giege und Geige die Ohren verneige
dem prächtigen Zweige
des Lichtes der Liebe für Tagediebe !

Sabine Ocker

Service incompris

Was man alles falsch machen kann, muss man erst lernen. Von selber weiß man, wie man es selber machen würde. Und dann kommen die anderen. Die Fachleute. Die machen es so, wie du nicht mal träumen kannst, dass du es machen würdest. Und sie erwarten von dir, dass du weißt, was sie erwarten. Und dass du es genau so machst.

Die Rede ist von der Gastronomie in Frankreich. Man möchte etwas essen. Das ist ja schon vorgekommen: dass einer mal Hunger hat. Ein Grundbedürfnis meldet sich aus dem Magen und der Kopf sucht nach Anstalten zu dessen Befriedigung. In Deutschland heißen sie Restaurants. Hier sind Restaurants etwas völlig anderes. Erziehungsanstalten des Savoir-vivre, könnte man meinen, wenn dem Unbelehrten da noch irgendein Interesse entgegengebracht würde. Wird es nicht. Freilichtmuseen einer klandestin erlernten und tradierten Lebensweise sind es. Oberstes Erziehungsziel des Landes ist, in einem Restaurant nicht aufzufallen – das Connaisseursdiplom. Wer einen wilden Traum leben will, versucht vom Wirt als enger Freund bedient zu werden, womit er zum Oberconnaisseur befördert wäre.

Draußen oder drin? – da gehts schon los. Im Sommer bei dreißig Grad im Schatten einen Terrassenplatz bevorzugen geht zwar, bedeutet aber den ersten Punktverlust. Richtig wäre, sich ins prall besetzte Dunkel des Gastraums zu zwängen und vom fröhlichen Lärm überrollen zu lassen. Willst du essen oder gucken? Willst du der Französischen Küche mit großem „F“ dienen oder es angenehm kühl haben? Die ersten Leichtmatrosen sind nach der Entscheidung schon aussortiert. Mit der Platzwahl gehts weiter. Du siehst, dass neunzig Prozent der Terrassenplätze frei sind, fasst den einzigen ins Auge, von dem aus man das gotische Kirchenportal betrachten kann – alle anderen haben eine Markise über sich, obwohl das Lokal auf der Schattenseite der Straße liegt – und setzt dich. Falsch. Du würdest platziert, wenn du den Fehler nicht schon gemacht hättest. Wie gesagt, hier wird nicht mehr erzogen, hier wird nur noch geprüft. Du bist durchgefallen. Du kannst jetzt immerhin eine Stunde auf deinem Platz sitzen, ohne dass dich irgendjemand beachten wird. Zu essen kriegst du aber nichts mehr. Und diskutieren wird auch niemand mit dir.

Nicht darüber, muss präzisiert werden. Denn diskutieren ist sonst eine der Haupttätigkeiten, die von dir, dem Gast, erwartet wird. Nimm das Tagesmenu und du bist als Tourist entlarvt, mit allen Folgen der Unfreundlichkeit bis Unverschämtheit, die man ab jetzt an dir ausprobiert. Denn das Tagesmenu liegt fest, steht schwarz auf weiß in einer Vitrine zu lesen, hat mit Essen, wie man es hier versteht, nichts zu tun. Essen und Trinken sind die Felder, auf denen ein Mensch sich bewährt, auf denen die Behauptung seines Menschseins sich bewahrheitet, wenn der Mensch über ein Wissen verfügt, das dem Gespräch mit einem Kellner standhält. Der Mensch äußert einen Wunsch. Der Kellner antwortet mit Ausführungen von einer Länge, die zunächst die Ernsthaftigkeit des Essenswunsches erprobt (hat der überhaupt Hunger?), sodann das Wissen des Kellners aufblitzen lässt und irgendwann übergeht in die Schuld des Gastes, den Kellner nicht an geeigneter Stelle unterbrochen zu haben mit einem kundigen Einwand, einem Koreferat, dem Impuls zum nächsten, noch etwas ausführlichen Beitrag des Kellners. Ganz falsch wäre es übrigens, die Frage nach dem Preis einer Speise oder eines Weins als geeigneten Gesprächsbeitrag zu verstehen. Ich habe von einem Kellner, der alles über das Essen dieser Welt und seines Lokals auswendig wusste, bei der Frage zu hören bekommen: Das wisse er nicht. Was die Sachen kosten, die er verkaufen will, mein Gott, das lenkt doch völlig vom Thema ab.

Guck übrigens immer genau, wie die Lokale sich nennen. Heißen sie Restaurant? Dann wird gegessen. Heißen sie Café? Dann wird getrunken und dazu eine Kleinigkeit gegessen. Brasserien sind die Vorposten einer Grauzone, in der letztlich die meisten Lokale operieren. Hier wird getrunken, aber auch eine Mahlzeit eingenommen. Beim nächsten ist es der Wein, beim übernächsten die Weinbergschnecke, die du bestellen musst. Ja, guck hin, geh zur Not einmal um das Haus herum, bis du den Hinweis gefunden hast, was du hier zu begehren hast. Einmal saß ich in einem Speiselokal, hatte mich selbst platziert, die Aussicht auf Bedienung schon verspielt. Ich wollte auch nicht bedient werden, sondern nur sitzen. Mit der Methode ‚frech hinsetzen‘ klappt das wunderbar. Ein Pärchen trat an die Terrasse, studierte die ausgehängte Karte, beriet sich – auf deutsch, womit der Touristenstatus unüberspielbar zutage trat. Man wollte essen, aber nicht wirklich das, was auf der Karte stand, zeigte sich mit den Geheimnissen einer französischen Speisekarte  unvertraut. Ein längeres Schweigen des Paars brach der Mann mit den Worten: „Weißte was, wir setzen uns mal rein und trinken ne Cola. Ob wir dann noch was essen, das sehen wir dann.“ Ich bin sofort geflüchtet, das Gemetzel wollte ich nicht miterleben. Drei Fehler in zwei Sätzen: selber hinsetzen, Coca Cola trinken, ein Speiselokal nicht speisebereit betreten. Die Ärmsten!

Bei uns – und das heißt in der globalisierten Wirtschaft: überall auf der Welt – ist der Kunde König. In einem französischen Restaurant ist er entweder der Bruder eines Geheimbunds oder aber ein lästiger Störenfried, gekommen einzig, um das Wissen und die Kunst der Ausübenden mit seiner Ignoranz zu beleidigen. In einem auf Jugendlichkeit machenden Café wollte ich einen Coffee to go bestellen, was mich an die Bar führte. Ein jugendlicher Barista war dabei, für die zwei einzigen Gäste seines Ladens ein Gabelfrühstück zu bereiten. Das zischte in der Pfanne, hüpfte über das Schneidbrett, zischte wieder und hüpfte aufs Neue, Schranktüren flogen auf, Gerätschaften und Behältnisse hetzten durch die Hände des Akrobaten, dass es nur so eine Lust war, zuzuschauen. Da arbeitete einer, das sah ich. Eine Begrüßung des Gastes an der Bar konnte von dem Barista nicht verlangt werden. Es gab aber noch eine jugendliche Dame. Die hatte mit der Zubereitung nichts zu tun. Die konnte mich doch vielleicht begrüßen oder meine Begrüßung erwidern, dachte ich. Weit gefehlt. Die hatte den Blick fest an ihren kochenden Kollegen geheftet, der ihr im Zehnsekundenrhythmus Befehle erteilte: irgendwas holen, irgendwas reichen, so was. Wenn er mal nichts befahl, guckte sie ihn einfach weiter an wie ein wohlerzogener Hund, guckte weiter von mir weg, der einen Meter fünfzig von ihr entfernt stand. Und kaum, dass ihr Kopf die Andeutung einer Bewegung in meine Richtung machte, kam der nächste Befehl, die nächste Handreichung. In meiner Verzweiflung lächelte ich die beiden Gäste an, oder okay, ich zeigte mich ihnen gegenüber belustigt und dachte, ein Lächeln hilft doch jetzt allen. Wieder falsch. Die Gäste starrten zurück, als hätte ich eine Pistole gezogen und die Herausgabe der Tageseinnahmen von dem Barista gefordert. Angst und Feindseligkeit starrten mich an. Na gut, die beiden hatten irgendwann ihr Frühstück, das Spielchen sein Ende, zu tun und zu turnen gabs dann nichts mehr. Bekam ich halt meinen Kaffee.

Ich will nicht missverstanden werden: Die französische Küche ist dieses Theater und noch ganz anderes wert. Ob sie es nötig hat, ist eine andere Frage. Sie wird aber voraussichtlich nicht mehr viel älter, wenn sie ihr Gebaren nicht moderat an eine verwahrlosende Kundschaft anpasst. Oder dieselbe freundlich zur guten Sache umerzieht. Macht es oder lasst es sein, ihr stolzen Gastronomen, aber jammert nicht rum, wenn ihr euch irgendwann nur noch selbst bekocht. Dann tröstet euch immerhin ein Dichter aus dem Nachbarland: „Das ist das Los des Schönen auf der Erde.“

Ewart Reder

Kaffeepause 1 und 2

Feridun Zaimoglu

© Ewart Reder
Ärgert sie nicht sie 
bringt uns goldene Wörter
© Ewart Reder

Deine Füße

© Ewart Reder

Vorstadtfrühling

© Ewart Reder

WortWellen: Das Idiom von Genuss und Freiheit

Mittwoch, 04. Juni 2025, 15 – 16 Uhr

Nachhören auf dieser Seite:

Bei uns wirds heute badisch. Der Frankfurter Food-Writer, Krimi-Autor und gelernte Sprachwissenschaftler Frank Winter hat ein Buch über das Idiom des äußersten Südwestens geschrieben: „Badisch. Von Huschdeguddsel, Babbedeggl und Debbichbatscher“. Was so harmlos daherkommt, entpuppt sich im Gespräch mit dem Autor als Sprache einer Region, die einst ein „Drittes Deutschland“ anführte – liberaler und genießbarer als die damaligen Großmächte Preußen und Österreich. Auf freiheitsliebende Leute wie die Badener sollte man hören. Vielleicht werden die Europäer ja noch so was wie eine ‚Dritte Welt‘ zwischen den Superclowns der neuen Geopolitik. Auf Badener hören geht allerdings nur auf Badisch. Den Crash Course für das Idiom von Genuss und Freiheit bietet Frank Winter. In unserer Sendung brilliert er als der unterhaltsame Causeur, den sich Redakteure ins Studio wünschen.

© Heidi Offterdinger

Laetitia Amoris

Nach Francesco Papa

© Ewart Reder

Exotic Dream

Exotic Dream

Musik: Dritter Bildungsweg, Berlin Kreuzberg SO 36

"Angesichts des aktuellen dramatischen Szenarios eines stückweisen Dritten Weltkriegs, wie es Papst Franziskus wiederholt festgestellt hat, wende ich mich an die Großen dieser Welt und wiederhole diesen weiterhin aktuellen Appell: Nie wieder Krieg!" (Leo XIV.)

Kaffeehaus-Katharsis

Der Laden heißt „Le Bretagne“ und wer aus Aachen nach Berlin kommt, also von da, wo ein „Pain de Paris“ von jedem Bäcker so gebacken wird wie in Paris, hierher, wo alles Essbare zuerst ein Gerücht gewesen sein und sich dann als seltener Fall einer Tatsache herausgestellt haben muss, will in diesem Laden plötzlich ein Croissant, auch wenn er den Hunger darauf nicht verspürt. Spürt das Klopfen seines Herzens beim Gedanken an einen Kaffee, der tatsächlich ein Herz so klopfen machen könnte wie das Getränk, das in Berlin so selten ist wie Trüffel in einem Kartoffelacker.

Als ich eben „Ein Croissant bitte“ gesagt habe und mir die passende Kaffeeausführung dazu einfallen lassen will, steht eine ältere Dame ‚neben mir‘ im Sinne von vor mir, vor dem Betreiber des „Le Bretagne“, erkundigt sich nach Baguette, das sicher noch nicht fertig sei, erfährt, dass es fertig sei, will es und wird so geschmeidig bedient, als hätte es mich und das Intermezzo meines Bestellfragments nie gegeben. Ich warte, bis das Geschäft geschlossen ist, Ware und Geld ausgetauscht sind, und sage, nachdem der Platz zwischen mir und dem Betreiber wieder frei, die Dame zur Tür unterwegs ist: „So schnell kann es gehen, dass man nicht mehr dran ist, wenn man eben noch dachte, man sei dran.“

„Aach“, seufzt die Dame in der Tür, „hab ich mich vorgedrängelt? Das tut mir aber leid.“ Woraufhin ich den Fehler des Tages oder, bei meinem Mundwerk, eher einen Fehler aus der heutigen Tagesserie mache und sage: „Bleiben Sie genau so, wie Sie sind, damit kommen Sie überall hin.“ Sie meint, sie sei eigentlich nicht so, ihre Art sei eine ganz andere. Und der Betreiber herrscht mich an, ich solle gefälligst meine Bestellung machen und nicht so ein Theater, die Dame habe sich entschuldigt, also was ich mir einbilden würde (das Folgende schon außer Hörweite der Dame:), wie ein Gentleman solle ich handeln, immer lächeln, mir zu nichts irgendwas denken vor allem, derlei Frechheiten seien in Berlin an der Tagesordnung, wohin man denn komme, wenn man auf jede davon reagieren wolle.

Ich nehme den Rat an und ignoriere die Frechheit des Betreibers, will ihn, den ich als Lokalweisen in jeder Bedeutung des Wortes ausmache, nur noch etwas fragen: „Ich habe die Bemerkung gemacht, um mich selbst zu überwachen“, leite ich meine Frage ein. „In meinem Alter misstraut man allem, was zu erleben man sich einbildet. Ich wollte wissen, ob es real war, dass ich mitten in meiner Bestellung zu einem in meinem Fall zwei Meter großen Stück Luft wurde, das den Austausch von Worten und Waren nur noch wie einen Hauch mitten durch sich hindurch erlebte. Was denken Sie, müssen ältere Menschen sich so was nicht fragen, wenn sie nicht jede Kontrolle über ihre Wahrnehmung und ihren Glauben an das Reale verlieren wollen?“

Hier die Antwort des „Le-Bretagne-Betreibers“:

„Ach was. Nichts müssen Sie kontrollieren. Lächeln müssen Sie zu allem. Nichts verpassen Sie da, wenn Sie nicht wissen, was Sie gerade erlebt haben. Das sich zu fragen lohnt sich nicht, niemals. Im Gegenteil werden Sie froh sein das alles endlich hinter sich zu lassen. Lächeln Sie, schweigen Sie und nehmen Sie mein Berliner Ehrenwort zu allem, was Sie möglicherweise erlebt haben könnten: Es hatte keinerlei Bedeutung.“

Ewart Reder

Jeder dreckige Kaiser

Dadurch sind wir definiert: einen Glauben an die Menschennatur,
an Gerechtigkeit und Gleichheit … Alles, was wir können, ist weitermachen.
Unmerklich die Veränderung, seit unsere Wahlen nur noch Gesten sind,
unsere Herren und Gebieter beschlossen haben uns zu casten
für die Rollen von Dienern und Sklaven im neuen Reich.

Ja, und jeder dreckige Kaiser sagt, Freiheit ist sein Ding,
und poliert seine Volksnähe auf als Thron für den King.

Völker reden mit Völkern in der Sprache der Gosse,
Beleidigen sich zur besten Sendezeit. Die Herrscherpose
Spreizt sich in Großbildschirmbreite.
Wahrheit liegt geprügelt auf den Knien. Lüge verewigt sich -
ihre Wiederholungen sind die neuen Sprichwörter.
Wir sind Verräter am Unglauben.
Mit was für einer Impotenz trauern wir um die Demokratie,
während unsere ruhmreichen Führer uns füttern
mit dem neuesten Abschaum ihrer Verachtung
im Namen des neuen Reichs.

Ja, und jeder dreckige Kaiser fasst der Geschichte an die Fotze,
während er für den Nachruhm posiert in seiner frischen Kotze.
Ja, und jeder dreckige Kaiser mit seinem kranken Arschgrinsen
Redet sich aus der Welt raus mit seinen Lügen, mit seinen Binsen,
Weil jeder dreckige Kaiser glaubt, seine Macht kommt von Gott.
Schreit uns an. Schreit sich heiser.
Geht stumm bankrott.

Unmerklich die Veränderung, seit unsere Stimmen sich verändert
Und die Pfingstzungen der Propaganda
Unsere gerechte Wut verbrannt haben.
Dadurch sind wir definiert: einen Glauben an die Menschennatur.
Aber die wird weniger, kurz vor dem Ende. Wir sind nur Diener und Sklaven,
während das Reich zerfällt.

Van der Graaf Generator: Every Bloody Emperor, Übersetzung: Ewart Reder

© Ewart Reder

WortWellen: komisch, komisch

Mittwoch, 02. April 2025, 15 – 16 Uhr

Live hören bei Radio X, Ffm

 Heute wird’s lustig, gleich zwei Mal. Zwei Bücher stellen sich vor, beide aus der Satire/Comedy Ecke. Im Berliner Satyr-Verlag ist der Sampler „Sind Antisemitisten anwesend?“ erschienen – „Satiren, Geschichten und Cartoons gegen Judenhass“. Wir bringen Ausschnitte aus der Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse 2024. Noch frischer ist die Druckfarbe im neuen Buch des WortWellenschlägers Ewart Reder: „komisch, dass wir nicht merken, dass wir komisch sind. Possen und Glossen“. Satirische Kolumnen, die in den letzten Jahren in Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau, neues deutschland u.a. zu lesen waren, stehen neben aktuellen Satiren und humoristischen Kurzgeschichten in einem Buch des Pop-Verlags Ludwigsburg. Lachen schaltet neue Synapsen im Gehirn – nicht das Verkehrteste in abgedrehten Zeiten.

Mariannenau. Rheinnymphen

© Ewart Reder

Baum im Fluss

für peterlicht

© Ewart Reder

Antonio-Bossi-Reduktion

Weißer Saal Würzburg

© Ewart Reder

Neu bauen

Auch Schlösser
müssen gebaut werden
von der Revolution.
Schlösser können
Ausgangspunkte sein.
Schlossparks sich
ungeahnt ausdehnen
über Parkplätze
und Autoschrott.

Ewart Reder

Residenzgarten

© Ewart Reder




JOYDANCE in Frankfurt am Main

© Ewart Reder

Alle gehen, die sonst nicht gehen,

Hammam

© Ewart Reder

Der Taufpate

Von hier bis Hermannstadt
so breit ist er.
Nach Hermannstadt reist er
zur Taufe des Patenkinds.
Hermannstadt lernt glauben
an ein Land
wohin einer aus Hermannstadt ging
und zum Geldschrank wurde.

Ewart Reder

Die verkaufte Frau

Ein Frankfurter Zollbeamter, der nicht mit seiner Frau shoppen gehen wollte, erhielt vom Galeria-Kaufhaus unerwartete Schützenhilfe. In die Innenstadt mitgefahren, der Frau zur Galeria gefolgt war der Mann, um nicht vorzeitig für Ärger zu sorgen. Als die Eheleute das Kaufhaus betraten, fanden sie sich in einer Verkaufsaktion wieder, bei der zehn Hartschalenkoffer zu gewinnen waren. Wer die vierstellige Zahlenkombination eines Schlosses errate, dem gehöre der dazugehörige Koffer, hieß es. Der Zollbeamte hatte dienstlich Jahrzehnte lang die Schlösser herrenloser Koffer geöffnet und meldete sich. Er ging vor dem ersten Koffer in die Knie, hielt ein Ohr an das Schloss und hatte in Sekunden die vier Kränze in die richtige Position gedreht. Das Schloss ging auf, der Koffer gehörte dem Zöllner. Als folgenreich erwies sich, dass das Reglement einem Bewerber weder verbot, die Schlösser nach Gehör zu öffnen, noch, sich um mehrere Koffer zu bewerben. So kam es, dass der Zollbeamte nacheinander alle zehn Koffer öffnete und anschließend sein Eigen nannte.

Nun mussten die Koffer nach Hause befördert werden. Jeder einzelne hatte ein Leergewicht von fünfeinhalb Kilo und war groß wie ein Kalb. Das Ehepaar schleppte seinen Gewinn vor den Haupteingang, rief ein Taxi und, als das voll war, ein zweites. Die Frau musste in dem zweiten Taxi neben fünf neuen Koffern heimfahren, bevor sie auch nur ein Paar Socken hatte shoppen können. Zu Hause entbrannte mit ihrer Wut schon der nächste Streit. Die Frau wollte mit jedem einzelnen Koffer eine Fernreise buchen und in zehn Ländern der Erde am Strand liegen. Der Mann aber sagte: „Der schönste Strand mit den erregendsten Ausblicken ist E-Bay. Wenn auf dem weiten Meer der Daten ein Angebot auftaucht, ist die Freude größer als über ein Schiff am Horizont.“

Die Frau wählte zum Verlassen ihres Ehemanns einen Koffer, setzte sich unbemerkt hinein und ließ sich auf E-Bay mitsamt dem Koffer an einen reisesüchtigen Junggesellen verkaufen.

Ewart Reder

Christina in concert

© Ewart Reder

Khruangbin in concert

© Ewart Reder

Premigration!

Wieder ein Hotel – und wieder in Potsdam! Weil CORRECTIV keine Zeit hat, ist die Wahrheitsdrohne hingeflogen und zeichnet alles auf, durchs offene Fenster, im Auftrag von Fox-News, wie sie frech behauptet. Sogar ein Interview wird ihr gegeben, vom Anführer einer Geheimorganisation, die die „Premigration“ von Millionen Deutschen nach Amerika vorbereitet. „Na ja, der Redakteur hätte mal kommen können“, mault der Mann, „aber meinetwegen. Was wollen Sie wissen?“ Die Drohne wird zum ersten Mal gesiezt und verhaspelt sich prompt bei der ersten Frage:

Herr Schmerz, wawawas bebedeutet „Premigration“? Mehr lesen

Blondie von der Frittenbude

Die nettere Ampel

Nicht rückwärts ins Blaue.
Nicht einfrieren lassen vom BlackRock-Vampir.
DREI Leben hast du - wähle EINS:
© Ewart Reder – Komposition auf music-society.de anhören
Für Deutschland
nur das Beste.
Das Leben ist zu kurz
und zu schön
und zu ernst
für das nächste CDU-Trauerspiel
"Brandmauerfall -
damit zusammenwächst
was zusammengehört"

Ewart Reder