
An dieser Stelle standen bis Dezember 2024 monatliche Glossen. Ein paar stehen hier. Alle zusammen und noch so einiges mehr findest du in meinem neuen Buch.
Hier schreibe ich ab Januar 2025 in lockerer Folge meine Meinung über Bücher, die ich gelesen habe.
Spielen müssen sie ja letztlich doch selbst
Die Titelfrage hat es in sich. Ihre shakespearische Anlautung mag noch Ironie sein – der Autor wird seinen Humor durch das Buch hindurch lesefördernd betätigen. Inhaltlich sind die drei Titelwörter Schwergewichte: „Sein oder Spielen.“ Liest man die Unterzeile „Über Filmschauspielerei“, ahnt man den Zusammenhang. Um die Brecht-Stanislawski-Kontroverse geht es, vordergründig, um die Frage, ob Schauspieler sich mit ihren Rollen identifizieren (sie sein) oder die Rollen nur vorstellen (sie spielen) sollen. Man erfährt, dass die Stanislawski-Rezeption in den USA bald an einem Scheideweg stand: Soll ich mich als Schauspieler in meine Rolle verwandeln, soll sie mein neues Ich sein? So wollte es Schauspielschulleiter Lee Strasberg. Oder soll die Rolle mich inspirieren durch das, was anders ist als ich, sodass zwischen dem Anderen und dem Eigenen ein Raum entsteht, den ich bespielen kann. Das empfahl die Schauspielerin Stella Adler.
Dominik Graf, Regisseur und Autor von „Sein oder Spielen“, neigt Adler zu, lässt aber auch Strasberg und Brecht / Eijsenstein ihr Recht. Konkret wird das Problem bei jedem Casting: Sollen es Schauspieler oder Laien machen? Grafs Antwort reißt das Problem in seiner Tiefe auf, zeigt, was alles dran hängt: „Ich plädiere durchaus für die absolute Unverzichtbarkeit von gleichzeitig gutem und ‚schlechtem‘ Spiel, von Laientheater, von extremer Unterschiedlichkeit – und das direkt neben dem angeblich ‚Normalen‘, dem – ebenso lebenswichtigen – Identifikations-Spiel. Weil im Film das Abbild der Gesellschaft im Mikrokosmos den Makrokosmos spiegeln sollte. Und die Welt ist ein Irrenhaus“.
Film ist nie bloß Film, heißt das. Sein Zelluloid beziehungsweise seine Datensätze bedeuten die Welt. Und seine Verfertigung ist pulsierendes, kompliziertes und gefährliches Leben. Zumal heute alle spielen, gibt der Autor schon eingangs zu bedenken – Social-Media-Accountinhaber, Partnersuchende, Sportler, Politiker. Trump habe das Stenogramm seiner Mimik, den ‚brutal‘ ausgefahrenen Unterkiefer nach einer schockierenden Aussage, von Chaplin, der Hitler damit nachmachte, der Mussolini damit nachmachte. Die Lächerlichkeit bleibt Episode beziehungsweise der Zwang zum Dauerspielen ist stärker, die Uralttricks klappen wieder. Auch als Gegenbewegung zu solcherart Symbolinflation fing der Film an ‚realistisch‘ zu sprechen: zu nuscheln, sich dialektal zu färben, durcheinanderzureden. Es musste sein, hilft einem Graf zu verstehen, das Hohle des allgegenwärtigen Schauspielens musste gebannt werden und steckte längst nicht mehr nur im Pathos. Die „Wandlungsfähigkeit“ vieler Schauspieler etwa sei blanke Eitelkeit, ein Protzen mit professionellem Können. Na denn, es werde genuschelt! – wenn es der Wahrheitswiederfindung dient.
Anfangs war das Laienspiel im Film eher ein Trick der Regisseure, um sich in den Vordergrund zu schieben. So hart sagt Dominik Graf es nicht, trotzdem, der sogenannte Autorenfilm der Siebziger war das Kino, das er und seine Generation hinter sich lassen beziehungsweise bringen wollten. „Die Nebenfiguren waren zu Hauptfiguren berufen worden. Denn der neue Star war in dieser Konstellation nun eigentlich der/die AutorIn bzw. RegisseurIn.“ Mit dem ungelenken Spiel ihrer Darsteller schlugen die Halbgötter der Klappe zwei Fliegen: Die Regie wirkte demgegenüber gekonnter und aus dem mimisch-gestischen Gestümper vor der Kamera ließ sich hinter ihr eine ‚Ästhetik‘ basteln beziehungsweise behaupten. Graf und Konsorten seien insofern fast ersehnt worden, als viele dieses Kino satt hatten. Speziell die in ihm beschäftigten Frauen waren neugierig auf eine reflektiertere und umgänglichere Machergeneration.
Die brachte ihre eigenen Fragen und Sehnsüchte mit, definierte sich keineswegs über den Gegensatz zu „Fassbinder, Schlöndorff, Herzog (sie seien hier mal als Pauschaltruppe benannt)“. Bei Graf war es das eigene Kinoerlebnis – noch vor der Tatsache, dass die Eltern beruflich schauspielten – was ihn zum Film trieb. Immer interessant und oft mitreißend erzählt der Autor von Regiegrößen wie Roeg, Godard oder Bresson, von bedeutenden Schauspielerinnen und Schauspielern wie Martina Gedeck, Götz George und vielen anderen, widmet unter anderem dem Casting und der Mimik eigene Kapitel, nimmt seine Leser mit an den Set, öffnet ihnen ungeahnte Kameraaugen. Den prägenden Eindruck auf ihn machte Hollywood, jedenfalls im Verbund mit seinen Dissidenten. Das Erlebnis, das ein starker Film bot, die Aura, die seine Schauspielerinnen und Schauspieler besaßen, zeichneten vor, wonach der junge Regisseur auf die Suche ging. Geht es um solche Dinge, kann Graf sogar kulturkritisch klingen, was sonst nicht seine Art ist: „Hierarchien sind momentan in der Kunst nicht gut beleumundet. Die Welt ein Stückchen gleicher machen … Aber was wäre, wenn man doch wollte, dass das Publikum fasziniert ist, sich verliebt und gar begehrt?“ Der Film ist dem Leben zu ähnlich, als dass er sich leisten könnte, auf dessen Grundakkord zu verzichten: Leidenschaft – Leiden – Lernen (wollen). Mit konventioneller Ästhetik hat das nichts zu tun. Kein amerikanischer Regisseur wird von Graf höher herausgehoben, begehrlicher analysiert als John Cassavetes, der Abweichler. Stars wollte der keine, weil mit denen ein komplettes – und komplett falsches – Mindset mitgeliefert würde: der Individualismus. Großaufnahmen definierte Cassavetes von Grund auf neu: als Versammlungen eines Schauspieler-Kollektivs, nicht einzelner Stars. Mit solchen Mitteln transportierten seine Filme neue und aufregende Inhalte, ein interdependentes Lebensgefühl. Aber eben ein Gefühl! Da liegt die Verbindungslinie zu den Anfängen und Triumphen von Hollywood.
Und da liegt die Trennlinie zum experimentellen Autorenfilm. Pasolini traute dem Filmbild keine Wahrheit zu. Flach, zweidimensional, wie es war, konnte es nur Illusionen erzeugen. Den Weg zum Herzen des Zuschauers, diametral zum Bild, sollten die Erzählung und die Musik finden, hoffte er gestützt auf Eijsensteins „Manifest der Asynchronizität“. Ähnlich verhalten beurteilte Godard die Macht seiner Bilder. Interessant, wie einem literarischen Avantgardisten dies beim Godard-Gucken spontan aufging – Jürgen Ploog über Godard: „Seine Bilder sind filmisch wenig ergiebig, fast dokumentarisch. Sie halten die Sätze zusammen, die ihren eigenen Raum bilden. Die Bilder sind wie eine Fläche, hinter der sich der Abgrund der Wörter auftut. Wirklich ein Film in Worten.“ (Aus unveröffentlichten Tagebüchern Jürgen Ploogs, Dank an der Stelle an Wolfgang Rüger, der mir Auszüge zur Verfügung stellte.) Gegen derlei postmodernen Skeptizismus stellt Dominik Graf einen Satz von Alejandro Jodorowsky: „Film ist eine Sammlung von Bildern, die direkt ins Herz und in die Seele gehen.“
Ebenso zustimmend zitiert Graf den Filmwissenschaftler Helmut Färber: „Das Einzigartige an der Kinematographie ist, daß sie in jeder Einstellung, jeder Aufnahme, die Teil eines Films wird, etwas zu bewahren vermag, was ohne die Aufnahme da war und ist“. Man denkt an Sätze, mit denen Pasolini sein neuartiges Kino ankündigte: „Die Taten der Welt werden nur mitgeteilt werden. Sie sind die einzige Poesie.“ Von den Akteurinnen und Akteuren vor der Kamera erwartet Graf konsequenterweise eine Kraft, die nicht aus dem Schauspielunterricht, sondern aus dem Leben kommt. Früh interessierten ihn der Geschlechterkampf, der Überlebenskampf, auch das Verbrechen als Sujets, in denen ein Mensch auf das zurückgeworfen ist, was in ihm steckt. Zugleich will er wissen, wo seine, die bundesrepublikanische Gesellschaft aktuell steht, greift immer wieder heiße Eisen auf und sucht eine Darstellung, die hinter die Fassade führt. Einige seiner besten Filme erhielten keine Förderung, weil sie „zu wahr“ erzählen, schreibt die FAZ über „Das unsichtbare Mädchen“. Und Eva März in der Süddeutschen Zeitung resümiert: „Fast scheint es, als wäre Dominik Graf im deutschen Film das, wofür im französischen Kino Claude Chabrol steht: Ein Chronist der bürgerlichen Abgründe.“
Den Schauspielern verlangt dieses Programm einiges ab. Emotionalität ist nötig, damit ein Graf-Film rauskommt. Insofern ist Filmarbeit riskant, steht auch quer zu psychologischen Strategien, mit denen die und der Einzelne sich sonst in der multiplen Gefahrenlage ihrer Welt behaupten. Gepanzerte Menschen können viel, aber nicht schauspielen – zu diesem wichtigen Aspekt ein längeres Zitat: „Verletzlichkeit und emotionale Instabilität sind schwer auszubalancieren, zweifellos, aber sie schaffen allen großen und kleinen KünstlerInnen auf der Welt auch eine Transparenz … Sehnsucht nach Liebe, die man SchauspielerInnen im Kino ansieht, kann nicht ersetzt werden durch ausgestelltes Ich-Bewusstsein, durch ‚Ich weiß wer ich bin und was ich will‘ und festgeklopfte Ich-AG-Karriere-Strategien. Die Gewagtheit, die Abstürze, die unerfüllten Sehnsüchte, die Tränen – die muss man im Film sehen, glauben können. Einiges kann man nun mal nicht spielen. Und die permanente Offenheit, die der Beruf fordert, ist unersetzlich.“
Dass Graf nicht wüsste, in welchem Business er tätig ist, dass er dessen toxische Aspekte nicht erkenne oder gar bestreiten wolle, kann niemand behaupten. Man nehme nur „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ nach dem Roman von Erich Kästner, für viele Grafs Meisterwerk, die Summe dessen, was der Regisseur ausprobiert hat, was er drauf hat. Da geht es im Kern um die Zerstörung einer Liebesbeziehung durch das Filmgeschäft. Graf lässt seinen lebenslangen Superstar Götz George den Filmproduzenten Makart so spielen, dass jede Aufnahme von dessen Gesicht die Machtgeste in aller Obszönität ausstellt. Das Pippi in seinen Augen kann vom Alkohol herrühren oder, noch ekliger, von der Rührung über sich selbst, wenn er den Geliebten der Schauspielerin mit zu sich an den Tisch einlädt. Immer ist klar: Die Schauspielerin gehört ihm, Makart. Und die ‚spielt mit‘ im doppelten Wortsinn, fügt sich in die Gegebenheiten ihres Berufs. Wie Saskia Rosendahl zuvor die ausufernden Bettszenen mit Tom Schilling gestaltet hat, bekommt einen neuen Sinn: dass sie diese Innigkeit und natürliche Wildheit nie wieder zeigen wird. Der Verlustschmerz grundiert den kompletten Rest des Films. Dass der Film nur eine Filiale der Geschäftswelt ist, dass deren Brutalität hier zeitgeschichtlich verallgemeinert und klug aktualisiert wird, relativiert nichts von der Besonderheit der Machtverhältnisse, in denen Schauspielerinnen arbeiten müssen. Eher irritieren da Passagen in Grafs Buch wie diejenige, in der mit Bezug auf den Źuławski-Film „Nachtblende“ von Regie-Accessoirs die Rede ist: „Männer, die den ganzen Tag in Bademänteln herumlaufen – ‚Schlafröcke‘ nannte man diese Kleidungsstücke, die es so heute nicht mehr gibt. Und in denen einst Caster und Regisseure eines anderen Zeitalters ihre SchauspielerInnen zum Vorsprechen im Hotelzimmer empfangen haben.“ Wie „anders“ jene Zeiten waren, können nur die Betroffenen sagen.
Graf beschreibt die Art, wie er mit Schauspielerinnen und Schauspielern arbeitet, in ebenso klugen wie sympathischen Worten. „Ich mache viele Vorschläge, aber ich dominiere nicht bei den SchauspielerInnen. Spielen müssen sie ja letztlich doch selbst …“ Am liebsten drehe er mit Leuten, die er kenne, deren Entwicklung er verfolgt und mitgeprägt habe. Er sei in besonderer Weise neugierig und erwartungsvoll, was da noch komme. Oft gefallen sie ihm in Filmen von Kolleginnen oder Kollegen besser als in den eigenen, da sind die Fehler, die er mit ihnen gemacht hat, nicht passiert. Überhaupt ist Bescheidenheit ein Vorzug seines Buchs, Kritikerlob und Preise etwa können ihn nicht umstimmen, wenn er einen eigenen Film für misslungen hält. Das Buch ist ein Vergnügen, weil es lebendig aus einer Welt berichtet, die den meisten verborgen bleibt, weil es die Grundfragen dieser Welt leidenschaftlich diskutiert und weil es auf jeder Seite nachvollziehbar macht, warum einer seine Gewissheiten, seine Gemütsruhe und seinen Stolz drangibt, um in dieser Welt zu leben beziehungsweise um sie mit seiner Arbeit hervorzubringen. Vielleicht das größte Vergnügen macht das Buch, indem man lesend einem Menschen zuhört, der viel und wach und oft schnell gelebt hat und die Fähigkeit besitzt, davon zu erzählen. Das ist sehr anregend.
Dominik Graf, Sein oder Spielen. Über Filmschauspielerei, 384 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, Verlag C.H.Beck, 28 Euro
veröffentlicht bei textor.online
Gab es ein Leben vor dem Fernsehen?
„Der Teufel und der liebe Gott sehen zu, wie die Familie ins neue Haus zieht.“ So lautet der erste Satz von Andreas Maiers neuem Roman „Der Teufel“. Ähnlich wie in Goethes Faust treten, bevor etwas geschieht, der Teufel und der liebe Gott auf. Die Handlung bekommt ein religiöses Framing, Gut und Böse sind da, bevor jemand etwas tut, das moralisch beurteilt werden könnte. Was die Familie, vorneweg der kindliche Protagonist Andreas in dem neuen Haus tun werden, ist vor allem fernsehen, und da ist es genauso: „In den Nachrichten gab es die Guten und die Bösen.“ Bevor etwas berichtet wird, ist es schon bewertet.
In der Hauptsache ist der Roman eine Studie über die Wirkungsweise von Massenmedien. Die Beobachtungen hierzu sind genau. Beinahe noch genauer ist das Denken, das der Autor anstrengt, um aus den Beobachtungen auf das Phänomen zu schließen. So entsteht im Lauf der Erzählung die typisch Maiersche Pendelbewegung zwischen sublimer Komik und luzider Erkenntnis. Die Serienhelden „trugen ihre Waffen am rechten Fleck, verfolgten die Bösewichte und fingen oder erschossen sie auch regelmäßig, so daß Recht und Ordnung wiederhergestellt waren.“ Nicht anders, schon gar nicht differenzierter vermittelt das Fernsehen die reale Welt. Die Guten sind immer wir, die Bösen werden klar gekennzeichnet. Aus dem Hass auf sie speist sich die ‚gute‘ Identität. Die BRD ist gut, die DDR böse. Über eine Tante, die ihr Leben aus Überzeugung in der DDR verbracht hat, können nur Lügen erzählt werden: Sie werde gezwungen, so zu denken. Das Ausmaß, in dem Maiers Figuren vom Fernsehen vereinnahmt werden, lässt nur eine Bezeichnung zu: totalitär. Den Ort, in dem das Kind aufwächst – Schauplatz von „Ortsumgehung“, dem Zyklus, zu dem auch der neue Roman gehört – diesen Ort kennt Andreas „nur sehr punktuell von einigen Autofahrten“. Seine Welt stammt aus dem Fernsehen. Bis in die Träume hinein bestimmen anerkannte Verdikte, wer der Bösewicht ist, den man eigenhändig zu erwürgen hat. Eine spezielle ‚Übersetzung‘ der TV-Nachrichten liefert der geistig eingeschränkte Onkel J. Da er den Sinn nicht versteht, beobachtet er seinen Schwager, Andreas’ Vater, und entnimmt minimalen Veränderungen von dessen Mimik, wer die Guten sind, wer die Bösen. Da gibt es kein Vertun. Und sonst gibt es da nichts zu tun. Fernsehen ist rechthaben.
Andreas Maiers Generation sind die TV-Natives. Sie haben die Reichweite des Massenmediums erfahren und können die Nachgeborenen warnen, die andere Medien nutzen (beziehungsweise von ihnen genutzt werden). Ein Seitenblick lohnt zu Jochen Schmidt, Autor der gleichen Generation, der ebenfalls ein Buch über seine Fernsehbiographie vorgelegt hat: „Zu Hause an den Bildschirmen. Schmidt sieht fern“. Hier guckt ein Kind im Osten – aber dieselben Programme. „Ohne Westfernsehen wäre die DDR kaum erträglich gewesen und sicher früher zusammengebrochen“, mutmaßt Schmidt. Andererseits verpflanzte das Westfernsehen seine Wertungen in ein Land, das sich als böse erkennen musste und also nicht so bleiben konnte. Noch in der Ironie des Humoristen Schmidt hat das ‚freie‘ Westmedium den totalitären Subtext: „Im Westfernsehen sagten sie die Wahrheit, aber mein Leben kam trotzdem nicht vor, deshalb guckte ich ja! Mein Leben kannte ich selbst“. Anders als Maiers Figuren entwickelt der Dissident ein waches Gefühl für die Ambiguität von Meinungen. Wer so denkt, ist schon fast unerreichbar für Manipulation: „So ist es mit allem, es gibt immer eine Ansicht, die sich durchgesetzt hat, und eine gegenteilige Ansicht, die sich ebenfalls durchgesetzt hat. Wahrscheinlich sind beide falsch.“ Auch die erzieherische Intention des West-TVs den Ossis gegenüber scheitert, wenn die das Agenda-Setting nicht mitmachen. Schmidt über freie Meinungsäußerungen, die es in der DDR der Achtziger zuhauf gab: „Eigenständige politische Einschätzungen aus dem Volk beeindruckten mich immer, da ich eigentlich davon ausging, dass sich niemand für diese Dinge interessierte.“
Andreas Maiers heranwachsendem Ich fehlt diese Distanz, wie auch allen anderen Figuren des Romans. Umso klarer zeichnet „Der Teufel“ nach, was für Lügen die jüngste Geschichte begleitet haben, organisiert und tausendfach wiederholt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Der Wende-Triumph – deklariert als aufrichtige Freude über die Befreiung der „Schwestern und Brüder“ – erweist sich als hohl: Onkel J. kann die Gefühle, von denen sein Schwager redet, in dessen Gesichtszügen nicht finden, sich darum nicht mitfreuen. Was bleibt, ist die NATO-Osterweiterung. „Noch ein Jahr zuvor hätte diese Ost-Bewegung der NATO den Versicherungen aller nach einen Weltkrieg ausgelöst.“ Papa Bushs Krieg gegen den Irak wird als moralische Lektion verkauft, wie Schurken sie verdienen. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des Sohns erscheint als technisch brillante und verantwortungsbewusste Strafaktion gegen den Teufel persönlich, basierend auf der (zu ergänzen wäre: nachrichtendienstlich deutschen) Lüge über angebliche Chemiewaffen des Irak. Herz- und Meisterstück der Maierschen Medienkritik ist eine längere Passage zur Berichterstattung über Jugoslawien in den Neunzigern. Zur Rolle der FAZ damals hat Peter Handke Ähnliches zusamengetragen in seiner „Winterlichen Reise“, nicht ohne der nationalistischen Propaganda der serbischen Regierung in Teilen aufzusitzen. Hiervon bleibt Maier frei, belässt es beim akribisch nachgeschauten TV-Ton und -Bild aus Deutschland, nebst Auswertung. „Es bleibt, dass der Serbe nach dem Gesetz der Straße handelt und prügelt und zuschlägt, wo auf der anderen Seite nur Polizei und Regierung, also Ordnungshüter und Verfassungskräfte, agieren. Agressionen und Angriffe gibt es nur von seiten der Serben, die Wortlaute sind so gewählt, dass von den Kroaten niemals Angriffe oder Agressionen ausgehen.“
Was bewirkt nun all dies verlogene Einteilen der Welt in Gut und Böse, in Wir und die Anderen? Da läuft der Autor zur Hochform auf, erzählt Weihnachten als familiäre Übung in manipulativem „Zauber“ und die Carrerabahn als, was kindliche Vollmitglieder der Gesellschaft besitzen müssen. Vor linker Subkultur, in die der Jugendliche sich flüchtet, macht Maiers analytischer Blick nicht halt. Ein brachialer ‚Feminismus‘ teilt die Welt in männliche Täter und weibliche Opfer ein. Humoristisches Highlight: ein Coitus, währenddesssen der Junge sich für die am Ende unausweichliche Ejakulation ausdauernd vorverurteilt. Den Alten werfen die Jungen Uniformierung vor. „Wir dagegen trugen keine Uniformen, deshalb kleideten wir uns auch alle (sic!) hauptsächlich vom Flohmarkt.“ Solchen Spuren müsste gründlich nachgegangen / -geforscht werden: Behaupten sich das Patriarchat und ein gesellschaftlicher Uniformismus am Ende dadurch, dass sie ihre Alternativen korrumpieren? Außer grandios erzählt ist „Der Teufel“ ein Pamphlet über mediale Lügenwelten, an dem keine ernsthafte Debatte künftig vorbeikommt.
Nicht nur die ausführlichsten, auch die bestürzendsten Belege dafür, dass die Manipulation greift, findet Maier in der eigenen Familie. Der Vater und sein Bruder, gleichzeitig der Gundstücksnachbar, sind so verfeindet wie West und Ost. Zwischen den Grundstücken steht ein Zaun, der die Welten so trennt wie die innerdeutsche Mauer. Hinzukommt, dass Vater und Mutter insgeheim auch verfeindet sind, nur nach außen noch den Schein der Wohlanständigkeit wahren. Recht haben, die Guten sein, alle um sich herum dominieren – das Hirngespinst steuert alle, die es lernen, bis jeder Frieden und jede Ordnung kaputt sind.
Der eingangs erwähnte faustische Prolog des Romans hat es insofern schwer. Er besteht nur aus dem zitierten Satz, Gott und der Teufel sind nur Zuschauer. Für das Leben, wie für das Fernsehen, wäre das an sich genug: Instanzen, die alles bewerten. Wie die Vorzeichen eines Musikstücks dessen Tonart festlegen, bestimmen der himmlische und der höllische Zuschauer, dass und wie das Leben bewertet wird. Vereinzelt tauchen die Instanzen noch mal auf, der Teufel zum Beispiel als jemand, der an den Liebeswirren des Teenagers Andreas Spaß hat, „wenn auch nur im Sinne einer Fingerübung“. Mephistos Loblied auf den Sex lässt grüßen („hab ich doch meine Freude dran“). Aber das Buch übt ja Kritik an externen Bewertungen. Wo es sie auffindet, zeigt es, wie das Leben darunter leidet, sein Eigengewicht verliert. Auch der Teufel kann dieser Kritik zum Opfer fallen. Und tut es. In der Stadtkirche, einem wichtigen Schauplatz des Romans, erklärt eine Frau dem Jugendlichen das Altarbild dahingehend, dass es den Teufel darstelle, der von einer starken Hand bekämpft werde. Jahre lang ist es das, was Andreas auf dem Bild sieht. Bis es eines Tages verschwindet und nach Monaten in restauriertem Zustand wieder erscheint. Das Aussehen der Teufelsfigur hat sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Der Restaurator, den Andreas befragt, hat von einem Teufel auf dem Bild noch nie gehört. Um einen Heiligen handele es sich. Der Teufel ist der Wissenschaft, in dem Fall der Kunstgeschichte, zum Opfer gefallen. Er war nur die Marotte einer Frau, die einem jungen Mann die Welt erklären wollte.
Und Gott? Der befindet sich ja in der gleichen Gefahr. Andeutungsweise entgeht er ihr aber knapp. Zumindest ist sein Haus – die gotische Stadtkirche – der Ort, an dem Andreas die erhabensten Gefühle des Buches hat. Wie das beschrieben wird allein, lohnt die Lektüre. Seit seinem Debüt „Wäldchestag“ ist Andreas Maier ein Autor, der die „nüchterne Trunkenheit“ nach Augustinus beschreibt, den „Rausch des Seins“, wie Konstantin Wecker es nennt in seinem neuesten Buch, das unter anderem die Geschichte seines Alkoholentzugs erzählt. Am Ende von „Der Teufel“ geht Andreas noch mal in die Stadtkirche und ihm wird klar, wie der Raum auf ihn wirkt, nämlich wie sein Zimmer vom Anfang des Romans – vom Anfang seines Lebens –, in dem er lange Tage allein lag, von einer ungenannten Krankheit befallen, und die Stille erlebte. In diesem Zimmer wurde noch nicht ferngesehen. Die bewertete, aus zweiter Hand empfangene Welt gab es noch nicht. Möglicherweise entkommt Gott über diese Assoziationsbrücke seiner Abschaffung durch die Maiersche Medienkritik. Aber das wird erst der nächste und, wie man hört, letzte Band der „Ortsumgehung“ entscheiden. Er soll „Der liebe Gott“ heißen.
Andreas Maier, Der Teufel. Roman, 248 Seiten, Suhrkamp Verlag 2025, 25 Euro
veröffentlicht bei textor.online
Jakobsbuch
Ein Romanwerk von mehr als tausend Seiten Umfang ist nichts für mich. Selbst Olga Tokarczuk, deren Romane ich bewundernd verschlinge, hat mich nicht dazu gebracht, „Die Jakobsbücher“ zu lesen. Drei mal so wichtig wie andere Bücher ist keins. Zu viel Gutes ist noch ungelesen. Die bohrende Doppelfrage habe ich mir schon vor zwanzig Jahren gestellt: Wie viele Bücher hast du im letzten Jahr gelesen? Und wie viele Jahre wirst du voraussichtlich noch leben? Das Produkt aus den zwei Zahlen ließ das Blut in meinen Adern gefrieren. Hinzukommt, dass mein Leben immer weniger Zeit fürs Lesen bereithält, einer Reife wegen, die vor allem das Lesen mich hat erlangen lassen – zu seinem Schaden.
Werde ich bei Thomas Mann eine Ausnahme machen? Alle seine ‚Josephsbücher‘, sämtliche 1363 Seiten von „Joseph und seine Brüder“ lesen? Vorgenommen hatte ich mir, nur Band eins meiner Taschenbuchausgabe zu lesen. Nach der Lektüre fühle ich mich berechtigt, es dabei zu lassen. Nicht etwa, weil die Lektüre enttäuschend verlaufen wäre, sondern neben dem oben ausgeführten aus zwei Gründen. Erstens enthält meine Ausgabe in Band eins schon zwei Romane: Jakobs Geschichten und Der junge Joseph. Zweitens finde ich die Figur Jakob interessanter und vielschichtiger, weil brüchiger, als die des Sohnes Joseph. Ich hätte beide Romane nach Jakob benannt, finde, dass seine Figur auch den zweiten Roman überstrahlt. In jedem Fall habe ich den – sicher mehr als fragwürdigen – Eindruck, das Beste der Tetralogie bereits zu kennen und begnüge mich damit (keine Ahnung, ob ich eines Tages noch schwach werde).
Warum ist Jakob der Interessantere? Weil er Thomas Manns persönliche Herausforderungen beinhaltet. Jakob ist ernsthaft, bis zur Einzelgängerei. Ihn interessiert die Wahrheit – sei sie schön oder unschön. Er ist liebesfähig und bereit, sich zu verlieren in der Liebe zu einer Frau. Er gründet eine Familie und kämpft mit dem täglichen Wahnsinn, den das bedeutet. Er hat ein Business und wird immer besser darin, so gut, dass sein geistiges Potenzial ein Teil davon wird. Schließlich ist er ein überaus selbstkritischer und auch seinem Umfeld gegenüber kritischer Mann, das heißt, er erkennt ein Maß an, das nicht er gesetzt hat, womit er wieder bei der Wahrheit herauskommt, die ihn nicht loslässt.
Und Joseph? Ist ein Genie und hauptsächlich mit diesem Umstand seines Daseins beschäftigt. Er ist ein Muttersohn und verdankt die Tatsache, dass der Vater einen Narren an ihm gefressen hat, der Liebe des Vaters zu der Mutter, der einzig Geliebten. Nicht dass das Geniethema nicht bedeutungsvoll wäre. Genialität ist eine Tatsache und als solche bedeutsam vor allem für die anderen, die nicht Genialen, für die sie eine unerschöpfliche Quelle der produktiven Überraschung darstellt. Nicht einfach, das als genialer Mensch festzustellen und sich entsprechend zu verhalten. Aber es steckt weniger Leben, weniger Verschiedenes in diesem Thema als in der Jakobsthematik des verantwortlichen Familienvaters. Ich sehe TM und seinen Bruder Heinrich in den zwei Figuren, oder präzise: Jakob ist der Muttersohn TM, der dem älteren Bruder den Vatersegen neidet und abjagt. Joseph dagegen ist der Nur-Muttersohn TM. Im Stillen vergleiche ich das alles mit mir und meinem älteren Bruder.
Heinrich war unter normalen, das heißt republikanischen Bedingungen beliebter oder bei mehr Menschen beliebt als Thomas. Er ist unterm Strich der elegantere und modernere der zwei hochbegabten Schreiber. An der Diktatur und ihren Folgen, dem Exil und dem Verlust der gewohnten Leserschaft, ist Heinrich gründlicher und ehrlicher zerbrochen. Als Erstgeborener eines Kaufmanns war er der ‚natürliche‘ Vatersohn, TM dagegen Muttersohn in allen Belangen einer bürgerlichen Familie: verspielt, verwöhnt, innerlich verwahrlosend. Vatersöhne sind beliebter bei Frauen oder sagen wir: bei mehr Frauen beliebt als Muttersöhne. Unter normalen, das heißt freiheitlichen Bedingungen stehen Vatersöhne sicherer in der Öffentlichkeit als Muttersöhne, die ihre Gefolgschaft oder Gemeinde brauchen, wie Joseph den kleinen Bruder Benjamin, der im Roman sein komplementärnarzistisches Spiel treibt mit dem allseits bewunderten, damit auch nach vielen Seiten verwundbaren Joseph.
Dass die Mann-Brüder einander über alle Zerwürfnisse und Parteiungen hinweg verbunden blieben, ist für mich außer menschlich berührend ein Zeichen ihres ernsthaften Künstlertums: Sie suchten das Fremde, die Ergänzung des Eigenen, das Überpersönliche und damit in Teilen Überirdische und TM vielleicht das alles noch ernsthafter als der ansonsten ernsthaftere Bruder. Großartig, wie TM all dies in dem Roman anspricht und es tiefgründig geschehen lässt! Inhaltlich verknüpft er die biographischen Themen mit der Religionsgeschichte, in der die Okkupation mit Geistern, Göttern, Emanationen und Invokationen irgendwann der Frage Platz macht: Wer oder was steckt hinter dem Ganzen, das zwar als Ganzes wirkt, sich aber nicht selbst erklären kann? Intuition und Sinneswachheit, die Gaben des Muttersohns, lassen sich befragen von der Sorge des Vaters um den Segen, um die allerhöchste Zustimmung und damit die Übereinstimmung des Gesehenen mit der Wirklichkeit.
Religions- und Kulturgeschichte verarbeitet TM dabei mit einem Eros, das auf mich pädagogisch wirkt. Die Göttinnen und Götter Kanaans und dahinter der Götterhimmel Ägyptens und Babylons werden von ihm mit einer Sorgfalt inszeniert, das Ganze in einer Ausführlichkeit religionskundlich kommentiert, die sich dem Umstand verdanken könnten, dass TM kein Akademiker war. Wissenschaftliche Erkenntnis, forschungsbasiertes Fortschreiten des Verständnisses faszinieren den Autor als einen Außenstehenden, bis dahin, wo er für mich anfängt ideologisch zu klingen. Wie der Mensch sich seine Götter zurechtmachte und wie die ihn anschließend ihrerseits formten, das Programm der kritischen Religionshistorie unterlegt TM ebenso begeistert wie akribisch seiner Geschichte, die im biblischen Original damit deutlich weniger zu tun hat.
Und dann kommt der Künstler und haucht dem Wissen, das er sich bereitgelegt hat, Leben ein. Dann wird aus dem historischen Konzept des Monotheismus eine Urerfahrung, die alle Relativität aufhebt: „Der Auftrag des Geistes in dieser aus der hochzeitlichen Erkenntnis von Seele und Materie entstandenen Welt der Formen und des Todes ist vollkommen eindeutig und klar umrissen. Seine Sendung besteht darin, der selbstvergessenen in Form und Tod verstrickten Seele das Gedächtnis ihrer höheren Herkunft zu wecken; sie zu überzeugen, dass es ein Fehler war, sich mit der Materie einzulassen und so die Welt hervorzurufen“. Ironie und helles Vergnügen immer mit dabei, lässt TM seinen Jakob die Welträtsel lösen, ohne dass er sich in der polytheistischen Nachbarschaft damit unbeliebt macht. Denn in der müssen Schafe und Kamele getauscht, eine Frau gefreit und mit dieser vereint der Schwiegervater übers Ohr gehauen werden. Wenn dieser Roman mystisch ist, und das ist er, dann zu allererst in der radikalen Diesseitigkeit, außerhalb derer das Geheimnis unfassbar bleiben müsste.
Und weise war Thomas Mann – aber sowas von. Das hat mir, zugegeben, meine bisherige relativ umfängliche TM-Lektüre nicht hinreichend vermittelt. Wird an mir liegen. Hier aber säumen die Sinnsprüche, Bonmots und Denkformeln in beglückender Üppigkeit den Weg. Zum Beleg und Abschluss das Beste, was ich über Misstrauen und dessen tiefere Ursache je gelesen habe: „… und sie erfuhren, was das ist: ein Verdacht und Argwohn, und dass der Mensch sich damit selber mißtraut im andern und dem andern in sich, also daß er die Ruhe, die er nicht findet, dem andern nicht gönnen kann, sondern quengeln und lauern, sticheln, stochern und bohren muß ohne Rast und sich selber plagen, indem er den andern zu plagen scheint – das ist der Verdacht und der heillose Argwohn.“
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Bd 1, 495 Seiten, Frankfurt am Main und Hamburg (Fischer-Bücherei) 1967
Kein Spiel, aber Können
Thomas Manns Homosexualität oder Queerness rettet ihm zum runden Doppeljubiläum die Aufmerksamkeit. Von entsprechenden Zeitungsgeschichten amüsiert greife ich zu einem Roman, der das Thema behandelt. Der Autor Hans Pleschinski erzählt von der späten Wiederbegegnung Manns mit seinem Sylter Crush Klaus Heuser. In der ersten Sonne seines Weltruhms verbrachte TM samt Familie eine Sommerfrische auf Sylt, wo er sich in den Sohn eines Düsseldorfer Malers verguckte und diesen zu sich nach München einlud. Klaus Heuser folgte der Einladung und verbrachte einige Tage als Freund und Gespiele mehr der Mann-Kinder denn des Vaters, dem er zum Abschied immerhin einen Kuss gab. Dieser Kuss und das emotional-imaginäre Drumrum geisterte seitdem durch die Tagebücher und Romane des Großschriftstellers. Mir zeigt die Geschichte einmal mehr, was TM wirklich konnte: spielen. Sich die Freiheit nehmen, Dinge ganz nach der eigenen Regel anzuordnen, Wirklichkeit und Einfälle unauflösbar miteinander zu vermischen.
Für Hans Pleschinski geht es dagegen um eine Wahrheit, die unterdrückt am Grunde des Literatursees TM liegt und gehoben werden soll. Weitschweifig befasst der Roman sich mit dem spießigen Ungeist Adenauerdeutschlands, der allgegenwärtigen Überlappung des Nazispuks. Es geschieht mit störend fühlbarer Absicht: Die prekäre Situation der Homosexuellen seinerzeit soll sich verdeutlichen. Denn Klaus Heuser ist schwul, hat mit seinem indonesischen Partner ein offen schwules Leben in Südostasien geführt und muss zu Besuch in seiner Heimatstadt Düsseldorf auf Schritt und Tritt aufpassen, auf jedes Wort, jedes Bekleidungsdetail. So weit, so trist, aber was hat das mit Thomas Mann zu tun?
Sehr viel, nach Hans Pleschinski. Denn am Ende der Geschichte, die großenteils zur Herauszögerung ihres Schlusses erzählt wird, treffen der Schriftsteller und der Überseekaufmann aufeinander und gestehen sich geschraubt eine Liebe ein, um die es ihnen lebenslang gegangen sein soll, zumindest Thomas Mann. Wäre das Buch eine Symphonie, würde man von Programmmusik sprechen und das Programm übertönt durchgängig den musikalischen Ausdruck. Was schade ist, denn Pleschinski nimmt die Einladung seines Gegenstands Thomas Mann, literarisch interessant zu schreiben, erfolgreich an, textet das große Vorbild und andere Figuren, vor allem Tochter Erika, so elegant, dass man ihm verzeiht sich die Mühe gespart zu haben, Originaldokumente und Bearbeitung transparent zu scheiden. Spielerisch leicht wird es hier nie, aber gekonnt ist das Allermeiste. Chapeau in erster Linie dem Lehrer TM für solche Nachwirkungen!
Hans Pleschinski, Königsallee. Roman, München 2013
Wo er ist, ist die Kultur
Über Feridun Zaimoglus Roman „Sohn ohne Vater“
Dieser Autor kommt aus der Hölle. Gemeint sind die Schreibprojekte, mit denen Feridun Zaimoglu in den letzten Jahren befasst war. 2022 erschien sein Roman „Bewältigung“, die Geschichte eines Autors, der ein Buch über Hitler schreibt, dazu an Lebensstationen desselben recherchiert und ihm seine Stimme leiht, um das absolut Böse zu ergründen. Im Kern erzählt Zaimoglu die Geschichte einer Vergiftung. Seine Figur sieht sich unweigerlich in den geistigen Abgrund gezogen, den sie vermessen wollte. Ist „Bewältigung“ damit schon ein düsterer Solitär der Literatur, schockiert noch mehr der Vorgängertext „Führer“ – ein über fünfhundert Seiten langer Hitler-Monolog. Das Buch konnte aus juristischen Gründen nicht erscheinen, seltsam genug, dass der Autor überhaupt daran dachte. Seltsam bereits, dass er es geschrieben hat, allerdings in anderer Weise seltsam. Zaimoglu ist ein Autor von seltenem Mut.
„Vergangenheitsbewältigung“ in der üblichen Form erschien ihm als verlogen, sofern über den Taten die Täter vergessen werden, die Tatsache, dass Menschen aus Fleisch und Blut die Taten ersannen und begingen. In dieses schwarze Loch hat der Autor sich jahrelang hinein geschrieben, aus ihm hat er „Bewältigung“ mitgebracht – und nicht mehr sich selbst, wie er dem Literaturwissenschaftler Norbert Otto Eke anvertraute: „Er habe sich ‚vernichtet als einer, der hineingeht in seine Geschichten und wieder aus diesen Geschichten herausgeht‘ und müsse nun ‚einen Neuanfang‘ – und das heißt: er müsse sich eine neue Form suchen. Im ‚Tigersprung‘ (Walter Benjamin) zurück in die eigene Familiengeschichte, mit der er formal wieder an Darstellungstechniken der großen Erinnerungsromane Leyla und Siebentürmeviertel (2015) anzuknüpfen scheint, […]“, wolle Zaimoglu gehen, so Eke vor zwei Jahren.
Tatsächlich ist Familie das Thema des neuen Romans „Sohn ohne Vater“. Eine Anknüpfung an die genannten großen Vorgängertexte lässt sich allerdings nur partiell beobachten. Auffälliger ist, wie an fast jedem Buch Zaimoglus, dessen künstlerische Weiterentwicklung, mittlerweile auf ein einschüchterndes Niveau. Die Familiengeschichte des Ich-Erzählers, wieder eines Autors mit Anklängen an die Person Zaimoglu, entfaltet sich innerhalb eines komplexen Gesellschaftsbilds, das viel stärker als „Leyla“ und „Siebentürmeviertel“, türkische und deutsche Entwicklungen überblendet, sie zudem um verschiedene mittelosteuropäische Schauplätze erweitert.
Am Anfang steht die Nachricht vom Tod des Vaters in der Türkei, die den Sohn in Deutschland erreicht. Sohn und Vater haben lange nicht mehr am selben Ort gelebt. Der Sohn wird von der Nachricht dennoch kaum weniger ‚aus dem Leben gerissen‘ als der Vater. Fast das halbe Buch lang irrt er zwischen Kiel, Dortmund, Bad Godesberg und anderen deutschen Orten herum mit dem Plan, das Grab des Vaters aufzusuchen. Dann mietet sein Verwandter Tan einen Camper für die Reise und fährt den flugängstlichen Sohn über Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien und Griechenland an die türkische Grenze, deren Überwindung nur unter absurden Komplikationen gelingt. Der Schluss spielt in einem nicht näher lokalisierten türkischen Dorf, wo die Mutter lebt und das Grab des Vaters liegt.
Wie der Sohn durch den Verlust des Vaters seine Fassung verliert, so zerteilt der Erzählfluss sich in kleine und kleinste Fragmente. Virtuos unterlegt Zaimoglu ihnen eine Grundstruktur, ein Abwechseln zwischen präsentisch erzählter Reisevorbereitungs- beziehungsweise Reisegeschichte und Erinnerungsschüben im Präteritum. Es sind die zwei Pole, zwischen denen das Bewusstsein der Figur scheinbar willenlos hin und her pendelt. Aufgerufen werden damit auch die zwei Kulturen, denen die Familie zugehört, die deutsche, wo sie zusammen lebte, und die türkische, wohin die Eltern zu einem unbestimmten Zeitpunkt zurückgekehrt sind. Weil der Todesfall aber alles in Frage stellt, was bislang galt, stürzen auch die Grundelemente der Identität zusammen für den Sohn, zappelt er in jeder Szene in einem speziellen Knäuel aus Kultureinflüssen. Wie soll er weiterleben, wie weiter denken? An dem Punkt verankert der Autor ein weiteres Strukturelement: eine radikale Skepsis, mit der der Ich-Erzähler den eigenen Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen begegnet. „Krähen heben von den Ästen einer großen Krüppeleiche ab. Was will ich in dieses Bild hineinsehen? Lieber blind schauen, lieber an nichts denken.“ Was es ist, das seine Gedanken manipuliert, wird kunstvoll zu einer eigenen Fragestellung erhoben. Ein griechisches Reiterdenkmal provoziert: „Ich schaue hoch, ich schaue weg, der Ruhm von Feldherren, von Helden, von Bezwingern beeindruckt mich nicht, sie haben Männer niederen Ranges in den Tod geschickt, was denke ich da, nicht denken.“
Dem Vater, den Eltern gegenüber fühlt der Erzähler sich unzulänglich. Schon die Briefe des Vaters hat er nach Erhalt zerrissen, weil er sich davor fürchtete, sie wiederzulesen, wenn der Vater gestorben wäre. „Vater, ich bin in meiner Trauer nicht glaubwürdig. Ich versichere dir: Ich atme weniger, weil du in meinen Tagen fehlst.“ So eng sind Vater und Sohn miteinander verbunden, dass der Tod nicht nur die Erinnerung, sondern die Atemluft, das Selbstbild und die Sprache des Überlebenden zerschneidet. „Mitten wir im Leben / sind vom Tod umgeben“, sagte das Mittelalter. Ernst ist dieses Buch, weil die Trauer den Autor ernst machen lässt mit der Frage nach dem, was zu schreiben ist. Nicht anders geht es der Leserin, zum Beispiel Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung (13.2.2025): „Wenn man sich auf die Trauer eines anderen ein ganzes Buch lang einlässt, ist das so eine Art Gefühlskatalysator – es gemahnt einen daran, was bleiben wird, worauf man sich einstellen muss, wie Verlust funktioniert.“ Am Ende der Reise wartet die verwitwete Mutter, unglücklich, hilflos, unerreichbar vonseiten der Kinder. Ja, es war die Entscheidung der Eltern, zurück in die Türkei zu ziehen. Wie es vorher ihre Entscheidung war, in Deutschland einen deutschen Sohn großzuziehen. Was, bitte, ist an dieser Welt aushaltbar?
Als Kind konnte der Erzähler sich aus unzumutbaren Lagen befreien dadurch, dass er die Lügen der Zumutung aufdeckte. Man zwingt ihn einen abgeschlagenen Hahnenkopf auszugraben, eine Mutprobe. Er besteht sie, verteidigt sich mit dem Hahnenschnabel gegen die Wut der Kameraden und wird daraufhin als „Schweineheide“ und „Schweinesau“ beschimpft, nach den Kindern auch von deren Vätern. Aber er glaubt ihnen nicht. „Ich war kein Grabschänder. Ich war gezwungen worden, das tote Stück auszuscharren. Ich hatte mich wehren müssen.“ Von Deutschland lernt das Einwandererkind die Kultur der Rationalität. Bis es den ersten Punks begegnet und ihrem Protest recht gibt, aber nur teilweise. Situativ, geschützt nur „vom Rechte, das mit uns geboren wird“ (Goethe), legt der Junge Kultur Stück für Stück an wie eine Waffenrüstung. „Punk war die Verrotzung des Lebens, ich liebte die Sachlichkeit. Punk war aber auch der Bruch mit dem guten Benimm. Das gefiel mir.“ Feridun Zaimoglu ist kulturell da, wo die komplexe Realität seines Lebens und seiner Welt ihn zu sein zwingen. Statt seine Bücher als Migrantenliteratur zu verniedlichen, sollten wir uns fragen, wie weit jede und jeder von uns allen hinter dieser singulären Kulturleistung zurück hängt.
Was die Eltern ihr Kind gelehrt haben, mit Worten und noch wirksamer mit dem Lebensbeispiel, davon erzählt der Roman atemlos vor Staunen. Die Eltern wussten: Es wird dem Kind erst mit einer Reife klar werden, die mehr als alles gefördert werden muss. Der Vater, ein Arbeiter, lernt und liebt die deutsche Sprache, weswegen er „zum sogenannten Sprachmittler und Übersetzer“ für die Landsleute aufsteigt. Nebenbei hilft er ihnen bei von ihm ausgewählten Verhaltenskorrekturen, damit sie von den Deutschen akzeptiert werden. Was diesbezüglich nicht klappt, kann ihn schon mal als eine Art Femerichter auf den Plan rufen. Anschließend fährt einer, der Frauen belästigt hat, mit fünf gebrochenen Fingern der rechten Hand zurück in die Türkei. Schwere Jungs, die seinen Rat suchen, weist der Vater nicht ab. Über ein nachtlanges Gespräch mit einem geistesgestörten Gangster fertigt er ein Gedächtnisprotokoll an, das der Sohn außerhalb der Wohnung für ihn verstecken muss. Wo, ist seine Sache – eine Reifeprüfung. Der Inhalt wird zum bewunderten Sprachvorbild. Anders als mit Verehrung ist dem Einsatz, der Liebe und Klugheit seiner Eltern nicht gerecht zu werden, weiß der Erzähler vom ersten bis zum letzten Satz des Buches. Wo steht denn so was noch? Mit Idealisierung oder persönlicher Voreingenommenheit, wie oft gesagt wurde, hat dieses Vaterbild nichts zu tun, alles dagegen mit dem guten Boden, der eine Saat aufgehen lässt. Wozu gehört, dass der Sohn komplett anders lebt als seine Eltern, und nur damit richtig. Schön und schwer lesen sich lange Passagen, in denen die Mutter dem Sohn Vorwürfe macht – und ihn damit ihrer höchstmöglichen Wertschätzung teilhaftig.
Ein Vergleichstext: Peter Härtlings „Nachgetragene Liebe“ ist ebenso autofiktional wie „Sohn ohne Vater“, ebenso eine Liebeserklärung an einen früh verlorenen Vater. In beiden Romanen ist das Alter ähnlich, in dem der Sohn vom Vater getrennt wird, durch dessen Tod bei Härtling, durch seine ‚Remigration‘ (freiwillig!) bei Zaimoglu. Nur Kindheitserinnerungen verbinden, im Sinne von Überresten des Zusammenlebens. Beide Söhne konnten noch nicht verstehen, was die Väter ihnen weitergaben, ihr kindliches Unvermögen bildete eine Grenze, die erst später mittels der Erinnerung überschritten werden kann. Bei Härtling kommt hinzu, dass das Kind umständehalber ein Nazi war, während der Vater das immer weniger sein wollte, es immer schlechter an Menschen seiner Umgebung ertrug. Aber was soll man sagen, ähnlich ist es bei Zaimoglu. Was in der Türkei los ist, davon schweigt der Vater nicht zuletzt, weil sein Sohn mit derartigen Informationen gefährdet wäre. Auch daher kommt die oben erwähnte Reserve des Sohns den eigenen Gedanken gegenüber: Denken ist gefährlich, das zu lernen war Teil der väterlichen Erziehung. Erst als Erwachsener sieht der Erzähler die türkischen Fernsehnachrichten mit offenen Augen: „Ein Parteisoldat sagt über den Parteivorsitzenden: ‚Wir müssen seine Schuhe lecken. Ich würde seine Sohlen mit meiner Zunge putzen.‘“ Erst jetzt stehen die Weisheit des Vaters und das Gerede eines türkischen Faschisten sich erkennbar gegenüber als das, was sie sind: unvereinbar.
Deutschland wirkt im Vergleich nicht heimeliger, nicht vertrauenswürdiger. Es verbirgt nur gründlicher alles, was nicht Oberfläche ist. „Der Baum, die Wiese, Parkbänke, im Becher schmelzende Eiskugeln, in die schlendernde Menschen einen bunten Eisspatel stachen. Gänse, Tauben, andere Vögel: Ich sah alles und wünschte Gewalt und Entsetzen herbei.“ Was das Kind ahnte, geht der erwachsene Halbwaise furchtlos suchen: den gewalttätigen Subtext der ausgestellten Gesellschaft. Darin kommen auch „Bewältigung“ und „Sohn ohne Vater“ zusammen, in der bohrenden Frage nach Gewalt und Ausgrenzung, die sich unter der Oberfläche ereignen und ihre Opfer, egal welcher Herkunft, heimatlos machen. Ist es zufällig, dass beide Romane in langen Kapiteln davon erzählen, wie einsam und verachtet die Protagonisten, zwei ernsthafte Schriftsteller, sich im deutschen Kulturbetrieb, ja, sogar im privaten Kreis ihrer angeblichen Freunde bewegen? Was Zaimoglu von seinem Vater und auch von dessen Religion gelernt hat, hat schon in „Bewältigung“ die Blickrichtung geändert, weg von den Tätern hin zu den Opfern. Die verstörenden Schlussätze von „Sohn ohne Vater“ bringen es auf den Punkt: „Ein Straßenhund mit gebrochenem rechten Hinterbein und kaum verheilter Wunde verkriecht sich unter ein geparktes Auto. Wäre ich ein Heiliger, würde ich auf die Knie sinken und seine Wunde lecken, bis sie heilt.“
Man spricht viel davon, wie „poetisch“ Feridun Zaimoglus Bücher seien. Genauer ausdrücken muss man sich dann nicht mehr. Und keine Ahnung, was das über den Rang des Autors besagen soll. Es kann wie eine freundliche Herabstufung klingen. Ich frage mich stattdessen, was ich mit diesen Büchern anfange, was mein Leben durch sie aufnehmen kann an einer Tiefe, für die – oder vor der – das Wort „poetisch“ nicht mehr sein kann als ein Doppelpunkt. Vor diesem Autor fühle ich mich vor allem: unzulänglich.
Feridun Zaimoglu, Sohn ohne Vater. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 280 Seiten, 24 Euro
veröffentlicht auf textor.online
Erlaubt ist, was hilft
Absichtlich oder unbewusst, ausschließlich oder teilweise – immer schreiben Autoren auch über sich selbst. Immer schon war das so. Die Person Tacitus lernen wir kennen, wenn wir in seinen Berichten über die Germanen die persönlichen Urteile mitlesen. Solange es Bücher gibt, gibt es außerdem ein Schreiben, das in der Hauptsache Selbsterkundung ist – zu den unterschiedlichsten Zwecken. Die Frankfurter Autorin Susanne Konrad legt nun eine Erzählung vor, die in therapeutischer Absicht geschrieben wurde. Schreiben kann dabei helfen, seelische Verletzungen und Traumata zu bewältigen, sagt die Autorin und fügt ihrem Text ein Essay zum autofiktionalen Schreiben mit therapeutischer Intention bei.
Erzählt wird die Geschichte von Caro, einer sechzigjährigen Psychologin, die in ihrer Jugend von einem One-Night-Stand schwanger geworden ist und zu der Tochter, die dabei entstand, in einem schwierigen Verhältnis steht. Die genaueren Umstände der Zeugung beurteilt die Protagonistin nachvollziehbarer Weise als Vergewaltigung. Wie kann sie dann die Tochter lieben? Welche Auswirkungen hat die Vergewaltigung auf ihr Leben, insbesondere die Beziehung zu Thies, ihrem fünfzehn Jahre älteren Lebenspartner? In dem Lebensbericht sowie in wiederholten Rückblenden wird das Drama einer Frau verhandelt, die nicht das Leben führen konnte, das sie wollte. Dabei ergeben sich für den Text Probleme, die literarisch nicht überzeugend gelöst sind. Mehr als erzählt wird hier beständig reflektiert und kommentiert, wobei die Erzählerin ihrer Figur oft ins Wort fällt. Ein Beispiel: „Caro hatte manchmal das Gefühl, Situationen zuzulassen, die ihr nicht angenehm waren, anstatt das zu tun, was ihr wirklich guttat. Sie empfand das als ein Defizit, weil sie als angehende Psychotherapeutin den Anspruch an sich hatte, sich und anderen ein positives Selbstbild vermitteln zu müssen.“ Ein Fazit, gezogen von der psychologisch gebildeten Heldin, ergänzt und ‚verbessert‘ von deren therapeutisch interessierter Erfinderin, tritt an die Stelle von Situationen, die auch hätten erzählt werden können. Was beim Leser dennoch ankommt, sind die Gefühle, um die es geht, die Prozesse, in denen die Figur lernt diese Gefühle zu verstehen, zu akzeptieren und sich teilweise von ihnen zu befreien. Am Ende, so viel sei verraten, gelingt es der Frau mit Hilfe ihrer erwachsenen Tochter, zu dieser eine warme und lebendige Beziehung aufzubauen. Damit hat sich insbesondere das therapeutisch motivierte Unterfangen gelohnt, die Erzählung zu schreiben.
Konrads spezielles Schreibinteresse in der Erzählung ist die Beschäftigung mit traumatischen Erfahrungen und deren Auswirkung. In dem angehängten Essay konkretisiert sie dieses Konzept dahingehend, dass sich beim Schreiben auch Lösungsansätze und Potenziale aktivieren lassen, die es (noch) nicht ins reale Leben geschafft haben. Gleichzeitig bietet die Fiktionalisierung des eigenen Lebens einen Schutzraum, in dem erlittene Traumata aushaltbar und damit beschreibbar werden. Das Konzept legt insofern den Akzent auf die Fiktionalisierung und lässt die autobiographischen Anteile des Schreibens in den Hintergrund treten, bis zu deren Unkenntlichkeit für den Leser. Konrad folgt nicht der üblichen Definition von „Autofiktion“, wonach die reale Autorin Teil des erzählten Inhalts ist, sondern rät dazu, einen „Avatar“ und mit ihm einen Lebenslauf zu erfinden, der nur gewisse Themen mit der eigenen Biographie gemeinsam hat.
Theoretisch ist das, was Konrad macht, eher „autobiographisch fundierte Fiktion“ nach Johanna Vedral, auf die Konrad sich beruft, als Autofiktion, und sei es in dem weiten Begriffsrahmen, den Birgitta Krumrey in ihrem Buch „Der Autor in seinem Text. Autofiktion in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur als (post)postmodernes Phänomen“ ausleuchtet. Dort weist Krumrey darauf hin, dass der Begriff sich besonders in Deutschland zunehmend in Richtung Fiktion öffnet. Die Homodiegetik, das Vorkommen des realen Autors in seinem Inhalt, bleibt trotzdem die Hauptbedeutung. Kafka, um ein bekanntes Beispiel zu bringen, hat nur einen einzigen autofiktionalen Text verfasst: seinen „Brief an den Vater“. Das übrige Oevre, abgesehen von den Briefen und Tagebüchern, gehört der Fiktion zu, so „autobigraphisch fundiert“ diese auch hergestellt ist.
Wichtiger als die akademische Frage, was für eine Gattung Susanne Konrad vorlegt, ist aber die Motivation, aus der heraus sie den Begriff und das mit ihm bezeichnete Schreiben erweitern möchte. Autofiktion als postmoderne Literaturgattung ist fiktiv, weil sie der autobiographischen Erinnerung misstraut, das Ich und seine Geschichten als (teilweise) konstruiert betrachtet. Anders Susanne Konrads Motiv für die Fiktionalisierung: „Eine Autorin, die ein seelisches Trauma zu bewältigen hat, erfindet nicht deshalb, weil sie den Wahrheitsgehalt ihrer Erinnerung bezweifelt, sondern weil sie die Erinnerung an das Erlebte zu stark bedrängt.“ Zudem sieht die Autorin in der Fiktion bessere Möglichkeiten, ihr Publikum zufriedenzustellen. „Den meisten Lebensgeschichten fehlen […] Geschlossenheit und Aussagecharakter.“ Ein solcher Einwand setzt voraus, dass Lesen nur konventionell funktioniert. Gerade autofiktionale Autor:innen haben sich aber mit beeindruckendem Erfolg darüber hinweggesetzt. Georges-Arthur Goldschmidts Erzählung „Der unterbrochene Wald“ ist ein Pageturner, gerade weil sie das Leben des Autors als Gegenteil von jeglicher Geschlossenheit und greifbaren Aussage präsentiert, sich stattdessen furchtlos an die Schmerzerfahrung heran schreibt. Schutz bietet auch diesem Autor die Fiktionalisierung, aber innerhalb des „autobiographischen Pakts“ (Philippe Lejeune) mit dem Leser, der Zusicherung: Hier erzähle ich dir mein Leben.
Schreibtherapeutisch sollte gelten: Erlaubt ist, was hilft. Aus Sicht des therapeutisch interessierten Lesers wäre zu ergänzen: Helfen wird nur, was gefällt. Das kann vieles, sehr Unterschiedliches sein. Susanne Konrads Essay ist ein wertvoller Debattenbeitrag und hoffentlich Anstoß auch für sie selbst, weiterzuschreiben.
Susanne Konrad, Die Haut hat kein Gedächtnis. Erzählung mit einem Essay zum autofiktionalen Schreiben, DWG-Verlag, 142 Seiten, 12 Euro
Nichts gebracht
Faust I und II im schauspielfrankfurt
Der Aufführung geht ein Ruf voraus. Wie Theaterdonnerhall. Am Eingang treffe ich eine Freundin, die auf Anraten ihres Ex hier ist, obwohl der Rosenkrieg noch tobt. Der Ex war schon fünf Mal drin. Eine gemeinsame Bekannte von mir, der Frau und ihrem Ex: vierzehn Mal! „Jede Vorstellung, glaube ich, hat sie gesehen bisher“, sagt die Frau. Vierzehn Mal dasselbe! Sogar die Jugend geht hin, in erster Linie freilich wegen des hessischen Curriculums und der berüchtigten Abitur-‚Leseliste‘, auf der das Stück seit Bestehen der Liste steht und stehen wird, solange die Welt und das hessische Schulsystem stehen: Goethes Faust. Hier im schauspielfrankfurt gleich alle beide, Erster / Zweiter Teil. Ich gehe nach Monaten hin, entschlossen mich zu begeistern. Ich begeistere mich, und wie.
Und dann denke ich nach. Was habe ich gesehen? Goethes Stück war es nicht, denn das hat einen Konflikt im Innern des Protagonisten und einen kosmischen Boxring, zwischen dessen verschiedenen Ecken der gleiche Konflikt und noch weitere ausgetragen werden. Diese Konflikte fehlen in der Aufführung. Pingelig betrachtet fehlt auch der Protagonist, da er nur als Puppe von anderen Figuren herumgetragen und phasenweise animiert wird. Hat er deshalb kein Innenleben? Ist nicht das Puppenspiel wie alles andere Spiel an dem Abend so perfekt, dass die Puppe seelenvoller guckt als alle Mitspieler:innen zusammen? Ja, unbedingt und auf beeindruckende Weise. Aber wohin guckt sie mit ihren großen, altersmüden, durch ein hochmütiges Leben verdorbenen Augen? Nicht nach innen, weil sich da nichts abspielt. Sondern auf die rasende Abfolge von Bildern, die der Regisseur und seine Mitarbeiter:innen auf die Bühne beamen. Die Bilder zeigen Faust eine Welt, die er per Unterschrift unter einen Vertrag betreten hat und bei Verlust einer Wette, die er geschlossen hat, in Richtung Hölle verlassen wird. Faust ist ein Zuschauer der Aufführung, so wie ich und alle um mich herum. Er kann von Glück sagen, dass Mephisto ihm am Anfang Leben eingehaucht hat, wodurch er hier mit dabei ist und nicht im Fundus rumliegen und verstauben muss. Für alles, was auf der Bühne – angeblich als sein Leben – passiert, muss er dankbar sein, denn mit ihm selber ist nicht das Geringste los und Freunde, die so die Puppen tanzen lassen für einen wie Mephisto für Faust, sind ein Glück für jede Puppe. Inhaltlich hat das Gezeigte weder mit Faust noch mit irgendjemand anders außer dem Regisseur und seinem Team irgendetwas zu tun.
Auch mit Goethe nicht? Kann man das im Ernst behaupten – bei einer Theaterkunst, die so delikat wie nur möglich die Verse des großen Theater- und Sprachkönners spricht, die daraus ein so oppulentes Spektakel anrichtet wie das schauspielfrankfurt es tut?
Doch, man kann. Denn Goethe war außer ein Könner solcher Dinge auch ein Fühlender, ein Erleben und Verstehen wollender von Dingen, die größer waren und sind als er selbst und wir alle. Und diese Dinge kommen nicht vor. Ich will mich auf wenige Beispiele beschränken. In Frankfurt hat Gretchen, nachdem sie uns mitten in Faust II ihr trauriges Leben noch mal erzählt hat, ihrer Meinung nach keine Wahl, als eine thessalische Hexe zu werden. Sie wird es und fädelt damit wieder ein in der Geistershow, fährt wieder mit in der Geisterbahn, die das zentrale Bühnenbild ist und deren wilde Fahrt für ihr armseliges Unterklassenleben einen Moment lang unterbrochen wurde. Demgegenüber ist sie bei Goethe die zentrale Gegenspielerin Mephistos, der Endgegner Fausts noch über ihren und eventuell sogar seinen Tod hinaus. Beispiel zwei: Faust verliert am Ende die Wette, stirbt und fährt zur Hölle. So weit, so schlicht, so ungoethisch. Das Stück muss in Frankfurt so enden, weil es hier nie etwas gab, das die Faustpuppe dem ihr von Mephisto angebotenen und angepriesenen Momentgenuss entgegengesetzt hätte. Wie auch? Sie hat, wie wir, nur zugeschaut, wie wir das genommen, was geboten wurde. Beispiel drei: Philemon und Baucis. Das im Einklang mit sich und der Natur lebende Paar, das bei Goethe mitsamt seinem Biotop brutal niedergemacht wird vom Großkapitalisten Faust, damit dessen Geoengeneering-Großprojekt die Natur auf endültige Weise verbiegend zerstören kann, hier sind es zwei senile Frankfurter:innen in kariertem Hemd und frisch frisierter Langeweile, die wegmüssen, wenn der Abend in der von ihm gewollten haribo-bunten Erinnerung bleiben soll. Aber mit Verlaub, wird denn die Frankfurter Wohnungsmisere nicht adressiert auf der Bühne? Ja, sie wird, genau wie der Finanzkapitalismus beim Thema Papiergeld oder die Kriegslüsternheit der Herrschenden im Kaiser-Gegenkaiser-Akt. Aber warum und mit welchem Ende geschieht das alles? Mephisto, der ludi magister der Frankfurter Show, lebt nun mal auf der Überholspur und die ist bunt, aufregend, überwältigend, sollen wir finden und finden wir bereitwillig. Beziehungsweise breitgefahren wie Igel, die die Überholspur ahnungslos überqueren wollten. Na gut, dann sagen wir halt ja zum kannibalischen Kapitalismus, zum Krieg und zur planetaren Verwüstung. Denn sonst würde es wieder schwarzweiß, wieder langweilig, wieder so wie außerhalb der vier Theaterhauswände, über die hinauszudenken wir dank Multimedia für viereinhalb Stunden vergessen haben. So wie in dieser mäkeligen Theaterkritik, die denken will, statt zu gucken und sich am Gesehenen zu besaufen. Und weil die genannten Dinge Kapitalismus – Krieg – Klimagau, wie jeder Mensch weiß, schlecht sind, schlecht für uns, schlecht nach jedem denkbaren Kriterium der Bewertung, lassen wir uns von Mephisto zu einer Endlösung bitten, gegen die niemand etwas einwenden kann, weil niemand sie je gesehen hat. Zum Nichts. Das hebt sich Mephisto entsprechend für den späten Abend auf, sein Outing von ganz vom Anfang von Faust I, das nihilistische Glaubensbekenntnis:
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
Da – bei der Zerstörung, beim Infragestellen, bei der Dekonstruktion von allem bislang Hingenommenen – fängt die Goethefigur Mephisto erst an. Da stellt sich die Frage: Welche Erfahrung macht jemand, der sich mit diesem speziellen Bühnenteufel verbündet? Sie führt weiter zu Fragen wie: Was sind die Kräfte der Klassischen Walpurgisnacht? Warum und zu welchem Ende geht alles kaputt, was Faust sich aufbaut, bis zu seiner Schlussvision vom freien Volk auf freiem Grund, die auf einem Missverständnis des eigenen Ablebens beruht?
In Frankfurt ist die Figur Mephisto am Ziel, fertig und auserklärt, sobald sie Faust und seinen Mit-Zuschauenden das Nichts gebracht hat.
Um Missverständnissen vorzubauen: Ich halte den Frankfurter Faust für über die Maßen sehens-, erlebens- und bedenkenswert. Abgesehen von einer Show, deren sämtliche Einzelheiten den Besuch einzeln lohnen, wird hier Theater gespielt auf einem Niveau, das man genauso schwer glauben kann wie viele der Effekte. Wolfram Koch als Mephisto ist unvergesslich; andere bleiben nur ungenannt, weil zu viele genannt werden müssten. Auch Jan-Christoph Gockels Regie befleißigt sich ihrer komprimierenden Deutung meisterhaft gelenkig.
Es ist halt nur nicht das Stück, das Goethe sechzig Jahre lang geschrieben hat. Es sind seine Verse – in einer anderen Geschichte. Es sind seine Bohrungen – in einen anderen Untergrund. Es sind seine Fundstücke – in einem mutlosen und gewissenlosen Ausverkauf.
veröffentlicht auf textor.online
Ein Halt im Stahlgewitter. Und dann?
Franz Werfels 1929 erschienener Roman „Barbara oder die Frömmigkeit“ behandelt die Entwicklung des Offizierssohns und späteren Schiffsarztes Ferdinand von der Kindheit bis zum Zeitpunkt seiner ärztlichen Approbation. In der Erinnerung des Arztes entsteht das Bild einer Epoche, die mit dem Ersten Weltkrieg eine unabgesehene Katastrophe durchläuft und sich in der darauffolgenden Revolution erfolglos zu restaurieren versucht.
Anfangs erzählt der Roman, wie Ferdinand als Kind aus einer unglücklichen, früh scheiternden Ehe nur in der Kinderfrau Barbara Rückhalt findet. Ohne sie wäre er verloren, mit ihr hat er den lebenden Beweis für eine zuverlässige und aufopferungsbereite Liebe. Dieser Gegensatz wird von dem Roman in den Welthintergrund der Handlung projiziert: Die Welt der Eltern ist die Welt der gesellschaftlich bestimmenden Kräfte, sie verdient kein Vertrauen, wirkt sich in allem, was in ihr geschieht, zerstörerisch auf den Einzelnen aus. Die fromme Kinderfrau dagegen repräsentiert das einfache Volk, mehr noch den einzelnen machtlosen Menschen, der mit der richtigen Haltung zum Leben anderen Halt und Schutz bieten und damit Vorbild sein kann.
Am Ende des Romans steht ein letztes Opfer der gealterten Kinderfrau: Sie schenkt Ferdinand einen hohen Geldbetrag in Goldmünzen, den sie ihrem mühseligen Dasein abgetrotzt hat. Die Antwort Ferdinands darauf ist zwei Mal grotesk: Erst kehrt er, nachdem er den Schatz erhalten hat, von einem Spaziergang nicht zurück in das Haus der Geberin, die dort mit einem Mittagessen auf ihn wartet, sondern fährt ohne Abschied nach Wien zurück. Danach – viele Jahre später – wirft er von dem Schiff, auf dem er eine Arztstelle bekleidet, den Schatz ins Meer in der Annahme, Barbara sei gleichzeitig in ihrem fernen Bauerndorf verstorben und das, den Schatz zu versenken, erfülle den tieferen Willen der Geberin, indem das Geld nun keinem profanen, womöglich ungerechten Zweck mehr zufallen kann.
Die Aussage der Groteske mag sein: Ferdinand hat am Ende genügend Charakter entwickelt, um nicht konventionell, sondern selbstbestimmt mit seiner Umgebung zu interagieren. Den Abschied von Barbara brauchen weder sie noch er, da beide einander nicht mehr verlieren können, ja, ohne die Möglichkeit, vom Tod des anderen je zu erfahren, für immer verbunden bleiben. Der Schatz, den Ferdinand nur zu einem geringen Teil (den er sich vorwirft) veräußert hat, steht für heilige Werte, die Barbara verkörpert und an ihr Interims-Mündel weiterreicht. Insofern wirkt das Gold, analog dem Rheingold der Nibelungensage, am Meeresgrund eine Versöhnung mit der Welt und hebt den Fluch auf, zu dem es in Menschenhänden unausweichlich würde. Was allerdings auch bei solcher Lesart befremdet, ist, dass „Frömmigkeit“ – ein Thema, das der Roman sich mit seinem Titel aufgibt – hier nicht Menschen dient oder nützt, nicht die kaputte Welt, von der beinahe der gesamte Roman handelt, zu reparieren versucht. Frömmigkeit ist vielmehr ein Freiraum, den in sich selbst zu entdecken, zu entfalten, zu füllen, wenigen Ausnahmemenschen gelingt, ungefähr entsprechend der Goetheschen Seligpreisung desjenigen, der „sich vor der Welt / ohne Hass verschließt“. Nach den Stürmen des Weltkriegs, nach den nicht weniger seelenbedrohenden Wasserglasturbulenzen der Wiener Revolution – beides zusammen bildet den Romaninhalt – ist das nicht wenig. Vor allem ist es das Eigene, das Ferdinand sich durch alle Stürme hindurch bewahrt und am Ende an Gott adressiert, mit dem die kirchliche Konvention ihn nicht verbinden konnte: „jene jähen, unbegreiflichen Begeisterungen, die ihn zu mancher Zeit auf offener Straße, in seinem Zimmer, in einem Lokal, auf Parkwegen, ja selbst unter Menschen anpackten, seinen Körper schüttelten und herrliche Tränenstürze hervortrieben. Wie weit war er jetzt von diesen geheimnisvollen Begeisterungen entfernt! Und doch wiederholte sein Sinn immerfort: Ich müsste eigentlich beten!“ (610f)
Aus dem Refugium solcher Frömmigkeit, scheint es, kommt die Klarheit, mit der Ferdinand und noch mehr der Erzähler über hunderte Seiten zuerst die österreichisch-deutsche Kriegsmaschine und anschließend die anarchistisch-bolschewistische Revolution in Wien analysiert. „Barabara“ ist ein Schlüsselroman. Über das entsprechende Figurenprogramm und seinen geistesgeschichtlichen Hintergrund, über Otto Gross’ matriarchalischen Urkommunismus, über Egon Erwin Kischs ironisch-pragmatische Operettenrevolte, über Franz Bleis revolutionären Katholizismus und andere im „Säulensaal“ alias Café Central entwickelte Welterlösungskonzepte ist viel geschrieben worden, soll hier im Einzelnen nichts hinzugefügt werden. Durchgängig beeindruckt die Schärfe des Werfelschen Blicks auf Ideen und ihre Vertreter, denen er biographisch näherstand als sein Protagonist und die er zugleich kälter und schonungsloser zergliedert als dieser.
Was noch mehr als das beeindruckt, sind aber die Schilderungen des militaristischen Klimas vor Ausbruch des Weltkriegs und der Kriegsmaschinerie, die anschließend den Krieg entfesselt und führt. Als Sohn eines hohen k.u.k. Offiziers rückt Ferdinand in privilegierter Stellung ein. Was ihn erwartet, was dann vier Jahre lang seine totalitäre Erfahrung ist, hat er jedoch mit allen Teilnehmern gemeinsam: ein sinnloses Massensterben, das die Kämpfenden in einen Zustand vollkommener Ohnmacht versetzt, sie der Willkür der Befehlshaber und der umständehalber blühenden Niedertracht der Kameraden aussetzt. Aus heutigem Abstand denkt man an Literatur, die Ähnliches bietet, an Remarques „Im Westen nichts Neues“ oder Tollers „Die Wandlung“. Das relativiert die Beschreibungen aber nicht, im Gegenteil. Mein Eindruck ist, dass wir aus dem Abstand eines Jahrhunderts, einer für die meisten ununterbrochenen Abwesenheit von Kriegserfahrungen, noch viel mehr solche Literatur bräuchten. Kaum hatte die millionenfache Mordserie damals begonnen, war für die Teilnehmer nichts mehr so, wie es noch kurz vorher gewesen war oder geschienen hatte. Alle Erwartungen an das Leben und die Mitmenschen, inklusive die Kultur als Grundlage, auf der Erwartungen gehegt werden, lösten sich auf und ließen nichts übrig, woran der Einzelne festhalten konnte. Zuallererst aufgelöst in die giftgashaltige Luft über den Schützengräben hatten sich die Parolen, mit denen man in den Krieg geschickt worden war, von Vaterland, Kaisertum, Tradition, Soldatenehre und dem sonstigen Idelogieplunder der Belle Époque. Übrig blieb das Grauen. Was sollte ein Mensch noch von sich halten, woran noch glauben, der es erlebte? Ferdinands katholischer, bis zum späteren Wahnsinn kluger Freund Alfred drückt es so aus: „Wenn in einem Menschen der Mensch zertreten wird, so wird auch Gott in ihm zertreten. Gott stirbt. Es ist nicht wahr, daß Leiden und Prüfung den Glauben stärken. Im Gegenteil! In mir wenigstens ist schon seit neun Monaten Gott verschmachtet. Erst jetzt wieder beginne ich ihn leise zu spüren. Wie kann denn eine Menschheit, in der man die Menschheit und somit die Gottheit zertritt, an Gott glauben? Sie ist sein Massengrab!“ (238f).
Und die Zeiten sind wieder da, frisch „gewendet“ und ‚freiheitlich‘ umdekoriert. Man ruft wieder zum Krieg und bemüht dafür ‚Werte‘, deren gleichzeitiges Dahinsiechen mit propagandistischer Lautstärke überdeckt wird. „Demokratie“, „Freiheit“, „Menschenrechte“ sollen verteidigt werden gegen einen östlichen ‚Feind’, der so einsam über seinen Untertanen thront wie die Führungskräfte des Westens über ihren und mit ähnlich hohlen Phrasen militärischen Gehorsam einfordert: „Vaterland“, „Neues Reich“, „starker Führer“. Einen Vergleich zwischen den jeweils propagierten Werten will ich nicht ziehen. Die theoretische Überlegenheit der westlichen birgt die Zusatzgefahr, der entsprechenden Kriegstrommel bereitwilliger zu lauschen als der von gegenüber. Beide trommeln in den Untergang. Schon die Vorbereitung auf den Krieg, eine noch nie dagewesene Aufrüstung – in Zeiten globaler Krisen und des drohenden Klimakollapses – besiegelt den Hungertod und die Vertreibung von Hunderten Millionen Menschen weltweit. Papst Franziskus nannte Regierungen „wahnsinnig“, die zwei Prozent des BIP für das Militär ausgeben. Sein Nachfolger Leo IV. hält Kurs: „Angesichts des aktuellen dramatischen Szenarios eines stückweisen Dritten Weltkriegs, wie es Papst Franziskus wiederholt festgestellt hat, wende ich mich an die Großen dieser Welt und wiederhole diesen weiterhin aktuellen Appell: Nie wieder Krieg!“
Als teilnehmender Beobachter der Revolution in Wien, als Vertrauter ihrer wichtigsten Anführer wird Werfels Protagonist irre an den Ideen, mit denen da eine neue Welt auf die Trümmer der alten gebaut werden soll. Was er nicht tut, ist zu den alten Werten, zu den alten Mächten zurückkehren. Am Ende heißt es: „Der Sohn des Obersten hatte den Herrscher und seinen Staat niemals geliebt, denn der Staat war ihm ein harter, liebloser Vorgesetzter gewesen: Militärschule, Major Krispin, der Klassenfeldwebel, das Alumnat, schlechte Ernährung, ärarische Kleider, Gefängnisleben, neuerdings Kaserne, Krieg, Unterstände, Todesurteile, […] Spitalsgestank – das alles war der Staat. Er verdiente kein liebendes Angedenken.“ (627) Anders als Joseph Roth, der in den Revolutionsjahren seine Artikel mit „der rote Joseph“ unterschrieb, 1929 aber bereits mit einem k.u.k. monarchistischen Standpunkt experimentierte, blieb Werfel den Mächten der Vergangenheit abhold. Hinter der Großmacht Österreich wollte er später eine Idee gelten lassen, die „Reichsidee“ einer Welt für alle, für jegliches Herkommen oder Hinwollen. Anders als Thomas Mann, der im „Zauberberg“ das Spiel der Ideologien so unterhaltsam wie tiefgründig aufgeführt hatte, um es dann mit Hans Castorp in den Schlamm des aufziehenden Weltkriegs zu werfen, sah und hörte der Autor von „Barbara“ auch nach dem Krieg noch hin, welche Ideen vorgebracht, welche Wege gewiesen wurden, um das Trauma der westlichen Zivilisation zu überwinden. Am Ende bezog er den Standpunkt einer radikalen Skepsis. Vor allem die menschlichen Defizite der handelnden Personen brachten ihn von einer weiteren Teilnahme an der Revolution, vom weiteren Glauben an sie ab. Biographisch eine Rolle in dieser Entwicklung spielte Alma Gropius, verwitwete Mahler, seine Geliebte, die er zwei Jahre nach Veröffentlichung von „Barabara“ heiratete, die schon während ihres Honeymoons mit Werfel, eben 1918/19 in Wien, ihre „konterrevolutionäre Überzeugung“ druckvoll gegenüber dem Geliebten vertrat. (Norbert Christian Wolf, Revolution in Wien. Die literarische Intelligenz im politischen Umbruch 1918/19, Wien u.a. 2018, S. 71)
So bleibt es in „Barbara“ bei dem einzigen Halt, den der Protagonist in seinem Leben findet – und das schon als Kind. Den er über die Kriegsjahre und die Revolutionswirren hinweg im Hinterkopf behält, ohne dass er oder die Handlung diesen Haltepunkt jemals ansteuern würde, zu dem es ihn abschließend zieht, mit dem oben vermeldeten Ergebnis. Dieser Punkt, dieser Halt ist eine selbstlos liebende, arbeitsame und unaufwändig fromme Frau vom Lande – Barbara. Zur negativen Bilanz, die der Roman aus dem Pomp der aufparadierten Parolen und Ideologien zieht, gehört an seinem Ende Ferdinands Unfähigkeit, die von Barabara empfangene Gabe in adäquater Form weiterzugeben. Er versenkt das Gold im Meer – statt anderen Bedürftigen damit zu helfen so, wie ihm damit geholfen wurde. Seinen Arztberuf übt er auf einem Luxusliner aus, dessen Passagiere im schlimmsten Fall gleichzeitig seekrank und erkältet sind – eine Tätigkeit, die er im Selbstgespräch als sinnlos erkennt. „Barabara oder die Frömmigkeit“ zu lesen lohnt sich umso mehr, als die darin aufgeworfene Frage nach der Frömmigkeit, nach einem Gott und den Menschen gefälligen Leben (oder nach einem ‚erstrangigen‘, einem sich selbst und anderen ‚förderlichen‘ – wenn man die Etymologie von „fromm“ vor Luthers Sakralisierung des Worts enden lässt und ihre vom griechischen „promos“ und lateinischen „primus“ ins Deutsche führende Kontinuität übrig behält) am Ende unbeantwortet an die Leserin und an den Leser weitergereicht wird.
Franz Werfel, Barbara oder die Frömmigkeit. Roman, https://www.projekt-gutenberg.org/werfel/barbara/ – Epub generiert mit https://epub2go.eu/, Mai 2025
gedruckt in der Zeitschrift Ossietzky 13/2025
Goldener Humor im Käfig
Zu loben ist gleich mal, dass diesem Buch keine Triggerwarnung vorangestellt ist. Könnte sie nämlich sein und dann vielleicht so lauten: Dieses Buch handelt von einer Person, die Selbstmordabsichten hegt und diese bis kurz vor Schluss ausführlich reflektiert. Aber Triggerwarnungen sind ein Unsinn, Lesen ist nie eine harmlose Angelegenheit gewesen und Bücher, deren Lektüre harmlos ist, lohnen dieselbe nicht. Leicht werden es manche Lesenden trotzdem nicht haben mit der Geschichte von Marlene, die nach Jahrzehnten Ehe als Witwe zurückbleibt, weil ihr krebskranker Mann sich das Leben genommen hat. Schonung gehört nicht zum Angebot, das Susann Pásztor macht. Die Erzählperspektive legt einen beim Lesen durchgängig auf den Blick von Marlene fest, und der ist düster. Nach einem Vorleben als Grundschullehrerin, von dem man so gut wie nichts erfährt, ist die Pensionärin in einer Existenz angekommen, die erschreckend leer wirkt. Aber so was gibt es, Lebensverläufe, die Menschen mit einer einzigen Person, ihrem Partner, zurücklassen in einem Umfeld, dessen Vertrautheit die Luft zum Atmen ausschließt. Davor keine Scheu zu zeigen, sich darauf zweihundertfünfzig Seiten lang einzulassen, ist eine Stärke des Buchs.
Die Vergangenheit der Protagonistin ist ebenfalls ein verschlossener Raum. Wer ihr Mann war, wie das Leben mit ihm sich angefühlt haben könnte, erfährt man nicht und zwar aus dem einfachen Grund, dass es Marlene nicht interessiert. Was sie beschäftigt, immer wieder überfällt, sie und die Buchseiten ausfüllt, ist ihre Wut auf Rolf, einen Landarzt, ihren Mann, und zwar deshalb, weil Rolfs Suizid, von dem Ehepaar als Doppelselbstmord geplant, vom anästhetisch versierten Rolf heimlich als Solotrip organisiert und durchgezogen wurde. Malene ist auf dem gemeinsamen Sterbebett nach Stunden wieder aufgewacht und fühlt sich vom toten Rolf neben sich verraten. Der übrige Inhalt des Romans bricht aus einer, kurz gesagt, Märchenwelt in Marlenes Leben ein, in Gestalt des Klempners Jack, der nach Ausführung einer Reparatur im Badezimmer erst bei ihr duschen will und dann bei ihr einzieht. Ein Märchenprinz ist Jack insofern, als er außer einer anrührenden, auch leicht penetranten Hilfs- und Dienstbereitschaft Marlene gegenüber praktisch keine Eigenschaften besitzt. Etwas detailreicher ausgeführt ist die Figur Ida, Marlenes Ärztin, die auch mal unbequem sein kann und sich Max, das überraschende Accessoir von Marlenes neuem Leben, als Lovetoy für eine zarte Liebe angelt. Der Titel des Romans bezieht sich erkennbar auf Mariana Lekys Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“, damit lesen sich Märchenelemente, Wunder und Erscheinungen als kohärente Bestandteile auch dieser Romanhandlung. Das Leben ist mehr als die berechenbare Abfolge von Routinen, erfahren wir und glauben es bereitwillig. Überraschungen passieren, die ihre Erklärung nicht mitliefern und sowas wie blinden Glauben von uns verlangen. Marlene jedenfalls fährt am Ende gut damit, sich auf Jack, Ida und einiges Verrückte mehr eingelassen zu haben. Wie der unfreiwillige Eiswürfel Marlene am Ende auftaut, soll nicht gespoilert werden, auch nicht, welche Erklärung für ihr Wuträtsel es am Ende doch geben wird. Nur so viel: Eine tiefere Weisheit wird darin liegen. Und Rolf wird sich, zumindest meiner Meinung nach, endgültig als das Monster erweisen, das Marlene für die gesamte Ehezeit in seinen Fängen gehalten und ihr das Leben, falls ursprünglich vorhanden, ausgesaugt hat.
Was mir beim Lesen mit Abstand am besten gefallen hat, ist ein goldener Humor. Den beweist die Autorin in allen ihren Büchern und hier ist er besonders kostbar. Denn er entfaltet sich in dem goldenen Käfig eines schon erschütternd tristen Frauenlebens, dazu einer extrem durchkonstruierten Handlung. Man weiß bei solchen Büchern nie, ob die Autorin oder der Lektor oder aber der innere Lektor im Kopf der Publikumsverlags-Autorin den Käfig in die endgültige Form gebogen hat. Jedenfalls kann Susann Pásztor auch anders, ihr voriger Roman ist unbändig, geradezu lebensprall und zugleich formal aufregend. Er sei hier dringend empfohlen: „Die Geschichte von Kat und Easy“ (272 Seiten, ebenfalls Kiepenheuer & Witsch).
Susann Pásztor, Von hier aus weiter. Roman, 250 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 24 Euro
Wissende Wälder
Landschaft ist in diesem Buch etwas anderes als in jedem anderen Buch. Sie dient als Assoziationsbrücke zu dem, was erzählt werden soll, das ebenfalls aus Landschaften besteht. Am Anfang von jedem der zehn Kapitel steht oder geht der Autor in einer Landschaft vor den Toren von Paris, das bekanntlich mehr Tore hat als jede andere Stadt, sieht sich um in dieser Landschaft, registriert die Reste menschlicher Besiedlung da, wo sie den unernsthaften Versuch unternimmt aufzuhören, und erinnert sich an Landschaften ähnlicher oder andersartiger Beschaffenheit, durch die sein Lebensweg führte. In erster Linie sind das Gegenden in Schleswig-Holstein, wo seine Wurzeln liegen, und im alpinen Frankreich, wo er unter schwierigsten Bedingungen als Heranwachsender die Nazizeit überlebte. Eingearbeitet ist den Erinnerungen das Gedenken an einen jüdischen Hausierer, der vor Jahrhunderten in einem norddeutschen Waldstück ermordet wurde und da, wo es geschah, irgendwann einen Gedenkstein bekam – die Geste so kalt wie ein Stein gegen das Gedenken im Herzen, in der Vorstellungskraft des Erzählers, der von sich durchgängig in der dritten Person schreibt: „Immer wieder sah er den Hausierer über das Laub kriechen, mitsamt seinem Gewand, seiner Gestalt, seinem Gesicht, so als sei seine Angst im Moment des Todes derart stark gewesen, dass sie sich, Jahrhunderte später, eingrub in den Kopf des anderen.“ Die Angst bildet eine Kette, die zwei Opfer des Judenhasses über die Jahrhunderte hinweg verbindet. Denn auch der Erzähler dieses autofiktionalen Buchs ist Jude, wird als jüdisches Kind von seinen Eltern nach Frankreich gebracht, wo er in einem Kinderheim und später bei Bauernfamilien die deutsche Okkupation überlebt. Angst ist allerdings etwas, von dem Georges Arthur Goldschmidt wenig erzählt, nichts wissen will, sich im Laufe der grausamen Erfahrungen, durch die er geht, geheilt zu haben behauptet. Den Leser lässt er freilich die Angst spüren, die normal gewesen wäre angesichts des Erlebten. Für das Kind, den Heranwachsenden wäre sie eine Bürde, ein Zusatzgepäck auf der Flucht, zu der die Umstände ihn immer wieder neu zwingen. Denn im Schutz der Gnade, die das Kinderheim, die der eine oder andere Bauer dem Todgeweihten schenken, vergehen sie sich an ihm, beuten ihn aus, versuchen ihn zu einem guten Katholiken zu erziehen und missbrauchen ihn – dieser Part kommt den gleichaltrigen Kindern und mit ihm Heranwachsenden zu – sowohl sexuell als auch menschlich, versklaven ihn zum Gewinn von Lust und Machtlust. Wiederkehrende Normalität werden im Kinderheim die rituellen Züchtigungen, mit denen man auf sein Anderssein, sein vermutlich allzu normales Jungsein reagiert. Womit das Buch am meisten verstört, ist die Umdeutung, die das wehrlose Kind an seinen Erlebnissen vornimmt. Die Erwachsenen, die einheimischen Kinder verlieren durch das grausame Handeln ihre Persönlichkeit, ihr Geheimnis, sodass der Gequälte ihnen überlegen gegenübersteht, weil er sie berechnen kann. Zugleich sind die Torturen ein berechenbares Gerüst seiner neuen Existenz, insofern entlastend, als sie diffuse Ängste, unklare Leidenschaften, unbeantwortbare Fragen des Jugendlichen unterdrücken. Gedanken unter der Folter: „In zwei Stunden, vielleicht nicht einmal, wäre es schon danach. Die Mordlust war verschwunden aus ihm. Die Züchtigung setzte ihm sonderbar zu, umriß den Körper, rechtfertigte seine Existenz.“ Unangenehm nah gehen diese Schilderungen, zumal in der Sprache des genialen Übersetzers Peter Handke, dem man einzelne Idiosynkrasien verzeiht (braucht ein Telefonhörer außer einer Gabel noch einen „Schaft“, auf den er sinken kann?), weil man den Text und das Erlebte beständig in guten Händen weiß. Immer wieder ist von dem gelynchten Hausierer die Rede, seine Gestalt wird zum Mahnmal eines Andersseins, das der Erzähler sich mit seinem Buch zu erklären versucht, weil es eine Todesdrohung beinhaltet: „Der jüdische Hausierer kam ihm in den Sinn, wie er dahinkroch über die abgefallenen Blätter, wo sein Körper eine feuchte, dunkelbraune Spur, das umgedrehte Laub, hinterließ. Seine Verfolger hatten ihn entdeckt an dem durchdringenden Keuchen der Erschöpfung und der Angst, und an der Furche, die er hinter sich herzog. Dieses Bild fiel ihm ein (sic) jedesmal ein, wenn er lächerlich war oder schuldig, als handle es von ihm.“ Die letzten Sätze der Erzählung betreffen die Gegenstände, mit denen der Hausierer gehandelt hat und die, wie der Autor vermutet, heute in großer Zahl deutsche Haushalte zieren und vervollständigen. Die Häuser und die Landschaften haben nach dem, was geschehen ist, jede Unschuld verloren und werden noch in Jahrhunderten von den Untaten ihrer Bewohner sprechen. Dazu verurteilt sie der Autor kraft seiner unbestochenen Erinnerung, seiner wachen Menschlichkeit und vor allem seines Vermögens, unverwechselbare und unvergessliche Formulierungen für das Erlebte zu finden.
Georges Arthur Goldschmidt, Der unterbrochene Wald. Erzählung, aus dem Französischen übersetzt von Peter Handke, 133 Seiten, Wallstein Verlag, 20 Euro
Eine Kraft hinter vielen Wörtern
Das Buch hat mir ein Freund empfohlen. Ein Maler und Grafiker, der etwas älter und deutlich weiser ist als ich. Ihn fasziniert an dem Buch, dass da ein Theologe vermag, den christlichen Glauben auf ganz wenige Inhalte zurückzuführen. Der wichtigste sei, dass Jesus die Menschen zu einem Fest eingeladen habe, ohne Voraussetzungen, ohne Ideologie, ohne versteckte Absichten.
In der Tat ist der Grundgedanke von „Die Urkraft des Heiligen“, Jörg Zinks Schwanengesang als Theologe, dass wir von Jesus zu einem Festmahl eingeladen sind. Entsprechende Gleichnisse ziehen sich durch die Evangelien, immer geht es um die Frage, was Gott von uns will, wie die Welt aussieht, die er sich vorstellt. Angesichts einer Kirchengeschichte, die wechselnde To-do-Listen als Christentümer aneinander reihte, ist das so befreiend wie einleuchtend: Beschenkt sollen wir werden, Freude soll das Leben machen. Stimmt es, dass wir mit einem liebenden Gott für immer zusammenleben können, klingt das nur logisch. Nicht zuletzt das Handeln Jesu beglaubigt die Message: Er tat den Menschen wohl, tat Gutes, nicht weil es nach irgendeinem religiösen Katalog das entsprechende Gütesiegel trug, sondern weil die Menschen etwas davon hatten.
Zwei kleinere Einwände zu Zinks Gastmahl-Erzählung. Sie taucht immer wieder auf in dem Buch, geht durchweg davon aus, dass Jesus die Menschen ‚in seine Hütte‘ eingeladen habe. Das erscheint mir zu (klein-)bürgerlich gedacht. Jesus hatte keine Hütte. Er hatte auch kein Geld, um Bankette zu geben. Oft wird erzählt, wie er selbst bei den unterschiedlichsten Leuten eingeladen ist – nie, dass er zu sich einlädt. Die Botschaft bleibt dieselbe, sie wird nur einesteils schwieriger, anderenteils klarer: Ich habe das beste Leben für dich, das es gibt. Auch wenn ich es dir nicht aus der Position des reichen Gastgebers zeigen kann, zeige ich es dir praktisch und anfassbar in dem, was ich für dich tue. Nebenbei kommst du so nicht auf die Idee, mein Geschenk mit äußerlichen Annehmlichkeiten zu verwechseln. – Der zweite Einwand betrifft eine Stelle, an der Zink sich die Reaktionen jüdischer Zuhörer von Jesu Gleichnis vorstellt. Die Vorstellungen sind für mich typisch ‚heidnisch‘ insofern, als sie keine religiöse Vorbereitung, keinen Glaubenskonflikt beinhalten, wie jüdische Menschen der Zeit sie notwendig haben mussten. Also wieder eher aus dem Lehnsessel des bestallten Professors einer freischwebend konstruierten Theologie heraus gedacht als aus der religiös und politisch vorgeprägten Lebenswirklichkeit im antiken Judäa und Samaria.
Ausgehend von dem besagten Festmahlmotiv entwickelt Zink durch das gesamte Buch eine faszinierende Interpretation des Christentums, die nicht auf Worte, sondern auf die Kraft des Glaubens zielt. Kritisiert werden sowohl der Dogmatismus des Mittelalters als auch eine intellektualistische Leere im Mainstream-Protestantismus. Ihnen stellt Zink erfahrungsbasierte, gefühlsintensive Formen der Frömmigkeit gegenüber, die in der postmodernen Welt ins Kraut schießen, von der Offizialkirche beargwöhnt oder bekämpft werden, oft aber mehr vom ursprünglichen Impuls des Jesusglaubens transportieren als die Rechthaberei ihrer Kritiker. Die Grenzen der Christenheit sind dabei nicht identisch mit der Weltkontur, innerhalb derer Zink die neue Religiosität beobachtet. Auch Nahtod- und Wundererfahrungen lässt er als ihre Indizien gelten. Beglaubigt wird die weitherzige Betrachtungsweise durch Einblicke, die der Autor in das eigene Leben gewährt, besonders in seine noch von keinem Christentum beeinflusste Kindheit und Jugend.
Auf die Situation des 21. Jahrhunderts nimmt Zink auch als Wissenschaftler Bezug. Zeitlebens hat er sich für verschiedene Naturwissenschaften interessiert. Nicht mit dem Anspruch des Fachmanns, wohl aber unter Bezug auf Begegnungen mit führenden Naturwissenschaftlern resümiert er deren Erkenntnisstand in ebenso ernüchternder wie offen beeindruckter Weise: Gewissheiten des 19. Jahrhunderts lösen sich auf, Begriffe wie Wahrheit, Objekt oder auch nur Wirklichkeit erfahren immer neue Einschränkungen ihrer Verbindlichkeit. Das eröffne Räume für ein Gespräch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, neue Diskurse, an denen auch religiöse Argumente beteiligt sind. Sagen, wie es sein könnte, sei heute sinnvoller als neue Behauptungen darüber, wie es sei. Amüsant und auch unlogisch finde ich, dass Zink diese wissenschaftliche Bescheidenheit in keiner Weise auf seinem Fachgebiet praktiziert. Theologisch beruhen seine Erzählungen von der Entstehung biblischer Texte auf gängigen Theorien der letzten hundert Jahre, die nirgends eingeschränkt oder auch nur in ihrer Entstehung transparent gemacht werden. Ihnen zufolge wurden etwa die Schöpfungsberichte der Thora im babylonischen Exil ersonnen, um dem dortigen Kultus etwas eigenes entgegenzusetzen, womit verglichen Psalmen die ursprünglicheren Glaubensäußerungen enthalten. Ist das plausibel? Besaßen die Exilierten aus Juda keine Überlieferung von der Entstehung der Welt, wohl aber religiöse Dichtung wie die Psalmen? Die Methode zieht sich durch: (eigene) Forschungsergebnisse grundsätzlich für plausibler zu halten als die Selbstauskunft sowie die kulturelle Begleitüberlieferung heiliger Texte. Genauso werden aufgeklärte Gewissheiten über die Postulate von Wundern gestellt, obwohl der Autor überall außerhalb der eigenen Wissenschaft findet, der Rationalismus des achtzehnten Jahrhunderts habe sein Deutungsmonopol verloren, nicht anders als der Positivismus des neunzehnten. Die Jungfrauengeburt Jesu sei eine nachgetragene Logelei derer, die die Göttlichkeit Jesu behaupteten, meint Zink und steht damit außerhalb auch des islamischen Zeugnisses, das an der Stelle mit dem Christentum übereinstimmt. Bis zum Ende des Buchs verflüchtigt sich eine Klarheit, die über weite Strecken zu bestehen scheint: wie Zink die Auferstehung Jesu versteht. Körperlich muss sie sich nicht ereignet haben, führt er aus – damit in eine gnostische Betrachtungsweise verfallend, kurz nachdem er diese aufwändig aus der christlichen ausgegrenzt hat.
Das sind die Einschränkungen, mit denen das Buch mich überzeugt hat. Seine Kraft, seine Schönheit und auch lebensvolle Weisheit empfehlen es ansonsten einer Lektüre, die nur wenige gleichgültig lassen dürfte. Mir gefällt, dass Frömmigkeit hier kein Leistungssport ist, jeder und jede auch versagen darf, ohne vom großen Fest ausgeschlossen zu werden.
Mein Lieblingszitat haben die Kleinen Schwestern Jesu getextet:
„Selig sind, die über sich selbst lachen können;
sie werden immer genug Unterhaltung finden.“
Jörg Zink, Die Urkraft des Heiligen. Christlicher Glaube im 21. Jahrhundert, Verlagsgemeinschaft topos plus, Kevelaer 2017, 400 Seiten
Eine Wohnung – drei Welten
Axel Dielmann brilliert und berührt mit einer weiteren Kunsterzählung
Autismus als Thema hat Konjunktur. Nachdem die Betroffenen lange als bedauernswerte Kranke betrachtet wurden, haben Fachleute wie Oliver Sacks oder Brit Wilczek und noch mehr Betroffene wie Temple Grandin oder Peter Schmidt ein breites Interesse geweckt daran, wie Autisten die Welt sehen. Klar wurde: Ihr Blick ist nicht defizitär oder falsch, sondern anders. Die Literatur weiß das schon länger, spätestens seit Herman Melvilles „Bartleby der Schreiber“, den man heute als Geschichte eines Autisten liest. Geschrieben aus der Perspektive eines ‚normalen‘, eines neurotypischen Ich-Erzählers führt Melvilles Story eindrucksvoll vor, wie beziehungsorientiert Autisten sind oder sein können. Allerdings hinterlässt die beschriebene Beziehung kaum Spuren in der Art des Erzählers, zu denken und zu erzählen.
Das Gegenteil gilt für Axel Dielmanns Kunsterzählung „Triz. Baumchronist“, in deren Mittelpunkt ein siebenjähriger autistischer Junge und sein Vater stehen. Ihre Beziehung ist von einer Intensität, die in realen Familien selten sein dürfte, erst recht zwischen einem Autisten und seinem neurotypischen Vater. Dieser erzählt vom Alltag in der Familie ebenso wie von gemeinsamen Schlüsselerlebnissen in Verbindung mit Kunst auf eine Weise, die dem Erleben des Kindes keine Norm, keinen analytischen Erwachsenenverstand gegenüberstellt. Antrieb des Erzählens wie des erzählten Erlebens ist ein vorbehaltloses Interesse daran, was in dem Jungen vorgeht. Dies und die verschiedenen Wege, auf denen der Junge sein Innenleben mit dem Vater teilt, haben faszinierende Auswirkungen auf dessen Erzählweise und damit auf die Machart des Buchs.
Triz, oder Patrizio, fällt es schwer, sich die Wohnung vorzustellen, in der er lebt. Woran liegt das? will Tom, sein Vater, wissen und fragt immer wieder, was genau Triz von der Wohnung mitkriegt, wo genau am Ende das Problem entsteht. Gemeinsam finden sie heraus, dass Triz einzelne Zimmer wahrnimmt, dazu einzelne Tätigkeiten, die die Eltern in den verschiedenen Zimmern ausführen. Der Zusammenhang, nach dem er sucht, ergibt sich für Triz nur auf dem Treppenabsatz, einer Art Kreuzungspunkt der Wohnung und der darin sich vollziehenden Handlungen. „Das Abstrakte und Kategorielle“ schreibt der Neurologe Oliver Sacks, „ist für Autisten nicht von Interesse – ihr Augenmerk gilt ausschließlich dem Konkreten, dem Besonderen, dem Einzigarten.“ Bei Triz ist es komplizierter. Einen Zusammenhang herzustellen zwischen Einzelbeobachtungen, Grundfigur des kategoriellen Denkens, ist das, was er versucht, allerdings auf seine Art. Die zu verstehen versucht wiederum der Vater. „Daß er mit seiner Art von Sicht aufs Ganze, denke ich, etwas wie Überblick lieber überspringt, Grundriß oder Schema nicht nötig, ach nein, eher hinderlich ist im Fluß seines Sehens.“
Die Versuche des Vaters, sich mit der Welt des Kindes zu verbinden sind einfallsreich, praktisch und von Respekt geprägt. Trotz seiner Bedenken animiert er Triz dazu, einen Grundriss der Wohnung zu zeichnen, akzeptiert aber augenblicklich, dass der Sohn etwas Anderes aufs Papier bannt. Was könnte das sein? Triz drückt das Blatt an sein Fenster und bemalt es mit Formen, die an Bäume erinnern – die Baumreihe vor dem Fenster. Später wird er das Blatt umdrehen. Sein Bild den Bäumen zeigen, mutmaßt der Vater. Im Verlauf der Erzählung stellt sich heraus, dass Triz auf einem Spaziergang entlang der Bäume ergriffen war davon, wie diese sich im Wind bewegten, ergriffen bleibt seitdem vom geheimen Leben dieser Bäume, ihrem Hinübergehen vom hellen Tag ins Nachtdunkel etwa. Wer könnte behaupten, der Junge würde nicht in Zusammenhängen leben und denken? Temple Grandin fällt einem ein, mit deren Schriften sich Axel Dielmann beschäftigt hat, die aus fotografisch genauen Bildern technischer Apparate mittels Neukomposition eine Entladerampe für Viehtransporter entwickelte – alles im Kopf. Nein, im Herzen. Der entscheidende Faktor bei der Entwicklung war Grandins profunde Kenntnis der Tiere, um die es ging, ihrer Bedürfnisse und Verhaltensweisen. Ein lebendiger Zusammenhang!
Grundproblem der Vater-Sohn-Beziehung und damit Voraussetzung des Textes ist das Fehlen eines vorgegeben Kommunikationskanals. Triz und Tom suchen, jeder auf seine Weise, nach Gelegenheiten für den anderen, sich mitzuteilen. Nie ist vorher klar, wie die Mitteilung aussehen wird. Ein Diskurs kommt als Möglichkeit zum Austausch nicht in Frage, wie auch jede direkte Aufforderung zur Mitteilung ins Leere geht. Überraschend initiiert Kunst eine Verständigung, als Vater und Sohn in Zwickau vor einem Foto stehen, das Max Pechstein dabei zeigt, wie er seinen Sohn Mäki malt. Der Verlag hat dankenswerter Weise das Foto sowohl auf dem Umschlag als auch im Text abgedruckt. Der Leser betrachtet es – und erlebt die seitenlange Szene im Museum, als würden ihm die Augen geöffnet für das Bild, das er erst am Ende scharf sieht. Wieder ist es die wagemutige, radikal eigensinnige Schreibweise des Autors, durch die Einblicke in die Welt eines autistischen Menschen und zugleich neuartige Leseerlebnisse möglich werden. Eine Kostprobe:
„Ziemlich dämlich mein Versuch, dezidiert nach dem Blick von Pechstein zu fragen: ‚Gefällt es dir, wie der Pechstein Mäki anschaut?‘ Es schien keine Kategorie zu sein für Triz. ‚Was meinst du: Er konzentriert sich sehr auf Mäki. Oder?‘
‚Nicht sehr.‘
Hör dir das an, jetzt war ich raus aus meinem Dreieck. Nicht sehr. ‚Nein?‘
Es kam jedoch kein Nicken von Triz, mit dem die Sache erledigt gewesen wäre. (…)
Wir hatten das Foto von Max und Max weiter angeschaut. Vater und Sohn, die Indianerverkleidung, keine Regung von Triz dazu, kitschig, klischeehaft im Gegensatz zu den Sammlungsobjekten von ‚Naturvölkern‘ und afrikanischer Kunst und Volkskunst, auch das haben wir gelesen, habe es vorgelesen, daß die Pechsteins eine reichhaltige Sammlung von ethnographischen Objekten zusammengetragen hatten, oder auch erst nachher im Katalog gefunden, Kultgegenstände, Masken, Federschmuck, wie der da, siehst du? (…) Der aber wie die Faschingskostüme meiner eigenen Kindheit aussah, die ich Triz nicht werde vermitteln können, wie es aussieht, nachgemacht, zurechtgeschneidert. Die haben dem Jungen doch wohl kein echtes indianisches Ornat zum Spielen gegeben, oder etwa doch? Ich überlegte, Triz nach dem Federschmuck von Mäki zu fragen, schaute ihn aber, mach‘ das nicht, lass‘ das, nur kurz an.“ Vom Vater gefordert sind tastendes Ausprobieren, beharrliche Skepsis sich selbst gegenüber und ein noch beharrlicheres Rechnen mit dem ephemeren Gelingen von Verständigung.
Für das Setting unverzichtbar ist die dritte Figur, Calla, Triz’ Mutter und Toms Frau oder Geliebte. Die Konversation zwischen ihr und Tom scheint ‚geölt‘ von Zuneigung und der gemeinsamen Verantwortung für ein Kind. Dabei brauchen die beiden, nicht weniger als Tom und Triz, zu ihren Interaktionen Glück und Hellwachheit. Das holprige Deutsch der Südamerikanerin Calla und Toms sprunghafte Sprech- und Handlungsweise tollen bisweilen umeinander wie junge Hunde, was heißt: Da ist Leben, da ist Beziehung. Unterschiedlichkeit trennt die Liebesleute so wenig, wie sie zwischen Autisten und Neurotypischen ein Problem darstellt. Jeder, nicht nur der Autist, kommt aus seiner eigenen Welt, wenn er in meiner Welt auftaucht, lerne ich. In die Welt eines Autisten führt wie in die jedes beliebigen Menschen nur eine furchtlose, empathische und erwartungsvolle Expedition. Dielmanns Literatur macht es vor mit den Mitteln raffinierten und hoch vergnüglichen Erzählens. Die bildende Kunst, Thema des Autors seit Jahr und Tag, ist in unvergesslichen Szenen das Medium von Begegnungen, die der kunstlosen ‚Direktheit‘ versagt bleiben. Wie nötig kann ein Buch sein! Wer „Triz. Baumchronist“ nicht kennt, weiß womöglich nicht einmal, was ihm abgeht. Es ist zu haben – in einem avancierten Stück Literatur.
Axel Dielmann, Triz. Baumchronist – eine Kunsterzählung, 90 Seiten, Hardcover, PalmArtPress 2023, ISBN: 978-3-96258-156-5, 20 Euro
veröffentlicht auf textor.online
Der Alte kannte sich aus
Kohei Saito liest den späten Marx und kommt zu einem Ergebnis: Systemsturz
Braucht es ein Buch, das der Menschheit einen alternativlosen Vorschlag unterbreitet, wie sie sich vor dem Untergang retten soll? Nächste Frage: Darf dieses Buch sich in der Hauptsache auf die Ideen eines einzelnen Menschen stützen? Aller guten Fragen sind drei: Sollte dieser Mensch ausgerechnet Karl Marx sein, der erstens einhundertfünfzig Jahre tot ist und zweitens der Lieblingsautor unter anderem mehrerer massenmörderischer Diktatoren? Die Antwort auf die drei Fragen lautet: Ja, das Buch „Systemsturz“ von Kohei Saito brauchen wir dringend. Der Autor, ein junger japanischer Philosoph, ist Marxforscher, Mitherausgeber der MEGA und hat in Spätschriften des sozialistischen Klassikers nicht weniger entdeckt als ein zweites Gesellschaftsmodell, mit dem Marx „Das Kapital“ und seine früheren Schriften zurückgenommen hätte, wäre er dafür nicht zu alt gewesen – und zu gut bewacht von Engels und den Marxisten.
„Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ heißt Saitos Buch im Untertitel und die Natur ist sein wichtigster Protagonist. Da ihre Ressourcen begrenzt sind, da ihr belebter Teil vom Klimawandel in seinem Fortbestand bedroht wird, hält Saito es für todbringend, an dem System festzuhalten, das die Bedrohung hervorgebracht hat und sie jeden Tag unabwendbarer macht durch sein Dogma, das Wirtschaftswachstum. „Wer in einer Welt begrenzter Ressourcen an exponentielles Wachstum glaubt, ist entweder verrückt oder Wirtschaftswissenschaftler“, soll der Wirtschaftswissenschaftler Kenneth E. Boulding gesagt haben. Der japanische Philosoph beginnt seinen Gedankengang damit, die ökonomischen Denkschulen der Gegenwart vorzustellen und ihre Konzepte nacheinander als untauglich zur Bewältigung der Klimakrise zu verwerfen. Nicht nur der Neoliberalismus, auch eine „Donut-Ökonomie“ oder ein Klima-Keynesianismus, wie europäische Leser ihn vom „Green New Deal“ der EU her kennen, führe bei Erfolg zu immer weiterem Wachstum der Warenproduktion, der Rohstoffextraktion und damit im Weltmaßstab auch der Klimagasemission. Das Problem werde etwa durch ‚saubere‘ E-Autos nicht gelöst, die nur in wohlhabenden Ländern fahren und das Lithium für ihre Batterien von den globalen Armenhäusern beziehen, die dafür ihre Lebensgrundlagen zerstören. „Auslagerung“ der Probleme vom Zentrum in die Peripherie erkannte Marx früh als ein Grundprinzip des Kapitalismus.
Bis zur Veröffentlichung von „Das Kapital. Erster Band“ (1867) hing Marx, nach Saito, der Vorstellung an, dass eine unilineare Entwicklungstendenz die Menschheit zur Ausbildung des Kapitalismus führe und dass nur von dort aus eine Vergesellschaftung der Wirtschaft erfolgen könne. Der „historische Materialismus“ band sich insofern an genau diejenige Entfesselung der Produktivkräfte, die den Planeten unbewohnbar macht. Die „marxistischen“ Experimente der UdSSR und Chinas bestätigen das Junktim. Kritik kam früh von Anarchisten wie Gustav Landauer: „Der Vater des Marxismus ist der Dampf. Alte Weiber prophezeien aus dem Kaffeesatz. Karl Marx prophezeite aus dem Dampf.“
Die Frage der russischen Sozialistin Vera Sassulitsch, ob Russland denn keine Abkürzung zur Revolution nehmen könne, die ihm den Kapitalismus erspare, brachte Marx ins Grübeln. Sein später Brief an die Genossin, dazu Exzerpte und Notizen, die noch unveröffentlicht und nur wenigen Forschern bekannt sind, zeigen, dass der gründlichste Kenner des Kapitals sich im Alter um ein größeres Bild bemühte, in dem das Verhältnis des Menschen zur Natur die Hauptrolle spielt. Angeregt von den Studien des Chemikers Justus von Liebig über den „Raubbau“ der industrialisierten Landwirtschaft an ihrer wichtigsten Ressource, dem Boden, sowie des Agrarwissenschaftlers Carl Fraas, der den Untergang antiker Zivilisationen auf deren Abholzungspolitik und nachfolgende Umweltkrisen zurückführte, entdeckte Marx „einen unheilvollen Riß […] in dem Zusammenhang des gesellschaftlichen und natürlichen […] Stoffwechsels“. Fortan setzte er vor allem auf Gemeinschaften, die sich ein nachhaltiges, mit der Natur im Einklang stehendes Wirtschaften hatten bewahren können, wie die russische Landgemeinde oder in früheren Zeiten die germanische Markgenossenschaft. Interessant vor diesem Hintergrund ist, dass Saito auch im „Kapital“ und früheren Schriften zeigen kann, wie die „Assoziation“, die freie Verbindung von Produzenten, für Marx das Grundprinzip des Sozialismus darstellt, den er anstrebt.
Konsequent fordert Saito als Lösung aus der menschlichen Existenzkrise den Zusammenschluss von Produzierenden zu Genossenschaften, die Umorientierung weg vom Warenwert, hin zum Gebrauchswert und zur Naturverträglichkeit dessen, was produziert wird. Den Zusammenhalt und die Überlebenskräfte der Zivilgesellschaft zu trainieren, hält er auch angesichts dessen für sinnvoll, was an politischen Alternativen droht. Klima-Faschismus, Klima-Maoismus oder Barbarei (quasi haitianische Verhältnisse) sieht Saito als die drei Modelle, die bereitstünden, den liberalen Kapitalismus abzulösen. Wer davon keins wolle, dem bleibe immer noch das vom späten Marx vorgedachte Konzept. „Degrowth-Kommunismus“ nennt es Saito und postuliert, es werde statt Mangel und Dauerkrise den Überfluss bringen, vorausgesetzt, die Menschen besinnen sich auf ihre tatsächlichen Bedürfnisse und lösen sich vom „imperialen Lebensstil“, der Anhäufung aller Arten von Waren, für die zuerst der globale Süden und dann, per Klimawandel, der ehedem wohlhabendere Rest der Welt zerstört werden.
An der Stelle muss angemerkt werden, dass die grundlegenden Ideen Saitos alias des späten Marx bei anarchistischen Theoretikern ausführlich vorkommen. Kropotkins „Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung“ erzählt in der Hauptsache von Gemeinschaften, die in vorkapitalistischer Zeit ihre ‚commons‘ gegen den Zugriff von Oberklassen und Staaten erfolgreich verteidigten. Ihr Beispiel und das von ihnen verwirklichte Prinzip der Zusammenarbeit sind der Ausgangspunkt für eine anarchistische Gesellschaftstransformation. Auch Gustav Landauer bezieht sich auf vorkapitalistische Modelle. „Volk ist (…) etwas, das es seit Jahrhunderten nicht mehr gibt, das erst wieder geschaffen werden muß. Volk ist eine Wirtschaftsgemeinschaft. Volk ist ein Kulturverband.“ (G.L., Beginnen) Wenn Saito dem Anarchismus, mit dem er sich ansonsten nicht auseinandersetzt, vorwirft, kein Rezept zur Verhinderung des KlimaGAUs zu haben, muss entgegnet werden, dass die Verbindung zwischen Produktion und Natur im Anarchismus immer eine Rolle spielte, dass zudem Saitos Ansatz zur Veränderung (s.o.) demjenigen Landauers ähnelt, der fordert: „Auf dem Grunde des Produktions- und Zirkulationsprozesses müssen sich die Menschen zusammenfinden, zusammenwachsen zu einem Gebilde, zu einer Zusammengehörigkeit, zu einem Organismus mit unzähligen Organen und Gliederungen. Nicht im Staat wird der Sozialismus Wirklichkeit werden, sondern draußen, außerhalb des Staates, zunächst, solange diese überalterte Albernheit, dieser organisierte Übergriff, dieser Riesentölpel noch besteht, neben dem Staat.“ (ebd.)
Der Degrowth-Kommunismus weist also deutliche Überschneidungen mit dem Anarchismus auf. Ähnliches gilt für die neueren Arbeiten von Thomas Piketty und Slavoj Žižek, denen Saito ebenfalls nahesteht. Was würde auch ein Befund wie, dass jeder das Gegenteil von jedem will und nur Kohei Saito das Richtige, an Hoffnung übriglassen, dass irgendetwas aus diesem Buch folgt? Akademische Eitelkeit und „Meisterdenker“-Allüren führen zu nichts, sie sind Saito gottlob fremd. Das Buch ist einfach, faktenreich und didaktisch geschrieben, will, dass so schnell, wie es geht, so viel Antikapitalismus wie möglich passiert auf der Welt. Denn die Zeit läuft ab. Darauf weist der Autor immer wieder hin. Und die Eine-Million-Euro-Frage löst sein Buch auch nicht: Wie, konkret, besiegen wir die Gigavermögen, enteignen sie, beenden ihre Macht und damit das alles zerstörende Wirtschaftswachstum?
Kohei Saito, Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus, aus dem Japanischen von Gregor Wakounig, dtv München 2023, 316 Seiten, 14 Euro
gedruckt in Ossietzky 04/2025
Do-it-yourself Lebensfreude
Ash Barker erläutert, übt und exemplifiziert, wie Gemeinschaften aufblühen
Worum geht es hier? Ist das Life-Coaching? Ist es ein Arbeitsbuch für Sozialarbeit? Hat ein beruflicher Überperformer sein voraussichtlich vorletztes Sabbatical genutzt, um seine Autobiographie schreiben? Von all dem etwas liefert der Pastor und Sozialaktivist Ash Barker, legt aber in der Hauptsache ein Buch über christliche Praxis im 21. Jahrhundert vor. Europäern dürfte das meiste fremd vorkommen, was aber ihr Problem ist. Christentum und Kirche haben in Europa einen Aggregatzustand angenommen, der mit ‚vereist‘ noch vorsichtig beschrieben ist und seit der Reformation vor fünfhundert Jahren tendenziell weiter kristallisiert, mit „k“.
Ash Barker wurde in Melbourne, Australien, geboren und wuchs dort in einer christlichen Szene auf, die sich unter dem Einfluss von Sozialreformern und Hippies radikal veränderte. Besonders die Jugend wandte sich den sozial am meisten benachteiligten Gruppen und Bezirken der Stadt zu und versuchte sich an einer bedingungslosen Solidarität. Strömungen dieser Art innerhalb des freikirchlichen Spektrums gab es auch in den USA, in Asien und anderenorts, kaum jedoch in Europa, wo Freikirchen einheitlich in dem Geruch stehen, konservativ, autoritätshörig und sozial überwachend zu sein.
Ash und seine Frau Anji gingen später nach Thailand und arbeiteten in Klong Toey, dem größten Slum Bangkoks. Vor etwas über zehn Jahren zogen sie nach Großbritannien und starteten ihre dritte Mission in Birminghams multireligiösem, wirtschaftlich und politisch vernachlässigtem Stadtteil Winson Green. Arbeit im Sinne des Autors heißt Kümmern mit allen Aspekten des Wortes: direkte Hilfe für Bedürftige, Coaching zu deren Selbstermächtigung, Ausbildung, Persönlichkeitsentwicklung, Unternehmensgründung, Lobbyismus für Menschen ohne Lobby, politischer Kampf gegen Ungerechtigkeit und, last not least, eine Bibelauslegung und -auslebung im Geist des unorthodoxen Armenrabbis Jesus von Nazareth.
Dreh- und Angelpunkt von Barkers Überlegungen sind die Gemeinschaften, in denen Menschen entweder umständehalber oder aus eigenem Interesse leben. Oder beides. Barker glaubt, dass keine Gemeinschaft, und sei sie noch so abgehängt und vergessen von der Mehrheit, ein hoffnungsloser Fall ist. Vielmehr hält sie alle wesentlichen Trümpfe, um das Blatt für sich zu wenden, in der eigenen Hand und muss nur bestimmte, oft langwierige und wechselvolle Prozesse durchlaufen, an deren Ende sie sich mit eigenen Kräften helfen kann. Das klingt nach einem starken Glauben des Autors und in der Tat vermittelt dieser neben wertvollen Einsichten in die Entwicklung von Individuen, Gemeinschaften und Stadtteilen vor allem eine Art von Glauben, ohne den es nicht geht, wenn man das „Leben in Fülle“ sehen will, von dem Jesus spricht. Hilfreich für das Verständnis dieses praktischen Glaubens ist der anekdotische Stil des Buchs. Den Unterschied machen können drei Alpakas, die jemand für die Gemeinschaft angeschafft hat und mit denen er zu allen Grundschulen der Umgebung ausschwärmt. Kinder haben etwas Interessantes zu lernen und Nachbarn, an deren Häusern die Tiere allwöchentlich vorbeziehen, einen Gesprächsstoff – der eine seinen Spott und der andere Neugier auf Menschen, denen es nicht besser geht als allen und die trotzdem lauter spannende und spaßige Dinge tun.
Liebe ist die Tatsache, mit der Barker jede gelingende Entwicklung erklärt, individuell und gesellschaftlich. „The child who is not embraced by the village will burn it down to feel its warmth“, zitiert er ein afrikanisches Sprichwort. Überzeugend postuliert er, dass von dieser Liebe niemand ausgenommen sein kann, weder seiner Rasse, noch seiner Klasse, noch seiner sexuellen Orientierung oder sonst einer ‚Andersartigkeit‘ wegen. Leider erzählt der Autor nicht ganz so konkret und detailreich davon, wie seine Frau, sein Team, seine Klienten und er ihre Erfolge finanzieren. Das Buch ist nebenbei ein Arbeitsbuch, bietet Gruppen, die das Shalomgärtnern ausprobieren wollen, die denkbar besten Übungen zur Selbstreflexion, Ressourcenentwicklung und vielem mehr. Nicht zum finanziellen Überleben. In Birmingham hat man einen Fußballverein für alle gegründet – mit der Hilfe eines mächtigen Premier-League-Vereins. Der Immobilientycoon, mit dem man sich anfangs anlegte, wurde zum „Freund“. Dass er dreißig seiner neuesten vierhundertzwanzig Wohnungen ‚bezahlbar‘ gebaut hat, wird ihm ein Kapitel lang gedankt. Das klingt, als würde nicht jede Gemeinschaft die Hilfe, die Barkers Leute bekommen, finden oder auch nur haben wollen.
Aber das sind Kleinigkeiten, gemessen an dem, was das Buch allen bietet, die es mit Glauben, Liebe und Hoffnung ernsthaft versuchen wollen. Zitiert sei zuletzt ein besonders schönes der vielen wundervollen Zitate:
Go to the people.
Live with them,
Learn from them,
Love them.
Start with what they know,
Build with what they have.
But with the best leaders,
The work done, the task accomplished,
The people will say,
‚We’ve done it ourselves.‘
Lao Tse
Ash Barker, No Wastelands. How to grow seedbeds of Shalom in your neighbourhood, Seedbed Communications Birmingham, 397 Seiten, 16.32 Euro
Ich bin kein Existenzrechtsexperte
Ein Satire-Sampler lacht und trauert über Judenhass
In den Geschichtsbüchern wird 10/07 es nicht schaffen, 09/11 von seinem Spitzenplatz unter den historischen Wendemarken zu verdrängen. Al-Qaida schlägt Hamas, beziehungsweise die USA und wie es ihnen geht, bleiben das weltweit Wichtigste. Fragt man aber, wie sehr die Beziehungen beliebiger unbeteiligter Menschen zueinander durch ein Ereignis verändert wurden, und zwar weltweit, sieht es anders aus. Das barbarische Massaker von Hamas & Friends an israelischen Zivilisten vor etwas mehr als einem Jahr war ein Wirkungstreffer gegen die mentale Gesundheit der Menschheit. Lea Streisand, Michael Bittner und Heiko Werning haben ihn pariert, geben achtzig Geschichten und Cartoons gegen Judenhass heraus und fragen mit dem Titel das Publikum: „Sind Antisemitisten anwesend?“
Die Frage musste Radiokolumnistin und Lesebühnenveteranin Streisand sich anhören, als Veranstalter zu klären versuchten, weshalb Tage nach dem siebten Oktober eine Lesung Streisands niedergebrüllt wurde. Schockiert waren die Herausgeber davon, wie unbeeindruckt nach dem Hamas-Attentat verschiedenste Stimmen sich zu einem Chor des Antisemitismus vereinigten. Trotzig machten die drei das vorliegende Buch. „Worte finden“, wie Jess Jochimsen seinen Beitrag nennt, war für die Autoren unterschiedlich schwer. „Wer einen Funken Anstand im Leibe hat, hält doch mal inne und vor allem die Klappe“, dachte Jochimsen. Andere griffen wohl eher unanständig in die Schublade und schickten, was sie zum Thema immer schon mal sagen wollten. Einzelnes wirkt unempathisch und unterkomplex wie das, was kritisiert werden soll, ganz so dick hätte der Band nicht werden müssen. Das Allermeiste jedoch ist lesenswert, besonders liebenswert das, was mit eigenen Fehlern aufzuräumen versucht wie Volker Surmanns Revision der verschiedenen Palästinensertücher, die seit Kindertagen unten in seinem Kleiderschrank liegen: „Meine betuchte Jugend“.
Dass der Holocaust vorkommt, ist richtig. Die Tatsache, dass er von Deutschen verübt wurde, scheint neuerdings ein Grund zu sein, ihn als nebensächlich abzutun im Sinne des unsäglichen „Free Palestine from German Guilt!“ Palästina gehört allen, endlich dürfen auch Deutsche wieder ihre Weltgenesungswünsche ausleben, freut sich Deutschland. Der Holocaust ist das Grausamste, was Menschen in dem Selbstverrohungsexperiment namens Geschichte getan haben. Den heute lebenden Juden in der ganzen Welt ist er als Teil ihrer Identität aufgezwungen, – das heutige Deutschland hin oder her. Aufgabe aller fühlenden Menschen bleibt es, sich zu erinnern, wie jüdische Biographien in Europa umgebogen, verstümmelt, ausgelöscht wurden. Björn Högsdal tut dies auf beeindruckende Weise, wenn er und seine kleinen Kinder vor einem Stolperstein darüber nachdenken, wie das zehnjährige Leben, von dem der Stein spricht, verlaufen sein könnte.
Dass noch mehr Texte sich mit Israel und Palästina beschäftigen, leuchtet ein. Der öffentliche Streit um das Thema ist die Hintergrundmusik, vor dem die verschiedenen Antisemitismen ihre neuesten Arien singen. Mit mehreren Autoren staunt man, dass jeder Zweite sich heute zutraut, den Nahostkonflikt zu lösen. „Es gibt manchmal politische Situationen,“ schrieb Alexander Roda Roda vor hundert Jahren, „so verwickelt, dass man sie gar nicht falsch genug beurteilen kann.“ Kritik an Israels Politik und seiner Kriegsführung üben die Herausgeber im Vorwort selbst. „Aber einem Land Frieden und eine bessere Regierung zu wünschen, ist etwas fundamental anderes, als nach dessen Zerstörung zu rufen.“ Eine schöne Gratwanderung gelingt Hartmut El Kurdi in seinem Essay „Keine Antisemiten, nirgends“, der, dem ironischen Titel gemäß, die Heuchler aufstört und gleichzeitig darauf besteht, dass die meisten Menschen fähig sind, mit allen anderen in Frieden und Respekt zusammenzuleben – Beispiele aus Israel inklusive. Warum kritiklose Israelfreundschaft keine ist, dass sie verantwortungsloser sein kann als Feindschaft, erklärt Elke Wittich in ihrer Kurzdystopie „Berlin, 12. Oktober 2035“. Eine nicht minder lumpige ‚Neutralität‘ spießen Hauck & Bauer auf mit einem Cartoon, dessen Sprechblasen zitiert seien: „Ich bin kein Nahostexperte.“ „Aber du musst doch kein Nahostexperte sein, um dich zum Existenzrecht Israels zu bekennen.“ „Ja … äh … ich … Ich bin kein Existenzrechtsexperte.“ Überhaupt sind die Cartoons eine Macht in dem Buch.
Schmerzhaft, aber unerschrocken, behandeln mehrere Autor:innen den linken Antisemitismus – Oxymoron, das dieser eigentlich sein sollte. Kein politischer Zusammenhang ist so unter die Palästinadampfwalze geraten wie ‚die Linke‘, von der sich kaum sagen lässt, was sie noch weiter sein will. Grundsätzlich fest an der Seite aller Ausgegrenzten, fern allem Nationalismus oder politischem Religionsgedöns steht sie nicht mehr. „Wenn es Juden gibt, die Schutz bei der Rechten suchen“, schreibt das Vorwort, „dann liegt das auch daran, dass sie der gesellschaftlichen Linken nicht vertrauen.“ Kluge Wortwahl, dieses „gesellschaftliche Linke“. Eine politische Kraft mit klarem Gegenentwurf zum Bestehenden ist die Linke kaum noch. Ihre Ehemaligen setzen stattdessen auf mikroskopische Verbesserungen des Zusammenlebens, öfters zum persönlichen Vorteil und ohne erkennbares Angebot an die schlechtverdienende Mehrheit. „Im Gehirn von Judith Butler (eine gescheiterte Satire)“ erlebt Markus Lieske die Judenverdrängung aus dem akademischen Smalltalk. Bitterböse verfolgt Clint Lukas das Treiben in den Redaktionsräumen und After-Work-Kneipen einer linken Medienszene, die Nachrichten über israelbezogenen Antisemitismus unverfroren zensiert („Aufstieg und Fall eines Stadtmagazins“). Noch böser wird es in einer Satire des Satyr-Verlegers, Weddinger „Brauseboys“ und bald muss man sagen: Doyens der deutschen Satire, Volker Surmann. Die taz, die seinen Text erstveröffentlichte, bezahlte das mit gekündigten Abonnements. Ein Vielfaches an Leserstimmen, so sei ergänzt, äußerte sich euphorisch zustimmend. „Ein Regenbogen für Palästina“ schildert das Zustandekommen eines „Dahlemer Call for Peace in Palestine“, mit dem ein genderqueeres Kollektiv von Studierenden sich für ein genderqueeres Kalif*inat Palästina (from the river to the sea) ausspricht und Israels Bürger dabei irgendwie vergisst. Das ist Satire, die mit Fünferkette angreift und im Zehnsekundentakt trifft zum Kantersieg über eine Dummheit, der schon länger mal gesagt gehörte, was sie ist.
Nicht besser ergeht es dem islamischen Judenhass, für die meisten Muslime ein No-Go – und doch so da wie linker Antisemitismus. Gleich mehrfach schlendern wir am siebenten Oktober über die Neuköllner Sonnenallee und verkosten Baklava. „Fuck Hamas“ überschreibt Jessica Ramczik ihren Besinnungsaufsatz und meint, „dass man auch einfach so Israel gut und die Hamas scheiße finden darf.“ Heiko Werning erzählt, wie er als Schüler „Interrail machen“ wollte nach Marokko, wegen seiner strengen Eltern aber nur nach England durfte und dort von ebenfalls Interrail machenden Marokkanern zu Adolf Hitler beglückwünscht wurde. Dieser Autor kann erzählen und ist so uneitel, dass auch fremder Putz unter seiner Umarmung abblättert. Ja, gegen Juden gehetzt wird nicht erst seit einem Jahr. Patentrezepte dagegen – wie ein Israelbekenntnis als Eintrittspreis zur deutschen Staatsbürgerschaft – beruhigen nur Politiker, die nichts berührt (erläutert Ramona Ambs).
Noch mal Roda Roda: „Aus dem Antisemitismus kann erst etwas Richtiges werden, wenn ihn ein Jude in die Hand nimmt.“ Den Band würzen jüdische Stimmen mit Sarkasmus und Beobachtungsgenauigkeit. André Herzbergs Meditation „Sie sind gescheitert, lasst uns essen“ lädt bei aller Tapferkeit dazu ein, erst mal so traurig zu werden, dass Tapferkeit gefragt ist. „Sich abfinden heißt, mit dem leben zu lernen, was du nicht ändern kannst.“ Ja, sagt man instinktiv zu Buddhazeugs wie dem. Nein! schreit man dann, niemals! Einem fällt ein, dass ein grundloser und mörderischer Hass auf bestimmte Menschen gemeint ist, die an allem schuld sein sollen, weil das so schön einfach ist. Und irgendwann sagt man wieder ja. Wenn man sich erinnert, dass dieser Hass schon seit über tausend Jahren geschürt wird. Lernunfähige Dummheit hat den Lohn, protzen zu können damit, seit wann dumme Menschen sie schon praktizieren. „Geht es den Juden gut, ist das schlecht für die Juden, weil niemand will, dass es ihnen gut geht. Geht es den Juden schlecht, wäre das gut für die Juden, wenn es ihnen dann nicht so schlecht ginge.“, schreibt Alexander Estis in „Was bedeutet das für die Juden?“, verknotet seine Gedanken zu den vielleicht witzigsten Seiten des Buchs. Und kommt zuletzt unerwartet auf die Postmoderne: „Einige Menschen wollen uns weismachen, dass nichts etwas bedeute: Das Gesagte bedeutet nicht das Gemeinte, das Gemeinte bedeutet nicht das Verstandene. Die Wörter bedeuten nichts, die Zahlen bedeuten nichts, Geschichten sind keine Warnungen, Vergangenheit ist vergangen, Pogromstimmung bedeutet kein Pogrom. Sie wollen nicht wissen, was die Dinge bedeuten, und sie wollen erst recht nicht wissen, was die Dinge für die Juden bedeuten.“ Diese Menschen mussten nie so genau lesen, dass sie durch das Verstandene überleben konnten. Avant la lettre nannte Walker Percy die Postmoderne eine „Wüste aus Theorie und Konsum“, in ihr seien die Juden „das einzige Zeichen“. Das Zeichen bedeutet zunächst mal, dass genaues Lesen und Erinnern kein Hexenwerk sind, sondern menschenmöglich.
Lea Streisand, Michael Bittner, Heiko Werning (Hrsg.): Sind Antisemitisten anwesend?
Satiren, Geschichten und Cartoons gegen Judenhass, 384 S., geb. ISBN-13: 978-3910775183
Satyr-Verlag, Berlin 2024
veröffentlicht in TEXTOR und Ossietzky
Untenstehende Glossen sind Teil meines neuen Buchs, das sich hier ankündigt.
Dezember 2024
Premigration!
Wieder ein Hotel – und wieder in Potsdam! Weil CORRECTIV keine Zeit hat, ist die Wahrheitsdrohne hingeflogen und zeichnet alles auf, durchs offene Fenster, im Auftrag von Fox-News, wie sie frech behauptet. Sogar ein Interview wird ihr gegeben, vom Anführer einer Geheimorganisation, die die „Premigration“ von Millionen Deutschen nach Amerika vorbereitet. „Na ja, der Redakteur hätte mal kommen können“, mault der Mann, „aber meinetwegen. Was wollen Sie wissen?“ Die Drohne wird zum ersten Mal gesiezt und verhaspelt sich prompt bei der ersten Frage:
Herr Schmerz, wawawas bebedeutet „Premigration“?
Das Wort habe ich erfunden. Es verbindet die Worte premium und gratia. Ich sage, dass nur die Besten mitkommen, und zwar von Meinen Gnaden. Die Vorsilbe pre deutet überdies an, dass wir dem Projekt der Konkurrenz zuvorkommen: der Remigration. Sehen Sie, Millionen Menschen vertreiben ist anstrengend. Ich mache das nicht. Stattdessen wandern wir selber aus und lassen die Wähler der Konkurrenz mit den Ausländern allein.
Aber Sie sind doch der nächste Kanzler.
Falsch. Ich tue zwar so, als würde ich der nächste Kanzler. In Wahrheit bedeutet aber ein Kreuz für meine Partei auf dem Wahlzettel das Ticket für die Überfahrt. Ich habe mit der Bundeswahlleiterin gesprochen, die Zettel werden gesammelt und mir ausgehändigt. Wer die rechte untere Ecke geknickt und in der Wahlkabine ein Selfie gemacht hat, kommt mit.
Und warum wollen Sie alle weg?
Der große Austausch ist nicht mehr aufzuhalten. Die Konkurrenz streut dem Wähler Sand in die Augen, aber wir wissen: Die Deutschen sollen die Sklaven der Ausländer werden, und das machen wir nicht mit. Die werden schön gucken, die Ausländer.
Sie gucken aber auch ganz schön. Ihr Blick kann einem ja Angst machen.
Richtig. Man nennt mich den BlackRock-Vampir und da ist was dran. Ich entstamme einem alten sauerländischen Vampirgeschlecht. Mein Blick hat die Kraft, alles Deutsche anzusaugen. Ist es angesaugt, nehme ich es mit nach Amerika und weg ist das komplette Restdeutsche aus dem so höchstens noch genannten „Deutschland“.
Warum denn nach Amerika?
Wir folgen da einer Prophetie, die vor hundertfünfzig Jahren ausgesprochen wurde. Damals war es wie heute, der ehrliche Deutsche hatte in seiner Heimat keine Chance. Ihm wurde gesagt: Dein Dorf wird abgeschafft und du musst in einer Stadt leben. Die Bestürzung war groß, keiner wusste, was eine Stadt ist. Man wusste, dass da Zeitungen und Bücher gedruckt wurden, die keiner lesen konnte. Man wollte weit weg sein, wenn es passierte. In der Stunde der Not stand in einem pfälzischen Dorf ein Prophet auf und kündete: „Im Westen, hinter dem großen Wasser, liegt ein Land, in dem es keine Druckerzeugnisse und Städte, sondern nur niedliche kleine Dörfer gibt. In das Land müsst ihr ziehen und hundertfünfzig Jahre warten. Dann wird ein Präsident aufstehen – und nach gestohlenen vier Jahren gleich noch mal aufstehen – , der sich eurer annimmt wie ein Bruder. Euer Bruder wird er sein, weil er von einem von euch, die ihr heute in die Ferne zieht, abstammen wird.“ So sprach der Prophet, den man bald den pfälzischen Marcus Garvey nannte („Exodus! Movement of de Pälzer“). Wobei er mit bürgerlichem Namen Dumbold Trampel hieß.
Ach so, Sie meinen den Trump.
Richtig. Das ist der Enkel. In unseren Tagen erfüllt sich die Prophetie. Ich habe mit dem Präsidenten gesprochen, deutsche Einwanderer sind willkommen. Wenn sie die Schnauze halten und amerikanische Autos und Grenzzäune bauen, vergisst er die Sache mit dem Weltkrieg und den Whiskeyzöllen.
War Trumps Großvater nicht Friseur? Von einem Propheten habe ich noch nie gelesen?
Friseur, Prophet – wo ist der Unterschied? Schauen Sie sich die gelben Haare an. Noch Fragen?
Ja, die hier: Der Großvater wurde vom Deutschen Reich ausgebürgert, als Fahnenflüchtling. Sie sind Fahnenjunker, Herr Schmerz. Ist das dasselbe?
Im Gegenteil. Ich wäre fast Reserveoffizier geworden, hab mir dann aber das Knie wehgetan an der Panzerluke. Die Waffen sind zu klein hier. Wie die Boni. (Lacht)
Noch eine Frage: Werden Ihre Wähler Ihnen auch folgen – in ein unbekanntes Land, so weit weg?
Sie sprechen da ein Problem an, das uns Kopfzerbrechen bereitet hat. Der Prophet drückte sich in der Sprache seiner Zeit aus. Aber seine Jünger glauben ihm aufs Wort. Gesagt hat er: „Wenn ihr den Rauch des schwimmenden Hauses aus dem Tal des großen Flusses aufsteigen seht, dann wallet hurtig hernieder von den Weinbergen ans Ufer und rein in das Schwimmehaus!“ Sie sehen das Problem vor sich. Aber es ist gelöst! Wir lassen tatschlich Raddampfer den Rhein runterfahren nach Rotterdam. Ratter ratter! Die werden mit deutscher Steinkohle betrieben, die wir über die Jahre gesammelt haben. Wo war die versteckt? fragen Sie sich. Antwort: Im Kyffhäuser. Alle deutschen Träume auf einmal werden wahr in meiner Gestalt.
Und ihr Flugzeug?
Ist schon drüben. Mit meinem Kaminpfleger, den hab ich letzte Woche rübergeflogen.
Kaminpfleger? Was ist das denn?
Das ist ein Afrodeutscher, der macht Ihnen ein richtiges Lagerfeuer in Ihrem Wohnzimmer. So was hat der Präsident noch nicht gesehen. Bei mir zieht das immer nicht richtig, darum beschäftige ich einen Migranten in meinem Haushalt.
Und wie wird das mit Trump und Ihnen auf dem Golfplatz? Haben Sie geübt?
Ach wissen Sie, ich seh den Ball nicht mehr richtig. Meine Füße sind so weit weg. Wegen meiner Steifheit eigne ich mich immerhin zu dem, was ich in der Schule war: zum Schläger. In den richtigen Händen hab ich richtig Spaß. Olaf Scholz eignet sich nur als Ball.
Sie und Trump – sehen wir da einer echten Männerfreundschaft entgegen?
Definitiv. Im Puff werde ich eher auf die Anziehsachen aufpassen. Aber die Kamingespräche über Derivate und Krypto werden bestimmt schön.
Am Ende des Tages haben Sie dann aber nichts regiert, nirgendwo. Tut das nicht weh?
Nein. Die Reserve ist mein Ding. Wenn Sie in ein großes Land einmarschieren, entscheidet die Reserve über den Sieg. Aus Zeitgründen. Da wird mein Freund an mir und meinen / seinen Landsleuten noch viel Freude haben. Die Last Americans (L.A.) – so heißt unsere Geheimorganisation – sind einsatzbereit bis zum letzten Schulbub.
Geheimorganisation? Dürfen Sie dann überhaupt mit mir reden?
Ich rede allgemein recht gern. Das ist so eine Art Hobby von mir. Als Politiker habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht.
gedruckt in Heft 24/2024 der Zeitschrift Ossietzky
November 2024
Glücksache Logik
Eine Gesprächsrunde von Freundinnen war neulich bei einer Witwe eingeladen, deren Trauerfall zwei Jahre zurückliegt. Wovon die Gastgeberin erzählte, war nicht mehr ihr Mann und der Verlust desselben; davon hatte sie im ersten Jahr ihrer Witwenschaft so ausführlich gesprochen, dass es vorerst gut war damit, soll heißen: Neues ließ sich da nicht mehr sagen. Stattdessen erzählte sie den Freundinnen von dem gemeinsamen Bankkonto, das ihr Mann und sie unterhalten hätten, noch bis vor zwei Wochen. Es sei ihr zwei Jahre lang nicht gelungen das Konto aufzulösen und die längste Zeit sei ihr auf dem Konto überhaupt nichts gelungen, keine einzige Transaktion.
Gebannt hörten die Freundinnen der Witwe zu. Das Konto schien eine Verbindung zwischen den Eheleuten gestiftet zu haben, die fester hielt als das Leben. „Aber warum konntest du auf dem Konto nichts tun, warum?“ fragte man die Frau. „Weil wir das Konto gemeinsam hatten“, antwortete sie. „Unsere beiden Namen waren eingetragen und zwischen den Namen ein ‚und‘. ‚Hermann Schulze und Elfriede Schulze‘ waren die Inhaber. Als ich nach Hermanns Tod eine Überweisung tätigen wollte an das Bestattungsunternehmen, hieß es: Das können Sie nicht alleine veranlassen. Das muss Ihr Mann mitunterschreiben. Die Freundinnen lachten nicht, immerhin ging es um den verstorbenen Hermann. Aber sie wunderten sich.
„Konntest du wirklich keinen Betrag allein anweisen?“ fragte eine ungläubig. „Na ja, so ganz kleine schon. Aber die Bestattung war teuer. Und ich wollte, als Hermann tot war, eher größere Summen abheben. Und das ging nicht.“ Eine Mathematiklehrerin fand den Fehler: „Ihr hättet statt der logischen Konjunktion die Disjunktion wählen müssen. Nicht ‚Hermann und Elfriede‘ hätte es heißen sollen, sondern ‚Hermann oder Elfriede‘, dann wärs gegangen.“ „Ich weiß nicht“, zögerte Elfriede mit ihrer Zustimmung, ‚ob Hermann das gewollt hätte.“ „Logik hilft auch nicht immer“, wandte eine dem Spiritismus zuneigende Dame ein. „Die Bank hätte in den Vertrag aufnehmen können, dass nach dem Tod eines der Inhaber vor Transaktionen jeweils eine Séance abgehalten wird, auf der die Zustimmung des Verstorbenen eingeholt wird.“ Damit waren nicht alle einverstanden. „Aber mir scheint die Logik auch Lücken zu haben“, sagte ein CDU-Mitglied. „Friedrich Merz will die deutschen Grenzen dicht machen. Das verbieten aber die Schengen-Regeln und wir sind doch die Gesetzestreuen. Auf tagesschau.de steht: ‚Damit würde Deutschland riskieren, rechtswidrig zu agieren. Das müsste politisch getragen und verantwortet werden.‘ Ist das denn CDU-Politik: rechtswidriges Handeln verantworten?“ Ihre Nachbarin hatte ähnliche Sorgen. „Er will auch alle Flüchtlinge aus Afghanistan abweisen. Zugleich ist Afghanistan so schlimm, dass man mit der Regierung nicht mal verhandeln darf. Passt das zusammen?“ Die Runde zeigte sich in den Grundfesten ihres logischen Denkens erschüttert.
So jedenfalls berichtet mir die Wahrheitsdrohne, die ich vor das Wohnzimmerfester von Elfriedes Einfamilienhaus beordert hatte. Nicht weil ich meiner Frau, die dabei war, misstrauen würde bezüglich dessen, was sie mir berichtet. Meine Frau, muss ich erläutern, hat einen weitläufigeren Freundeskreis als ich, in dem alle möglichen Präferenzen und Prädispositionen vorkommen. Ich weiß aber, dass sie bei der ersten Erwähnung der drei Buchstaben C-D-U öfter von Müdigkeit befallen wird und dem anschließend Gesagten nicht mehr vollkonzentriert folgt. Darum die Drohne.
Ich für meinen Teil entnehme Druckwerken mehr Text als Gesprächen mit Freunden, wie ich selbstkritisch anmerke. Aber auch ich erlebe meine Überraschungen mit der Logik. Unlängst las ich die FAZ. Ein Andreas Rödder verkündete darin „das Ende der grünen Hegemonie“, die ich noch gar nicht bemerkt hatte, über die ich hier auch nichts sagen will. Verstört hat mich einiges in dem Artikel, so eine Bemerkung über Katrin Göring-Eckardt, die gesagt hatte, dass sie sich auf die Veränderung Deutschlands durch Immigranten freue. Das fand Andreas Rödder schlimm. „Wenn alles, was anders wird, besser ist, muss das Eigene so schlecht sein, dass es nur besser werden kann,“ antwortete er. Ganz langsam. Wenn ich mich über das freue, was andere Menschen meinem Land hinzufügen, hasse ich mein Land? Ich sah in einen Abgrund. Wenn Rödder recht hatte, was war dann mit meiner Ehe? Wenn ich meine Frau liebte und mich über das freute, was sie meinem Leben hinzugefügt hatte, musste ich mich vorher gehasst haben. Ich versuchte mich daran zu erinnern. Aber ich kam nicht drauf. Ich wäre erleichtert gewesen, wenn mir mein vorehelicher Selbsthass wieder eingefallen wäre. Denn nach meinen logischen Grundkenntnissen nebst Andreas Rödder hätte das den Umkehrschluss erlaubt, dass ich meine Frau liebte. Aber so? Ich zweifelte an mir und meiner Ehe. Letztlich stand ich vor der Wahl, mich entweder von meiner Frau oder von der FAZ zu trennen. Über die Entscheidung verrate ich nur so viel: Ich trennte mich von der noch unlogischeren von beiden.
Oktober 2024
In der Fremde
Wenn ich in meinem Belgrader Kiez einen Laden betrete, erwidern die allermeisten Angestellten meinen Gruß. Es sei denn (Klassiker meiner Jugendzeit), ich wünsche der Bäckerin um vierzehn Uhr einen „guten Morgen“. Sonst, bei korrektem Gebrauch der drei tageszeitlichen Spezialbegrüßungen, habe ich eine fast hundertprozentige Antwortquote. Das ändert sich, wenn ich das Geschäft verlasse. Kaum eine Verkäuferin von zehn presst sich ein noch hörbares „Auf Wiedersehen“ ab, nachdem ich dasselbe laut und deutlich gewünscht habe. Die anderen neunzig Prozent sagen kein einziges Wort, wenn ich gehe. Woran liegt das? frage ich mich als Mensch, der zeitlebens wissen will, warum Dinge geschehen oder nicht geschehen.
Dass sämtliche Angestellten von Läden, die ich betrete und verlasse, Frauen sind, macht es nicht leichter für mich, das Erlebte zu verarbeiten. Habe ich sie während meines kurzen Aufenthalts in ihrem Laden dermaßen enttäuscht, dass sie mich keines Wortes mehr würdigen? Oder aber dermaßen beeindruckt, dass sie keine Worte finden für ihr Gefühl bei meinem Verlassen ihres Ladens (womöglich für immer)? Okay, Mutmaßungen wie die letztere spielen etwa die Rolle des heißen Tees, den ich hier bei 40 Grad im Schatten gern trinke: Sie halten mir meine Reaktion auf das Ungewohnte offen. Die meisten meiner Hypothesen sind weniger freundlich für mich: Habe ich mich während meines Einkaufs dermaßen idiotisch verhalten, dass man mir bedeutet, ich solle bloß nicht wiederkommen – ein Wunsch, der dem Wortlaut der Abschieds-Grußformel direkt widersprechen, insofern ihren Nichtgebrauch erklären würde? Und ja, ich verhalte mich aus der Perspektive der Verkäuferin fremdartig bis bizarr, wenn ich ihren routineartigen Griff nach der Plastiktütenrolle, das Abreißen einer Plastiktüte von dieser Rolle, das zu verhindern ich jedes Mal zu langsam bin, mit der Mahnung beantworte: „No plastic!“ Wenn ich das mehlbedeckte Brot nackig in meinen Rucksack schiebe, das zum Platzen reife Obst hinterher. Und manchmal noch einen skeptischen Hinweis auf den Zustand der Weltmeere gebe, auf Englisch, das die Verkäuferin meinte zu spechen, als sie noch lediglich Begrüßungen und Zahlen im Zahlenraum von eins bis hundert austauschte. Und dann „the ocean“, seine Probleme, seine Bedeutung für die Menschheit – das kann schon frustrieren. Zu merken: Man kann doch kein Englisch. Aber warum – hier kommt meine Nachfrage – sagen all die Verkäuferinnen, die die Plastiktütendiskussion mit mir schon gehabt haben, trotzdem noch „Guten Tag“ zu mir, wenn ich reinkomme? Sogar die Verkäuferin, in deren Geschäft ich die Packung mit jungem Käse habe fallen lassen, als ich die Käsepackung, die zwei unverpackten (!) Pfirsiche und das Geld nicht gleichzeitig mit ihr auszutauschen vermochte, sogar diese Frau, deren Ladenfußboden voll jungen Käses war und die dann mitansehen musste, wie ich die tropfende Packung mit dem Restkäse nackig auf dem Grund meines Rucksacks abstellte, sogar sie sagt anstandslos „Guten Tag“ jedesmal, wenn ich ihren Laden betrete. Und schweigt hartnäckig, wenn ich ihn wieder verlasse.
Oder ist das Wort für „Auf Wiedersehen“ so viel komplizierter als das für „Guten Tag“, dass meine Aussprache zum Problem wird? Dass die Frauen meine Verabschiedung als solche nicht erkennen oder zumindest nicht anerkennen? Dann könnte ich üben und meine Quote vielleicht erhöhen.
Ich fürchte, es ist etwas anderes. Wer „Guten Tag“ sagt, hat sonst noch nichts gesagt, bietet aber für die Zeit seiner Anwesenheit die Aussicht, vielleicht etwas Witziges, in jedem Fall aber etwas Persönliches zu sagen. Wenn ich die einheimischen Kunden mit mir vergleiche, wird klar: Die tun genau das, reden etwas, manchmal lacht die Verkäuferin, in jedem Fall antwortet sie, ein kurzer Wortwechsel entsteht, an dessen Ende der Kunde nicht nur „Auf Wiedersehen“ sagt, sondern die Schlusspointe seiner Mitteilung setzt, in die der Abschiedsgruß eingebettet ist. Das kann ich nicht. Ich bin zumindest in dieser Hinsicht eine sichere Enttäuschung.
Ich beschließe, es nur in dieser Hinsicht zu sein.
September 2024
Der Frustrator
Die Belgrader Straße, in der ich wohne, hat viele dominante Bewohner. Man fragt sich, wen all die Alphawesen überhaupt dominieren wollen. Es müssten Wesen ohne eigene Dominanz sein und die sind in der Straße selten. Autofahrer preschen dieselbe runter, als wären Fußgänger Straßendreck. Fußgänger kratzen sich in der Straßenmitte so konzentriert am Hodensack, dass sie dafür stehenbleiben. Autos haben keine Hoden, müssen nicht ernst genommen werden. Wollte die Straße einen Diktator wählen, gäbe es nur Kandidaten und keine Wähler.
Und doch ist einer, welcher dieses Unbedingt auffallen unendlich sanft … nein, falsch abgebogen, das war Rilke. Einer ist da, muss es heißen, welcher dieses Gerangel mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit und unerschütterlichem Glauben an sich selbst seinerseits dominiert. Dieser eine verdient es, als Herrscher der Straße angesprochen zu werden, und ist überraschenderweise ein Hund.
Welche Definition von Herrschaft willst du? Immer das letzte Wort behalten. Sich in alles und jedes Verhalten anderer einmischen. Keinen Anspruch neben dem eigenen anerkennen. Der Hund unseres Nachbarn erfüllt sämtliche Kriterien für Herrschaft. Ausgeübt wird diese von ihm durch Bellen. Gerne bellt er anlasslos. Zum Beispiel morgens früh um halb fünf, wenn in dieser Straße kein Mensch, kein Hund und keine Maus unterwegs ist, bellt er. Wie tut er es? Ich würde sagen: nachdrücklich. Jedes einzelne Wau ist ihm wichtig, weshalb er zwischen den Einzelwauen kurze Kunstpausen macht. Wie Eltern, die der Nachkommenschaft eine Mitteilung einhämmern wollen: Jeder Hammerschlag muss sitzen, jedes Wort, jedes Wau so präzise, dass man denkt: Dies Wau war wirklich unvergleichlich eindrucksvoll. Was nie stimmt, weil das nächste immer noch bedeutender ausfällt.
Denkt zumindest der Hund und kriegt nicht genug von seiner Bedeutung. Bis ihm plötzlich ein Wau verrutscht. Kriegen Hunde Stimmbruch? So klingt jedenfalls das meinetwegen achtunddreißigste Wau und der Hund merkt: Mist, der eine Patzer kratzt an der Würde meiner Rede mehr als die siebendreißig Treffer vorher zu ihr beigetragen haben. Was mach ich bloß? Die Antwort lautet: Weiter. Nur die Länge des Vortrags bietet die Aussicht, den Patzer beim Publikum in Vergessenheit zu bringen, in Kombination damit, dass fortan alles klappt. Was es nie tut – da capo al infinito. Der Spaß kann dauern.
Wer übrigens fragt, woher ich wissen will, was der Hund denkt: Für sowas hat man seine Wahrheitsdrohne.
Der Hund wiederum hat für sein Bellen seine Gründe. Achtzig Prozent der Performance sind nicht anlasslos – wenn auch ansatzlos. Ein Fehlverhalten, das sich in Gegenwart des Hundes vorzukommen erlaubt, braucht eine Antwort. Der Hund bellt noch ein Achtel lustvoller, als wenn er einfach so bellen muss, weil man ihm den Anlass verweigert. Beispiel: Ein fremder Hund, der die Straße daherläuft und unter dem Balkon des Nachbarhundes die Frechheit des Bellens hat. Das macht der nicht noch mal! Beziehungsweise das macht der noch ganz viele Male hintereinander, weil er jedes Mal, dass der Nachbarhund sein „Schluss jetzt!“ bellt, sein „Nee, noch nicht!“ dahintersetzen muss. Und trotzdem ist irgendwann Schluss. Denn der Fremde muss weiter und der Nachbarhund nicht, der wohnt hier. Der kann länger. Der hat immer das letzte Wau. Und das wars doch, was er von Anfang an sagen wollte Herrgott. Hätts der Fremdköter mal nach dem ersten Wauwechsel eingesehen. Oder die Katze steht nachts vor unserem Haus und will rein, warum auch immer. Sie macht ein weinerliches Geschrei, das hat sie von den Babys und Kleinkindern in der Straße gelernt. Es wirkt. Ich will sie sofort reinlassen, bin aber zu müde aufzustehen und warte erst mal, was der Hund sagt. Er bellt. Mitten in der Nacht hat keine Katze Lärm zu machen. Das lernt sie einmal. Zweimal. Dreimal. Die Katze gibt auf. Ehrlich, so dringend kanns doch dann nicht gewesen sein. Bleibt sie eben draußen. Brauchen wir nicht alle diese Momente, wo unseren Ansprüchen mal Grenzen gesetzt werden? Ich mag in diesem Moment den Nachbarhund. Genüsslich drehe ich mich im Bett um und vergesse die Schreie der eingesperrten Anti-Lithium-Protestler, ääh der Katze, als hätte es sie nie gegeben. Das Leben kann so einfach sein.
Als mich gegen Morgen ein Hustenreiz packt, drücke ich meinen Kopf ins Kissen. So ein Husten, frei rausgelassen, kann als Geräusch verwechselt werden. Ich will keinen Ärger. Ich muss Dominanz nicht herausfordern. Ich bin der Nachbar. Ich akzeptiere meine Grenzen.
Der Name des hiesigen Staatspräsidenten ist übrigens dem Geräusch, das der Nachbarhund macht, nicht unähnlich. Er kommt kraftvoll aus den Tiefen der Manneskehle. Und bricht dann ab wie die Stimme eines Jungen im Stimmbruch. Oder wie ein Klaps, den die Ehefrau dem Mann auf das dauerredende Mundwerk gibt. Zwischen den Fingern witscht noch etwas Luft durch. Dann ist Ruhe im Hause Vučić.
gedruckt in Heft 19/2024 der Zeitschrift Ossietzky
August 2024
Was zusammenhält
Was ist Kultur? Die von Herder und Hegel bis Derrida und Eribon oft gestellte, ebenso oft verkomplizierte Frage beantwortet sich einfach: Kultur ist, was Sommerpause macht – minus Politik. Die Wahrheitsdrohne weiß das, ist pünktlich weggeflogen. Was bleibt mir als ihr nachzureisen? Ins 2024 zum dritten Mal in Folge und überhaupt mit Abstand am häufigsten als „lebenswerteste Stadt der Welt“ vom britischen Economist ausgezeichnete Wien geht es. Ich will wissen: Wer oder was macht Wien so lebenswert?
Am Abend meines Ankunftstags besuche ich die nächstgelegene Grünfläche: den Rathauspark. Operngesang erfüllt ihn. Wie das? frage ich einen Mann, neben dem auf der Parkbank zwei Rucksäcke stehen – ein Durchreisender. Ich frage erst, als er seinen von der Hochkulturkonkurrenz ungerührten Mundharmonikavortrag erstmals unterbricht. Open-Air-Kino sei das, nicht live. Das muss ich mir anschauen. Hinter der nächsten Baumgruppe sehe ich die Leinwand, davor Hunderte Kinder, Eltern, Hunde. Einträchtig und kostenlos genießt man, was sich am Originalschauplatz keiner leisten könnte. Die Stadt bezahlt, Abend für Abend. Was ich erst am nächsten Morgen erfahren werde: Gleichzeitig läuft am Karlsplatz, fünfzehn Fußminuten entfernt, das nächste Umsonst-und-Draußen-Spektakel: Wiens Popfest. Vier Seiten im Falter, der ‚Zeitung Sprizz‘, umfasst das Line-Up, vier Tage und Nächte Halligalli, bezahlt hauptsächlich von der Stadt. Wäre ich einen Tag früher angereist, hätte ich Nino aus Wien gehört – ein Traum. Die Wirklichkeit: Am nächsten Tag gehe ich wieder in den Rathauspark mit dem Plan, hernach das Popfest heimzusuchen. Es kommt anders. Von der Leinwand und der stadiontauglichen PA dröhnt ein volles Coldplay-Livekonzert und danach geht die Party an den umliegenden Bier- und Würstlständen erst so richtig los. Wunschlos schwänze ich das Popfest.

Was man zwischendurch mal muss, geht in Wien unfassbar einfach. Überall gibt es öffentliche WCs. Und die verstecken sich nicht (wie in den Einkaufszentren von Frankfurt, das sonst gar keine hat), sondern stellen an den Straßenecken Schilder auf, die zu ihnen hinführen. Wiederauffüllen kann man sich an den unzähligen Brunnen und Trinksäulen. Die tropischen Augustnächte und -tage lang versprühen Masten auf Knopfdruck frisches Aerosol. Das Ruhedürfnis stillen flächendeckend Bänke und Einzelstuhlpaare. Extrabreit sind die und nicht volkspädagogisch abgeschrägt wie in Frankfurt: damit man keine Bierflasche draufstellen kann. Einträchtig steht die Gastronomiebestuhlung neben der öffentlichen an der Gasse – soll doch jede/r selbst entscheiden, wo er oder sie sitzt. Man ist hier so gut zu mir! Und „man“ heißt ein ums andere Mal: die Gemeinde Wien.

Herumgesprochen dürfte sich haben, was die für das Wohnbedürfnis tut, schon seit über hundert Jahren. Klafft in der atemberaubenden k.u.k. Zuckerbäckerbebauung eine Lücke, die von einem unansehnlichen Behelfsbau gefüllt wird, dann schämt man sich für den nicht, sondern schreibt in fetten roten Lettern drauf: „Wohnhausanlage der Gemeinde Wien, erbaut in den Jahren xy“. Wie ein Mantra grüßt der Spruch den Straßenbahn Fahrenden vielhundert Mal. Die große Zeit des öffentlichen Wohnungsbaus kam nach dem Ersten Weltkrieg, als fortschrittliche Architekten und Verwaltungen den Bedarf arbeitender Menschen zum Maßstab machten, ganze Stadtviertel ein modernes Aussehen annahmen und dabei mit Kindergärten, Gemeinschaftshäusern, Grünflächen und Kunst am Bau vielfältigen Bedürfnissen nachkamen. Frankfurt war damals Wiens Schwesterstadt in der Architekturrevolution. Die oberbürgerlichen Meisterspekulanten der letzten Jahrzehnte, gern SPD, traten das in die Tonne namens Vergessenheit.

Ich fahre mit der U4 zur Endhalte Heiligenstadt, stehe vor dem Karl-Marx-Hof, der berühmtesten Wohnanlage des „roten Wien“. Mein Stadtführer zeigt mir das Bild einer reliefierten Keramikfigur und nennt sie „der Sämann“. Ich frage mich zu der Figur durch und stutze: Die Figur sät nichts, sieht auch nicht aus, als besäße sie das Nötige. Die Hände greifen dahin, wo Hosentaschen wären, hätte die Figur genug an, woran Taschen zu befestigen wären. Bettelarm ist der Mann. Seine Hände machen die Geste der Armut: Sie drehen leere Hosentaschen um. Nein, der richtige Sämann steht dreißig Meter weiter vor dem Haus, ist eine Bronce und wurde 1920 von Otto Hofner geschaffen. Ein hübscher, durchtrainierter Bursche, erinnert von fern an Michelangelos David, womit das Tuch, aus dem er sät, auch ein Beutel sein könnte, in dem Steine warten würden darauf, auf gepanzerte Gegner geschleudert zu werden. Der kecke, freistehende Säman erntet zehn Jahre später vom vorerwähnten Keramiknachbarn an der Hausfassade Widerspruch. Josef Franz Riedels Figur von 1930 heißt zwar „Befreiung“, was insofern stimmt, als die Eisenringe um den Hals und um die Handgelenke nicht mehr durch eine Eisenkette verbunden sind. Das wars dann aber auch mit der Freiheit. Bettelarm ist der Mensch und die Stigmata seiner Sklaverei trägt er weiter mit sich herum.

Wenige Jahre später, im Februar 1934 erlangt der Karl-Marx-Hof traurige Berühmtheit, als hier die blutigsten Auseinandersetzungen stattfinden zwischen bewaffneten Arbeitern und den Truppen der Dollfuß-Diktatur. Bundesheer und Heimwehr müssen die Wohnanlage mit Kanonen beschießen, erst dann geben Kommunisten und Republikanischer Schutzbund auf. Unlängst, im Juni 2024 wurde am Karl-Marx-Hof wieder geschossen. Sieben Schüsse sollen es gewesen sein, aufgeklärt ist die Sache bisher nicht. In einigen Wiener Parks kam es in letzter Zeit zu Messerstechereien zwischen ethnisch diversen Gruppen von Jugendlichen, um Fragen der ethnischen Zugehörigkeit. Dahinter wuchern Ängste vor Entrechtung, falls Österreich mit den Nationalratswahlen im September nach rechts umkippen sollte. Die Regierungen des Bundes und der Länder haben gemeinsam die Versorgungsstandards für Flüchtlinge gesenkt. Wien macht da nicht mit, zahlt weiter wie bisher. Ob all die Wohltaten für den Stadtsäckel denn bezahlbar seien, frage ich beim Wein den studierten und berufserfahrenen Betriebswirt, dessen Gast ich bin. Wenn es den Zusammenhalt der Menschen fördere, sei das Geld bestens angelegt, meint der.
Ich erlebe ihn hier ständig, diesen Zusammenhalt. An der Supermarktkasse begrüßt die Kundin vor mir die Kassiererin mit „Junge Frau, ich krieg es billiger“. Sie klebt zwei kleine Marken auf Waren aus ihrem Einkauf. „25% Rabatt“ steht drauf. Dann dreht sie sich zu mir um. „Und der junge Herr auch“, sagt sie und versieht drei meiner fünf Artikel mit ihren Märkchen – zielsicher die teuersten.
gedruckt in Heft 17/2024 der Zeitschrift Ossietzky
Juli 2024
Rotkäppchen und der braune Wolf
Denke ich an die neueren, längst nicht mehr neuen Wahlergebnisse in Europa, packt mich das Grauen. Rechts außen braucht es keine Argumente, kein bürgerliches Mäntelchen und nicht mal den Mindestleumund der Gesetzestreue mehr – die werden immer gewählt. Der Gedanke beschleicht mich, die bürgerliche Mitte könnte schon so schwach sein, dass ich ihr etwas Gutes tun muss. Sie wählen zum Beispiel. Um das noch Schlimmere zu verhindern. Von der Weimarer Republik erzählt man sich, sie sei untergegangen, weil die Mittelparteien nicht mehr gewählt wurden. Daran ist ein Haken, den ich in einer Koproduktion mit den Gebrüdern Grimm zu bezeichnen hoffe.
Reden wir über Rotkäppchen, das liebe Arbeitermädchen, das alle gernhatten und das solidarisch handelte mit den Schwachen. Wie der Name sagt, die Kappe zeigt und die Einstellung beweist: Rotkäppchen war links. Als nun das liebe Rotkäppchen erfuhr, dass es seiner bürgerlich-parlamentarischen Großmutter schlecht gehe, wollte es nicht säumen sie zu besuchen und ihr zu bringen, was die Gesundheit der betagten Frau wiederherstellen konnte. Kuchen und Wein, so viel ein proletarischer Haushalt davon hergibt, packte die Mutter in Rotkäppchens Korb. Aber Rotkäppchen wusste, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern auch etwas Schönes braucht. Darum ging es bewusst vom Weg ab, als es die hübschen Blumen auf der Wiese sah, brauchte dafür nicht den Ratschlag des durchtriebenen Wolfs, sondern nur Augen im Kopf und, zum Pflücken, Hände an den Handgelenken, proletarische Grundausstattung. Schon hatte es beisammen, was die bürgerliche Großmutter gernhatte und von ihren arbeitenden Kindern und Enkeln auch pünktlich einforderte.
Dem bösen Wolf ist Rotkäppchen auf dem Weg zur Großmutter also gar nicht begegnet, behaupte ich (auch wenn der Grimm der Gebrüder mich von hier an verfolgt). Sie hat zwar von ihm gehört, weiß, dass er gerne Menschen frisst und da angeblich nicht wählerisch ist, alte Damen genauso mag wie Mädchen mit rotem Barett. Aber das sind Medienberichte. Man weiß nicht, was dran ist. „Warum sich um sowas einen Kopp machen?“ denkt Rotkäppchen, geht frohgemut zum Haus der Großmutter – einer stattlichen Villa mit Garten, der alles trägt, was Rotkäppchens Familie gern hätte – und klingelt. Nach der Gesichtserkennung durch die Sprechanlage und einer partiellen Deaktivierung der Alarmanlage tritt Rotkäppchen ein, geht zum Schlafzimmer der Großmutter und macht erst mal ein Kompliment: „Oma, du siehst aus wie immer.“ Dann erkundigt es sich nach dem Ergehen. Oh, ganz schlecht sei das, heißt es. Auf Lebensmittellieferungen und Blumensträuße müsse die Großmutter immer länger warten. Der Egoismus der Produzierenden nehme krass zu, andauernd streiken würden die. Neuerdings gebe es sogar Lieferkettengesetze und Pflanzenschutzauflagen, als ob Steuerlast und Bürokratie für ihresgleichen nicht schon lebensbedrohlich genug wären. Das Land „Euer Opa“ sei nicht mehr wettbewerbsfähig und sie, „euer aller Oma“, lasse sich nicht länger von selbstsüchtigen Nachfolgegenerationen auf der Nase herumtanzen. Andere Saiten würden jetzt aufgezogen, schreit die Großmutter und rasselt dazu mit einem Schlüsselbund, das Rotkäppchen noch nicht kennt.
„Hier sind Kuchen und Wein“, versucht es Rotkäppchen, „und da ein hübscher Blumenstrauß.“
„Zu spät“, schnauzt die Großmutter, wobei rechts und links in ihrem Maul stattliche Reißzähne aufblitzen. „Komm mal mit, Kleines“, sagt die angeblich Kranke, springt aus dem Bett und zieht Rotkäppchen hinter sich her durch Haus und Garten zu dem Tor eines weitläufigen Zwingers, in dem Rotkäppchen sogleich den Wolf erblickt. Er ist braun, was Rotkäppchen irritiert, sieht sonst aber aus wie im Schulbuch. Die Großmutter steckt mit der Rechten den Schlüssel ins Torschloss und reckt den Zeigefinger der Linken hoch in den Himmel. „Das habt ihr nun von eurer Frechheit. Mit diesem Wolf gemeinsam habe ich in Thüringen schon einen Ministerpräsidenten gewählt und Grunderwerbssteuern gesenkt. Den lasse ich jetzt raus und in mein Schlafzimmer. Das heißt, zu allererst lass ich ihn dich zu Rote Grütze pürieren und wegputzen.“
Rotkäppchen streckt ihrerseits einen Zeigefinger in die Höhe. Er zittert. Reflexartig nimmt die Großmutter ihr Enkelkind dran: „Ja, Rotkäppchen?“ Das Kind gibt alles, was es in der Schule gelernt hat, auch rhetorisch: „Großmutter, wenn du das machst, frisst der braune Wolf uns beide, das hat er nämlich schon ganz oft gesagt.“
„Pech, Grünschnabel, dass du es geglaubt hast“, sagt die Großmutter. „Der Wolf da frisst keine Inhaberin einer Bankkarte, deren PIN er nicht kennt. Uns mag er nicht, aber unser Geld. Und wenn wir ihm zeigen, wie er drankommt, mag es uns auch irgendwie.“ Damit öffnet die Großmutter das Zwingertor. Rotkäppchen fragt sich, ob der Wolf es lange neben der Großmutter in deren Bett aushalten wird. Es ist Rotkäppchens letzter Gedanke.
Moral aus der Historie: Wenn die Mitte bereitsteht dafür, die extreme Rechte an die Macht zu bringen, ist die Mitte kein Schutz, sondern die akute Hauptgefahr.
Moral-PS: Von links mit der Mitte koalieren kann helfen – so lange kommt Rechts nicht dran.
Moral-PPS: Die angeblich rechten 16- bis 24jährigen Deutschen haben bei der Europawahl genauso viel AFD gewählt wie der Durchschnitt – aber nur gut halb so viel CDU!
gedruckt in Heft 18/2024 der Zeitschrift Ossietzky
Juni 2024
Paragraphenblüte
Die Wahrheitsdrohne überfliegt Deutschland und sendet historische Bilder: blühende Landschaften, soweit das Kameraauge reicht. Osten und Westen bedeckt von sattem Grün. Doch was wächst da, was blüht? Kohl scheint es nicht zu sein. Die Drohne zoomt sich ran und wechselt in den Tiefflug, um Rauchschwaden zu durchdringen, die von Deutschland aufsteigen. Letzter Zweifel verfliegt: Es ist Cannabis.
Flächendeckend stehen die übermenschlich großen Pflanzen in Dreiergrüppchen zusammen und verströmen ihr einst gefürchtetes Aroma. In jeder Pflanzengruppe steht ein über achtzehnjähriger Mensch mit dauerndem Aufenthalt in Deutschland und gießt seine drei legalen Lieblinge. In Vorgärten und Hinterhöfen, auf Balkonen und Dächern, überall da grünt es legal, wo Erwachsene wohnen und ihre Pflanzen gegen die Begehrlichkeit von Jugendlichen gesichert haben. Die dürfen nämlich nichts, wie üblich. Betritt ein erwachsener Mensch seine Wohnung, dann liegen da noch mal fünfundzwanzig Gramm Marihuana für ihn bereit – eine Menge, mit der sich für einen Monat der Zustand des Cleanseins weitgehend vermeiden lässt.
Doch den blühenden Landschaften naht ein Problem. Erntezeit bei Cannabis ist die Blütezeit. Geerntet wird die mit Harz gefüllte Blüte. Was macht nun der gesetzestreue Besitzer dreier Hanfpflanzen, die jede ihre zweihundert Gramm Marihuana abwirft, wenn die Ernte eingefahren ist? Teilen mit anderen darf er nicht. Verkaufen schon gar nicht. Besitzen auch nicht. Vernichten dürfte er den Überschuss, aber bleiben wir realistisch. Deutschland ist in dem besonderen Jahr ein Volk von Bauern geworden. Im August, zur Erntezeit, lodern nicht überall im Land die Hanffeuer, no way. Was der Bauer hat, das raucht er. Und zwar so schnell wie möglich, damit nicht allzu viele illegale Weckgläser voll des Räucherwerks in der Wohnung herumstehen. Sommerurlaub mal anders: Das Auto bleibt da, der Körper auch. Der Geist ist dann mal weg für sechs bis acht Wochen.
Nehmen wir, ebenso realistischerweise, an, die Polizei hackt sich ins Bordsystem der Wahrheitsdrohne und guckt „Deutschland von oben“, die Augustfolge. Was sehen die schreckensgeweiteten Beamtenaugen? Überall Pflanzengrüppchen wild im Gelände, in Parks, auf Brachland und, besonders auffällig, auf Brücken! Das geht doch nicht! denkt der sagen wir mal bayerische Einsatzleiter, rückt aus zur nächsten Brücke und stellt die Personen, die er antrifft, zur Rede. Doch doch, das gehe, antwortet man ihm frech. Die Brücke sei Wohnsitz im Sinne des Gesetzes zum kontrollierten Umgang mit Cannabis. Glaubt der Beamte nicht? Dann lernt er jetzt die Gesetzesdefinition. „Wohnsitz: der Ort, an dem eine Person eine Wohnung unter Umständen innehat, die darauf schließen lassen, dass sie die Wohnung beibehalten und benutzen wird“. Die genannten „Umstände“ würden sich ja wohl nicht ändern, fügt der Obdachlose hinzu, man nenne sie Kapitalismus. Und wünscht noch einen schönen Einsatztag, wozu er den Ordnungshüter mit der Abluft eines halben Gramms Marihuana einnebelt.
Der Polizeiobermeister ist sauer, er will jetzt irgendwas verbieten oder vereiteln. Das ist aber nicht so einfach. Dem ersten Kiffer, den er in der Stadt trifft, zeigt er einen Kinderspielplatz am Ende der Straße: „Keine zweihundert Meter Abstand! Das wird teuer.“ „Zwoahundertzwoa“, antwortet der Breite und raucht gemütlich weiter. Was tun? Der Polizist fordert im Zuge der Amtshilfe einen Vermessungsingenieur an. Als der nach drei Stunden eintrifft, deutet der Polizist auf den Spielplatz und als der Ingenieur gemessen hat, steht der Konsument drei Meter weiter. „Zweihundertundeinen Meter“ betrage der Abstand, so das amtliche Messergebnis. Der Polizist ruft seinen siebzehnjährigen Sohn an und nimmt ihn mit auf Streife, wodurch jeder Ertappte automatisch „in unmittelbarer Gegenwart von Personen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben“, ertappt worden wäre. Doch schon beim ersten schnappt der Sohn sich dessen Joint, nimmt einen Zug und atmet aus mit dem Satz: „Happy Birthday mia selba! Papa, du hast meinen Geburtstag vergessen.“ Dem verzweifelnden Kulturschützer kommt eine letzte Idee. Er fährt zum nächsten Wald, stellt sich hinter einen Baum und springt hervor, als die ersten Ex-Kriminalschwaden an ihm vorbeiziehen. „Legalisierung“, lallen die Extäter, „schon gehört davon?“ Und haben mit der Antwort nicht gerechnet: Weil Autofahren in einem Wald verboten sei, handele es sich bei einem solchen logischerweise um eine Fußgängerzone. Und in einer solchen sei zwischen sieben und zwanzig Uhr verboten, was sie somit illegal gerade getan hätten. In dem Moment läutet es acht Mal vom nahegelegenen Kirchlein. Der Beamte bricht zusammen. Man wünscht ihm allgemein noch einen entspannten Abend.
Vom Kernstück des neuen Gesetzes haben wir damit noch gar nicht gesprochen, den siebeneinhalb Seiten und neun Paragraphen über die „Anbauvereinigungen“. Zu dieser höchsten Blüte am Gesetzesstamm nur so viel: Wer es jemals schaffen sollte, sämtliche Vorgaben zur Gründung einer solchen Vereinigung zu erfüllen, die oder der hätte etwas geschaffen, das mit seiner Komplexität und Undurchschaubarkeit in direkte Konkurrenz zum deutschen Staat treten würde.
gedruckt in Nr. 489/2024 der Zeitung graswurzelrevolution
Mai 2024
Zugetextet
Meine Frau meint, ich würde sie zutexten. Und nicht nur sie. Auch andere hätten das schon gesagt. „So? Wer denn?“ will ich wissen und zwar zu recht, weil meine Frau sonst Dinge behaupten kann, die mich schlecht aussehen lassen, aber nicht stimmen. Erst will sie keinen nennen, was für mich heißt: Sie weiß keinen, was wiederum bedeutet: Stimmt nicht.
An sich kann es auch nicht stimmen, wie meine Leser:innen bestätigen werden, die sich von mir informiert, angeregt, bereichert, vielleicht auch geistig herausgefordert, konfrontiert, hinterfragt und was weiß ich noch alles fühlen mögen, aber nicht zugetextet. Sonst hätten sie mir das ja geschrieben in Kommentarfeeds unter meinen Onlinetexten oder mitgeteilt in Fragerunden, mit denen ich meine Lesungen als pflichtbewusster Autor beende. Nein, man kann mir manches nachsagen, aber zutexten würde ich weder meine Leser:innen noch andere wichtige Personen meines Umfelds. Da hat meine Frau mit ihrer Kanone einen Spatzen erschossen, der nie existierte.
Nach einigem Zögern nennt sie unseren Sohn. Der hätte das auch gesagt. Schock. Mein Sohn und ich, muss man wissen, wir verstehen uns prächtig. Führen lange Gespräche, die einen unvorhersagbaren Verlauf haben und immer spannende Ergebnisse liefern. Mir jedenfalls.
Beim nächsten Telefonat mit meinem Sohn achte ich streng darauf, nur Fragen zu stellen und auf keine der Antworten irgendetwas zu erwidern. Nach fünf Minuten – die habe ich mir vorgenommen und mit der Armbanduhr gestoppt – frage ich ihn direkt: „Übrigens, die Mama meint, du habest gesagt, ich würde dich zutexten. Stimmt das?“ Mein Sohn schweigt. „Ich meine, hast du das wirklich gesagt? Du kannst ganz offen reden. Ich will nur wissen, ob es stimmt, und wenn ja, erfahre ich, wie ich auf andere wirke. Dich zum Beispiel.“ Mein Sohn ist sich nicht sicher, ob er es gesagt hat, behauptet dann aber: „Na ja, du textest mich schon zu, Papa. Nicht immer, aber doch des Öfteren. Ich weiß manchmal gar nicht, wovon du redest, aber das ist schon okay. Ich hab da kein großes Problem mit.“ Kurz schlucken muss ich, dann ist mir wichtig: „Du kannst es mir offen sagen, wenn es mal wieder passiert. Warum hast du es mir nicht gesagt?“ „Na ja“, fängt er den nächsten floskelhaften Satz an – eine Unart, und sowas will mein Sohn sein – „sowas sagt sich nicht so leicht. Schließlich könnte der andere sich kritisiert fühlen.“ Wir beenden das Gespräch mit der Vereinbarung, dass er mir in Zukunft gleich rückmelden darf und wird, wenn ich ihn mal unfreiwillig und ohne es zu ahnen zugetextet haben sollte.
Meine Frau hat dann noch eine Bekannte genannt, die ich angeblich auch zugetextet habe. Wie sie meiner Frau berichtet habe. Auf einer Berlinfahrt war das, die ich mit der und ihrem Mann gemacht habe in deren klapprigem VW-Transporter, wo ich auf der hinteren Rückbank sitzen musste, weil der ganze Stauraum mit Sachen für deren Kinder und Enkel vollgestellt war, die mehrheitlich in Berlin leben. Ich erinnere mich noch gut, wie ich erst von jedem Enkelkind und, als das letzte durch war, jedem Kind von denen das Neueste erfahren durfte, was viel war, weil ich auch das etwas Ältere noch nicht wusste und dringend erfahren musste, um das Nachfolgende verstehen zu können. Anschließend erfuhr ich ungeahnte Dinge über meine Heimatstadt Berlin. Jedes Detail war von einem Enkelkind oder Kind von denen persönlich erlebt worden und damit familienamtlich verbürgt, sodass die Eltern und Großeltern mich unmöglich nach Berlin gelangen lassen konnten, ohne mir all die grundlegenden Entwicklungen vorher mitgeteilt zu haben. Und dann war Ende. Dann schwieg man sich da vorne an und auch mit mir wurde kein einziges Wort mehr gesprochen.
Na ja, ich schließe nicht aus, dass ich in der Situation, die ich als schwierig empfand, die eine oder andere Bemerkung nach vorn gemacht haben könnte. Und ja, auch politische Meinungen wurden dabei eventuell von mir geäußert. Die ungefragt von mir erfahren zu haben die Bekannte sich nämlich bei meiner Frau besonders beklagt hat. Na und? Was sollte ich machen in meiner Notlage, die erst in meiner Vergewaltigung durch langweilige Familiennachrichten und dann in eisigem Schweigen mir gegenüber bestand? Was sollte ich dem entgegensetzen, womit die zwei Gesegneten auf der Führerbank mir gegenüber zu protzen begonnen hatten und bedrohliche fünfhundertsiebzig Autobahnkilometer lang weiterprotzen würden, wenn mir nichts einfiel? Der eine Sohn, den meine Frau und ich zustande gebracht haben, kam gegen all das nicht an, zumal er mir über Frankfurt am Main noch keine grundstürzend verändernden Zustandsmeldungen gemacht hat. Ich könnte umgekehrt behaupten, dass die mich und meine Heimatstadt zugetextet haben mit lauter vorlauten und mitteilungsbedürftigen Kindern und Enkelkindern nebst dem dazugehörigen Eltern- und Großelternstolz, der alles vom Nachwuchs Erlebte für mitteilungsbedürftig hält.
Mein Handy klingelt. Es ist mein Sohn. Ich drücke ihn weg und höre ganz schnell auf einen Text zu schreiben, mit dem ich andernfalls Gefahr laufe die eine geschätzte Leserin oder den anderen beinahe ebenso geschätzten Leser am Ende noch zuzutexten.
gedruckt in Heft 12/2024 der Zeitschrift Ossietzky
April 2024
Buchmessdiener missbraucht!
Die Frau meines Verlegers ist lustig. Verdächtigt mich, ich wolle nur ihren Schnaps, wenn ich mich vor den Verlagsstand in den Gang stelle und Bücher feilbiete: „Pro verkauftes Buch ein Stamperl, aber erst, wenn ich das Geld hab.“ Wer denkt denn an sowas, wenn es um Literatur geht, und noch nicht mal um schlechte?
Und noch nicht mal mein Buch preise ich an, sondern „Smartphone Storys“, die der geschätzte Kollege Gruner herausgegeben hat. Es geht so einfach: „Sie haben doch ein Smartphone“, lautet mein erster Satz, bei dem einfach jede/r stehenbleibt, um den zweiten Satz in der Ruhe des Stehens zu hören: „Dann müssen Sie dieses Buch eigentlich haben.“ Eine Kundin lacht mich für das „eigentlich“ aus. Ich fühle mich wie Heidegger, den Adorno für das Wort ausgelacht hat. Der Nächste, ein Teenager, verwickelt mich in ein Literatur-Bewerbungsgespräch. „Wie lange dauert es, ein Buch zu schreiben? Jahre?“ „Ein Jahr“, beruhige ich. „Und wie fängt man an?“ Ich spreche über die Unausweichlichkeit der Mitteilung, falls man etwas erlebt oder eigenköpfig gedacht hat. Der Junge habe schon sehr viel erlebt, meint er und verabschiedet sich in der Laune Apollos, nachdem ihn fünf Musen geküsst haben. Eine Frau hat das komplette Rekrutierungsverfahren mit angehört und weiß trotzdem noch, was ich am Anfang über das Buch gesagt habe. Sie will es. „Kann ich mit Karte zahlen?“ fragt sie. „Gerät ist kaputt“, brummt die Chefin. „Dann muss ich Bargeld holen“, heißt es und für die pure Erwartung, die Dame könnte wiederkommen, steht das erste Stamperl vor mir, dem auf meine Beteuerung, der Bankomat stehe in einer weit entfernten Halle, ein zweites folgt. Als ob ich es darauf abgesehen hätte!
Aber der rumänische Palinka, auch noch von der Quitte, tut sein Übliches, um mich in meiner freien Verlagsmitarbeit zu beflügeln. Jetzt sind gleich zwei interessiert an dem Buch. Okay, ein Paar. Und nein, das Interesse habe nicht ich geweckt. Als ich eben aushole von den bunten Geschichten, die der geniale Herausgeber mit seinem unfehlbaren Spürsinn gesammelt habe, kommt: „Den haben wir grad kennengelernt. Da hinten im Café.“ Ach, denke ich. Guck mal an. Da sitzt der Herr Herausgeber also lieber, als am Verlagsstand mit anzupacken am gemeinsamen Leipziger Messeerfolg. Das Ehepaar will „einen Blick werfen“ in das Buch. Das geht nicht. Mein Verleger präsentiert sämtliche Titel nur eingeschweißt. („Die kaufen sowieso nicht und hinterher kann ich das Buch wegschmeißen.“) Ich gehe zum Nachbarstand, wo der Verleger den Messetag mit seinem Lieblingskollegen verplaudert, frage, ob ich das Buch öffnen darf, erkläre warum. Widerwillige Zustimmung – „ein Blick, ein Euro“. Nach fünf Blicken (unbezahlt) will das Paar kaufen, wieder mit Karte. Diesmal behalte ich den Mann als Pfand da, während die Frau zum Bankomaten läuft. Ich verkaufe ein Buch, bekomme dafür die paraerotische Anerkennung der Chefin – aber keinen Schnaps.
Ich zweifle an der Welt im Allgemeinen, meiner Rolle darin im Besonderen. Da tröstet mich die Wahrheitsdrohne mit Bildern von der Leipziger Buchmesse 2025. Ja, das Gerät fliegt auch mal in die Zukunft. Und in der gehen alle Autor:innen gemeinsam auf die Jagd. Die zweihundert, die mein Verleger in dem Jahr ausstellt, sitzen in sämtlichen Messecafés, trinken Kaffee (oder was sie gern trinken) und lernen Büchermenschen aller Geschlechter und Geschmäcker kennen. Möglichst Barzahler – an der Kasse eines SB-Cafés lässt sich das vorsortieren. Und verwickeln sie in unvergessliche Gespräche nebst Kostproben ihres unwiderstehlichen Charmes, sodass die wachgeküssten Lesewilligen aufspringen und den ihnen gewiesenen Weg zum Verlagsstand laufen. Da steht dann der Jäger mit der Flinte im Anschlag … Quatsch, der Verleger mit einem Lächeln auf den vollen Lippen und drückt jedem Kulturmenschen das von ihm gewünschte Buch persönlich in die Hand. Und die Chefin sitzt einfach nur daneben und fragt sich, womit sie das Glück verdient, das dieser Mann ihr gebracht hat, alias diesen Mann, der nämlich für sie und die Schreibenden und Lesenden all dieser schönen Bücher der überhaupt größte Glücksbringer ist.
gedruckt in Heft 08/2024 der Zeitschrift Ossietzky
März 2024
Endlich in einer Beziehung: Schweden
Heute kreist die Wahrheitsdrohne über Schweden, dem jüngsten NATO-Mitgliedsland. Alles ist anders, zweihundertzehn Jahre Neutralität sind beendet, demnächst vielleicht zweihundertzehn Jahre Frieden.
Auf jeden Fall die Pressefreiheit. Ein neues Gesetz stellt alles unter Strafe, was als Unterstützung des Terrorismus gelten kann. Bei der Definition hilft der neue Partner Türkei. Im Gegenzug erhält er schwedische Waffen nebst Unterstützung bei der „Terrorismusbekämpfung“. Dafür gibts die NATO-Mitgliedschaft für Schweden, wofür die Türkei wiederum US-Kampfflugzeuge bekommt, demnächst als Dauergäste im nordsyrischen Luftraum erwartet, den die USA offiziell überwachen. Am Boden zieht Schweden dort die Unterstützung zurück, die es zivilen Kräften erst vor knapp zwei Jahren zugesichert hatte.
Schwedisch-türkischer Honeymoon, da ist ein Blick auf den neuen Partner erlaubt. Seit drei Monaten fliegt er eine Offensive nach der anderen auf das Gebiet der Demokratischen Kräfte Syriens, kurdisch Rojava. Im November zerstörten türkische Drohnen das Gasverteilungszentrum Siwêdiyê, das einer Region mit einer Million Einwohnern Strom lieferte. Im Januar brachte ein weiterer Drohnenangriff die Stromversorgung in neun Städten und zweitausendzweihundertzweiundreißig Dörfern weitgehend zum Erliegen. „Mitten im kalten Winter“, heißt es im Kirchenlied. Schulen, Krankenhäuser, die Treibstoff- und Grundversorgung der Bevölkerung wurden angegriffen, etwa eine Mühle, die täglich eintausend Tonnen Mehl produziert hatte. Anfang Februar beschossen türkische Drohnen Zivilschutzeinheiten in Qamişlo, eben damit befasst, neu entstehende IS-Strukturen in dem mit fünfundfünfzigtausend Insassen größten Internierungslager für ehemalige IS-Kämpfer und ihre Familien auszuheben. Tage später wurde ein Rehabilitationszentrum für Kriegsversehrte in Nord- und Ostsyrien bombardiert. Dort starben Menschen, die im Kampf gegen den IS verwundet worden waren und sich auf einen Wechsel in zivile Berufe vorbereiteten. Die ständigen Luftangriffe, speziell die auf Bewacher von IS-Gefangenen, können dazu führen, dass Letztere sich massenhaft befreien, ist vor Ort zu hören. Es wäre Absicht. Die Türkei ist de facto verbündet mit dem Satanischen Staat, wie die Kopfabschneider zutreffender heißen sollten. Sie wird dabei gedeckt von einem Bündnis, das Erdogans Definitionen kritiklos übernimmt. NATO-Generalsekretär Stoltenberg 2017: „Bedenken Sie bitte, dass kein anderes NATO-Land so stark von Terroristen angegriffen (sic) wurde wie die Türkei.“
Glückwunsch, Schweden, dein Neuer ist ja richtig sympathisch! Und passt so gut zu dir. Wie, du bist liberal und er nicht? Mal langsam. Er gründet bald eine „Demokratische Allianz für Vielfalt und Aufbruch“ (DAVA) bei dir wie in Deutschland. Die räumt mit der „Gender-Ideologie“ auf und ist offen für alle Muslime, freu dich drauf. Deine Schwedendemokraten sind Nationalisten, er auch. Deine Köttbullar heißen Köfte bei ihm und schmecken sogar. Dein Stahl findet Verwendung in seinem Wahrzeichen, dem Dönerspieß. Er trinkt gern Schnaps, aber heimlich, genau wie du mit deinem verklemmten Alkoholgesetz. Glaubst du nicht? Guck dir den Präsidenten an, die Augenringe, der Teint, der glasige Blick sagen wohl genug. Pornographie verkaufst du da besser als zu Hause, bei all den Vorhängen, Umhängen, Vorhängeschlössern an den Frauen der Notbehelf für die Machomännchen. Was in den tausend Zimmern des Präsidentenpalasts abgeht, willst du gar nicht wissen. Der Präsident weiß es selbst nicht mehr. Und komm, religiös warst du auch immer, sektenreich und verschwurbelt, wenn man deinen Dichtern von August Strindberg bis Per Olov Enquist glauben darf. Lies Orhan Pamuk und du siehst in hundert Spiegeln dein religiös-sentimentales, vor Selbstliebe aufgeplatztes Frömmlergesicht. Nein nein, mit Islam oder Christentum hat das nichts zu tun. Das ist einfach nur unangenehm.
Und wenn du noch immer zweifelst – er hat Drohnen! Lass es dir von einer Drohne sagen: Dein neuer Freund ist der größte Drohnenproduzent und -verkäufer weltweit. Seit 2021 haben fünfzehn Länder Bayraktar-TB2-Drohnen bei ihm gekauft. Ein weiteres Dutzend Länder hat bestellt und wartet. Die meisten Kunden setzen die Waffe innerhalb der eigenen Grenzen ein, gegen ihre Bevölkerung. Greif zu, vielleicht kriegst auch du mal Ärger mit den Schwed:innen, zum Beispiel wenn sie merken, was deine Aufrüstung kostet. Du fragst nach einem Beispiel für den intranationalen Einsatz von Bayraktar-Drohnen? Ich gebe dir eins: die Ukraine. Am 26. Oktober 2021, vier Monate vor dem gern „unprovoziert“ genannten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands, setzte die Ukraine erstmals eine Bayraktar TB2 gegen Stellungen im abtrünnigen Donbass ein. Honi soit qui mal y pense? Ich denke: Dein neuer NATO-Freund weiß genau, was er tut. Vom wenig später ausgebrochenen Ukrainekrieg profitiert er dreifach: als „Vermittler“, als Waffenhändler, vor allem aber mit seinem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Nordsyrien, für den die (ab)gelenkte Öffentlichkeit gerade keine Zeit und kein Interesse hat.
Friede den nordsyrischen Hütten! Friede auch dem Präsidentenpalast – wenn er nur zu der türkisch-kurdischen Aussöhnungspolitik zurückkehren wollte, die bis Juli 2015 erfolgreich von Erdogan getestet wurde.
gedruckt in Heft 05/2024 der Zeitschrift Ossietzky
Februar 2024
Im Eck ich steh, ich tu ihm weh – wer bin ich?
Gleich wird es hier so persönlich, dass ich keine Zeugen gebrauchen kann. Ich muss mit dem Gegenstand meiner Auseinandersetzung allein sein, weshalb ich ihn direkt ansprechen werde. Achtung, ich spreche: Wie – frage ich dich – soll es zwischen uns weitergehen? Was für Qualen gedenkst du mir weiter zu bereiten, die ich nicht entweder schon kennen oder aber mit endgültiger Trennung von dir beantworten würde?
Ach guck mal, die Wahrheitsdrohne schwirrt ab. Ernsthafte Beziehungsarbeit ist nicht so ihr Ding, scheints.
Wo war ich stehengeblieben? Richtig: bei meinen Qualen. Bei meinen Schmerzen. Stehend vor dir als der Ursache denke ich Sachen wie: Bin das wirklich noch ich? Ich kann nämlich zwischen dir und mir nicht mehr unterscheiden, so nah sind wir uns gekommen. Du bist ein Teil von mir geworden. Du wütest in meinem Innersten. Der Schmerz, den du mir bereitest, füllt mich aus wie das Bier das Glas. Man sagt „Glas“ und meint in Wirklichkeit Bier, das sich in einem Glas befindet. Ich betrachte mich im Spiegel und sehe in Wirklichkeit dich. Was du mir angetan hast, zeichnet sich ab in meinem Gesicht, vollständig. Oder nicht mal: Ich bräuchte zwei Gesichter – wie meine wohlhabenderen Freunde zwei Bildschirme auf ihrem Schreibtisch stehen haben – um alles anzeigen zu können, was du mir angetan hast. Die ganze Breite der Palette, mit der du den Schmerz in meine zwei Gesichter gemalt hättest.
Zwei Wochen vor Weihnachten fing es an. Ich dachte sofort über Trennung nach, wollte aber das Fest noch ein Mal mit dir erleben. Ich brauchte dich für dieses Fest, für seine dreitägigen Freuden. Und irgendwie lief es sogar. Ich dachte schon, du wolltest dich vertragen mit mir.
Aber nein. Zwei Tage nach Weihnachten ging es wieder los. Ich schluckte Tabletten und Alkohol durcheinander, um zu verarbeiten, was du mir neuerlich antatest. Und ich schluckte die Einsicht, ärztliche Hilfe zu benötigen. Im weiten Rund unserer gemeinsamen Heimat telefonierte ich nach Beistand. Alle waren im Urlaub und verwiesen auf Vertretungen in Bundesländern, die ich noch nie bereist habe. No way. Wir würden zusammen ins neue Jahr gehen, soviel war klar. Unberaten und ohne ärztliche Aufsicht würden wir über die Zukunft unserer Beziehung entscheiden, glaubte ich.
Dann überschlugen sich die Verwicklungen. Den Jahresanfang hindurch telefonierte ich ganztägig mit Fachärzten. Ihr Urlaub war verlängert worden. Als der Telefonseelsorge die Ratschläge ausgingen, suchte ich einen Notdienst auf. Der jugendliche Arzt riet zu einer analytisch bohrenden Paartherapie. Ich flüchtete mich in einen zwei Wochen späteren Termin bei einem Niedergelassenen. Der war noch jünger und empfahl die Trennung. Liegend auf seiner Couch traf mich der Schlag. Ich argumentierte mit der besonderen, unverzichtbaren Stellung, die du in meinem Innern einnehmest. Verlöre ich dich, werde dort alles zusammenbrechen, weissagte ich und entkam dem Weißkittel mit letzter Entschlusskraft. „Ich kann nicht ohne ihn leben!“, rief ich durch den Spalt der zufallenden Praxistür.
Jetzt ist es raus. Es geht nicht um meine Frau. Du, Schmerzgebärender, stehst mir näher als sie, begleitest mich auch schon Jahrzehnte länger. Schwul bin ich allerdings auch nicht geworden. Es ist alles komplizierter. Du seiest in Wahrheit schon abgestorben, hatte der Niedergelassene gesagt, werdest mir so jedoch noch gründlicher wehtun als zu Lebzeiten.
Ich weiß nicht, ob es stimmt. Ich spüre nur noch einen unbestimmten, fast nostalgischen Schmerz, wenn ich an dich denke. Auch frage ich mich, ob ein so junger Arzt die Probleme einer so langen Beziehung überhaupt versteht. Er geht doch von frisch Verliebten aus, die schmerzfrei zusammenarbeiten – weil es das ist, was er kennt. Solche Ansprüche stelle ich aber nicht. Ich stehe zu dir mit all deinen Mängeln und Beschädigungen. Selbst dein Tod nimmt dir nichts von deiner Bedeutung für mich, wenn du nur bitte, bitte weiter mein Essen kleinmachst. Ich putze und pflege dich liebevoller als in deinen strahlenden Jugendjahren – und du zahlst mit Verweigerung und heimsuchendem Schmerz zurück?? Die Wut, die ich so langsam auf dich habe, wird mir helfen müssen mich von dir zu trennen.
Wenn ich Francoise Rosay ein dentistisches Bonmot in ihrem hübschen Mund umdrehen darf: Zähne sind wie Frauen. Es dauert lange, bis man sie bekommt. Und wenn man sie hat, tun sie einem weh. Und wenn sie nicht mehr da sind, hinterlassen sie eine Lücke. Eigener Zusatz: Die größte Lücke hinterlassen die, die immer (still) in der Ecke standen.
gedruckt in Heft 04/2024 der Zeitschrift Ossietzky
Januar 2024
Schuster, bleib bei unseren Flügeln
Es begab sich aber zur Weihnachtszeit, dass ich gen Frankfurt-Sachsenhausen radelte, um ein Geschenk zu kaufen. Kein Weihnachtsgeschenk, sondern ein Bild für eine der vielen Wände der Wohnung, die sich ein Freund gerade gekauft hat. Auf der Fechenheimer Fahrradbrücke erreichte mich der Anruf einer jungen Autorenkollegin, die ich in Sachsenhausen treffen wollte. Sie sei gerade in Fechenheim. Also verabredeten wir uns in einer kleinen Cafè-Galerie dortselbst.
Die Inhaberin hatte mich vor vielen Jahren zu einer Lesung eingeladen, seitdem nicht mehr gesehen. Nun wollte sie wissen, wie es mir in der Zwischenzeit ergangen sei. Ich weiß nicht, warum ich nach drei Sätzen bei einem Thema war, das die Dreiviertelstunde, die wir auf meine Kollegin warteten, vollständig ausfüllte. Es war das Thema des schreibenden Verlegers. Ja, berichtete ich wahrheitsgemäß, der Verleger, bei dem ich vor Jahren rauskam, schreibt jetzt. Also selber. Ja genau, Bücher. Ja wie ich das denn fände. Ich weiß nicht, ob die Galeristin überhaupt dazu kam, es mich zu fragen, so schnell antwortet ich: Na ja nee!! Also nicht so. Das heißt … ja ja, doch doch! … Das Schlimmste ist nämlich: Er schreibt gut. Eigentlich in Ordnung also, oder was heißt in Ordnung, unbedingt notwendig, dass seine Sachen erscheinen, dass sie dann auch gekauft, gelesen, geliebt werden. Ja doch.
Und ich? Und wir, seine Autorinnen und Autoren? Was wird aus uns?
Immerhin: Im Unterschied zu manch anderem verlegt der Verleger seine Werke nicht selbst, sondern bietet sie Kolleg:innen an. Und die drucken sie aus dem einfachen Grund, dass sie gut sind. (Habe ich „leider“ gesagt?) Insofern trennt er die zwei Herzen in seiner Brust sauber. Dann kommt allerdings Jesus und guckt genauer hin: „Wo dein Schatz ist, da wird dein Herz sein.“ Welches der zwei Herzen schlägt? Ich weiß nur das: Mein letztes Buch bei dem Verleger hatte genau eine Lesung, die der Verlag für mich arrangiert hat. Im selben Jahr hatte der Verleger mit seiner eigenen Neuerscheinung zwanzig Lesungen. Nein, die hat nicht sein Verlag für ihn arrangiert. Und ja, ich hatte zehn Lesungen mehr als er. Aber bei der Hälfte war es eine lange, lästige Stange Arbeit für mich, sie zu verabreden. Das nächste Buch habe ich dann in einem anderen Verlag rausgebracht.
„Weil da zwei Kolleginnen hartnäckig für dich geworben haben“, plärrt die Wahrheitsdrohne dazwischen. Sie hat Recht. Das ist die Hauptnachricht dieser Glosse. Sowas tun Autorinnen auch (gendern will ich hier nicht, Goethe hat Recht: Frauen sind die besseren Menschen): selbstlos helfen. Und das, obwohl, wie ich bald erfuhr, die Guten und ich plus zweihundert Weitere das bekannte Problem haben: Auch dieser Verleger schreibt. Schon viel länger als ich veröffentlicht er Literatur. Und muss ich es noch hinschreiben? Es war ja so klar. Es konnte ja nicht anders kommen: Seine Sachen sind gut. An der Stelle ungefähr kam die junge Kollegin zur Tür reingestolpert, fiel auf einen Stuhl, klappte vor mir ihren Laptop auf und sagte, während sie in aller Ruhe aus dem Mantel kroch: „Hier, lies das mal. Hab ich heute geschrieben. Aber lies es genau. Ich glaub, ich hab noch nie was so Gutes wie das geschrieben.“
Und wieder stimmte es. Nachdem ich drei Seiten gelesen hatte, hatte ich allerdings eine Vision und tat nur noch so, als ob ich weiterläse. Vor meinem inneren Auge stand ein nicht endendes Schuhregal, in dem lauter geflügelte Schuhe standen. Ein selbstloser Mensch hatte diese Schuhe für uns, seine Autor:innen, angefertigt, damit unsere Literatur sich in alle Winde verbreitete. Ich war so gerührt, dass ich kaum aufwachte von der Frage, die die Kollegin mir schon dreimal gestellt hatte: „Sag mal, könntest du bei deinem Verleger anfragen, ob er das Buch vielleicht machen will?“ „Ich weiß nicht“, antwortete ich, „ob das der richtige Platz wäre. Da sind schon so viele Autoren … Und dein Manuskript hat das Potenzial für einen großen Publikumsverlag, wirklich. Also ich an deiner Stelle …“ „Schon gut, war ja nur ne Frage“, lenkte die Jungautorin ein und ich hatte ein schlechtes Gewissen. „Aber du hattest auch ein Bisschen Recht“, schnattert die Wahrheitsdrohne plötzlich. Dass die mal was zu meinen Gunsten sagt!
Ich tat, was schlechte Menschen tun, wenn sie nicht weiterwissen. Ich lenkte ab, mit einem Hinweis auf die Bilder, die an den Wänden der Galerie hingen. Nach ein paar Höflichkeiten fiel mir ein, dass ich auf der Suche nach einem Bild war. Aber bitte keins von denen, wusste ich. Da bemerkte ich eine kleine Arbeit, die in der hintersten Ecke des Raums auf einem Bücherbord lehnte und, wie ich bei Annäherung sah, schon eine Weile vor sich hin staubte. Sie gefiel mir auf Anhieb. „Ach das“, sagte die Galeristin. „Das ist von mir.“
Ich handelte den Preis geringfügig runter und kaufte das Werk einer Galeristin, deren Ausstellung von in Öl gemalten Porträts mich und die Galeristin, während ich mich verabschiedete, aus einem Dutzend Augenpaaren hasserfüllt anstarrte.
gedruckt in der Frankfurter Rundschau vom 21.12.2023
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